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Mörder in Allahs Namen

Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen

Schon der Titel und das Foto auf dem Buchumschlag sind geeignet, Schauer über den Rücken zu jagen. Ein Mann – unzweifelhaft ein junger – seht da, dem Betrachter nicht nur den Rücken zugewandt, sondern zudem auch noch die Kapuze des schwarzen Pullis über den Kopf gezogen. In arabischer Schrift ist weiß aufgedruckt das islamische Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Gesandter“. Kein Zweifel, das Bild soll sagen: Hier ist wieder ein Jugendlicher auf dem Weg in den Terror. Oder, er ist zumindest in einem hohen Grad gefährdet, auf der für ihn entscheidenden Lebenskreuzung in diese verhängnisvolle Richtung abzubiegen. Dass dieses bedrückende Empfinden gewollt erzeugt ist, wird spätestens bei der Überschrift deutlich: „Zum Töten bereit – warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“.

„Wie eine persönliche Niederlage“

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Lamya Kaddor

Die Autorin weiß, wovon sie schreibt. Lamya Kaddor (37), als Tochter syrischer Zuwanderer 1978 im westfälischen Ahlen geboren, ist Islamwissenschaftlerin mit Studium in Münster und als Lehrerin für islamische Religion an einer Hauptschule in Dinslaken-Lohberg tätig, etwa 40 Km von Duisburg entfernt. Ein Ort, wie es viele gibt in dieser einstigen Kohleregion, wo vor ein paar Jahren die letzte Zeche still gelegt wurde. Nicht „still gelegt“, freilich, wurden damit jene Menschen (und natürlich auch deren Nachfahren), die in den 60-er und 70-er als Arbeitskräfte „vor Kohle“ geholt worden waren: Türken vor allem, aber auch Menschen aus anderen Teilen der nahöstlichen Welt oder vom Balkan, wie etwa aus Bosnien und dem Kosovo – vorzugsweise Muslims, also. Sie stellen in Lohberg, sagt die amtliche Statistik, rund 43 Prozent der Bevölkerung. Andere meinen, die Dunkelziffer (und damit die Wirklichkeit) sei doppelt so hoch.
Aber diese Situation ist, wie gesagt, nicht einmalig. Sie wäre wohl auch kaum irgendwo erwähnt worden, hätte nicht die so genannte „Lohberger Gruppe“ bundesweit für helle Aufregung gesorgt. Fünf, bis dahin unauffällige, junge Männer hatten sich von einem einzigen Salafisten radikalisieren lassen und waren nach Syrien gereist, um sich dort der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) als Kämpfer zur Verfügung zu stellen. Die deutsche Öffentlichkeit zeigte sich bestürzt. Einen wirklichen Schock jedoch bedeutete dieser Vorgang für Lamya Kaddor. Denn die „zum Töten bereiten“ Jugendlichen waren zuvor Schüler von ihr. Dass sie deren Veränderungen nicht rechtzeitig bemerkt und das Abdriften zu den Mordbrennern des „Islamischen Staats“ nicht verhindern konnte, betrachtet sie „als persönliche Niederlage“.

Leichte Beute für religiöse Rattenfänger

Die Islamwissenschaftlerin widerspricht sowohl im Buch als auch bei ihren zahlreichen öffentlichen Auftritten vehement all jenen, die behaupten, dass Islam und Islamismus nichts miteinander zu tun hätten. In der Tat ist diese These allein schon deshalb unhaltbar, weil die terroristischen, Menschen verachtenden Gruppen – gleichgültig, ob Islamischer Staat, Taliban, Al Quaida oder Boko Haram – sich allesamt darauf berufen, „im Namen Allahs“ zu handeln, demnach also auch im Namen Gottes morden. Allerdings sind, so die Erfahrungen Kaddors, die Religion und der Glaube nicht der entscheidende Magnet, der die jungen Menschen anzieht und dann als leichte Beute zumeist unauflösbar in die Hände der islamistischen Rattenfänger geraten lässt. In ihrer Eigenschaft als Religionslehrerin hat die Autorin rasch herausgefunden, dass die jungen Leute den Begriffe „Islam“ und „Muslim“ zwar permanent verbal vor sich hertragen, in Wirklichkeit jedoch (abgesehen von einigen auswendig gelernten Suren) so gut wie keine Ahnung vom Koran und dessen Auslegungsmöglichkeiten haben.
Lamya Kaddor lässt keinen Zweifel daran, dass sie die mittlerweile vor allem in Westdeutschland fast überall auftretenden Salafisten für extrem gefährlich hält. Ihren Beobachtungen zufolge, gelingt es diesen religiösen wie politischen Fanatikern mit ausgeklügelten Strategien innerlich labile Heranwachsende entweder individuell und gezielt auszumachen und anzusprechen. Oft genug jedoch gelingt es ihnen – besonders im Migrantenbereich – sogar, ganze Gruppen einer islamistischen „Therapie“ zu unterziehen. Und zwar vorzugsweise dort, wo die jungen Menschen keinen Halt in Schule, Beruf oder Gesellschaft gefunden haben. Das gelte, sagt die Autorin, in erster Linie für Jungen, in zunehmender Zahl allerdings auch für Mädchen. Was aber ist der Grund für die Attraktivität dieser semi-religiösen islamischen Gruppierung (oder sollte man besser von einer „Sekte“ sprechen)?. Woher kommt die Anziehungskraft auf junge Leute? Warum steigt die Zahl der Mitglieder oder Anhänger im Teenie-Alter so beängstigend sprunghaft an?

Das Gefühl des Ausgegrenztseins

Für die Autorin liegen die Antworten auf diese und viele anderen Fragen nur zum aller geringsten Teil im Bereich von Religion und Glauben. Im Zuge ihrer Untersuchungen, bei den mit Abstand meisten Gesprächen mit ihren muslimischen Schülern und – nicht zuletzt – auch deren Eltern kristallisierten sich im Wesentlichen folgende Probleme bei den „gefährdeten“ Heranwachsenden heraus, und zwar bei Jungen und Mädchen gleichermaßen:
– Frust über die zum Teil als trostlos empfundenen Verhältnisse daheim.
– Das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt zu sein.
– Daraus folgend die unklare Identität: Was bin ich denn nun eigentlich – Türke oder Deutscher?
– Objektive (oder auch nur subjektiv empfundene) Chancenungleichheit auf dem Bildungssektor und im Berufsleben.
Lamya Kaddor hat Verständnis für diese Gefühle. Wie auch nicht? Sie ist ja selbst inmitten von Vorurteilen und Ablehnungen aufgewachsen. Noch heute muss sie – die in Deutschland geborene, sozialisierte und in Münster studierte Lehrerin – an sich halten, wenn ihr (vielleicht sogar freundlich gemeint) gesagt wird, sie spräche „aber sehr gut deutsch“. Genau hier setzen, so die Erkenntnisse der Wissenschaftlerin, die salafistischen Werber an. „Seht her“, sagen sie, „die anderen – die Ungläubigen – mögen Euch nicht. Aber wir lieben Euch, wir sehen in Euch unsere Brüder und Schwestern. Bei uns seid Ihr gut aufgenommen“. Mit anderen Worten – man verspricht zunächst einmal Geborgenheit, Anerkennung, Wertschätzung. Die bis zur Gehirnwäsche gehende psychologische Beeinflussung, an deren Ende in aller Regel die Reise ins nahöstliche Kriegsgebiet und die eigene Bereitschaft zum Töten oder Getötetwerden steht, erfolge später und sei meistens erfolgreich. Der jüngste „Reisende“ aus Deutschland sei erst 13 Jahre alt gewesen. Kaddor: „Für den IS und seine islamistischen Helfershelfer in Deutschland sind die Jugendlichen nichts anderes als billiges Kanonenfutter“. Das vorerst letzte Beispiel des vermutlich aus Bonn stammenden Selbstmord-Attentäters im ostafrikanischen Mogadischu ist ein grausiger Beleg dafür.

Eine mutige Frau

Lamya Kaddor ist eine mutige Frau. Denn es braucht eben auch in unserem Land eine gehörige Portionbuch-zum-toeten-bereit-100~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647 Mut, sich dem Thema zu stellen, das zunehmend brennend wird und Probleme umfasst, die allesamt hohe Emotionen wecken: Angebliche (von vielen aber immerhin so empfundene) „Islamisierung“ Deutschlands, Zuwanderung, Integration, Abschottung, Ausgrenzung, Kriminalität und so weiter, und so weiter… Wobei die täglichen Anfeindungen keineswegs allein von Seiten der Muslime kommen, sondern mit gleicher Vehemenz und sprachlicher Brutalität aus dem „original deutschen“ Bevölkerungsteil.
2010 hat Lamya Kaddor mit einer Reihe von Gleichgesinnten in Köln den „Liberal-Islamischen Bund“ (LIB) gegründet, dessen Vorsitzende sie noch immer ist. In den Augen der vornehmlich konservativ geprägten Muslime in Deutschland (und deren – nicht selten selbst ernannten – „Sprecher“) kommt das schon fast einem Abfall vom richtigen Glauben gleich. Als Religionslehrerin versucht sie (selber gläubige Muslima), ihren Schülern die Einsicht beizubringen, dass seit der Zeit des Propheten Mohammed rund 1500 Jahre vergangen seien, sich die Welt mithin stark verändert habe und man den Koran entsprechend nicht wörtlich verstehen könne, sondern ihn entsprechend auslegen müsse – so wie es im Christentum mit der Bibel und bei den Juden mit der Thora geschehe. Einfach ausgedrückt, lautet die Botschaft: „Gebraucht gefälligst Euern eigenen Verstand!“ In diesem Zusammenhang schrieb Kaddor denn auch die ersten deutschsprachigen Schulbücher für den Islam-Unterricht sowie eine Koran-Übersetzung für Kinder.
„Zum Töten bereit“ ist ganz sicher kein „schönes“ Buch im Sinne von „unterhaltend“. Aber es ist ein wichtiges Werk mit Blick auf das Zusammenleben der Menschen, für die – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religionen und Sitten – Deutschland die gemeinsame Heimat ist. Die Lektüre sei nachdrücklich empfohlen.

Gisbert Kuhn

Info:
Lamya Kaddor.
„Zum Töten bereit – warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“
2. Auflage 2015
Pieper-Verlag München/Berlin
Broschiert, 251 Seiten
€ 14,99




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