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In Rente – der größte Einschnitt unseres Lebens

Eine Art Roman mit Sachbuchelementen von Wolfgang Prosinger

Endlich in Rente!

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Wolfgang Prosinger

Da hat man endlich Zeit für all das, was man vielleicht schon immer mal machen wollte. Man kann ausschlafen, sich Hobbys zulegen und, wenn es die Rente hergibt, auch verreisen. Doch irgendwie hängen sehr viele Rentner lange fest zwischen Arbeitsleben und dem heftig ersehnten Ruhestand. Denn bei weitem nicht jeder sieht dem Ende des Arbeitslebens mit Freude und Gelassenheit entgegen; viele – möglicherweise sogar die meisten – schwanken wohl eher zwischen Bangen und Hoffen. Als Arbeitender sehnt man sich nach unbegrenzter Freizeit jenseits eines dreiwöchigen Urlaubs. Als Rentner hat man sie, aber es geht einem gerade in der Anfangszeit gar nicht gut damit. Das Sprechen über so eine Krise aber, so scheint es, fällt ungemein schwer. Gerade unter Rentnern wird so getan, als sei alles wunderbar und der Tag viel zu kurz. Für viele, indessen, beginnt nun eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Man sieht sich gezwungen, mit 65 Jahren sein Leben noch einmal neu zu erfinden.

Kein üblicher Ratgeber

Auf dem Titelbild des Buches „In Rente“ des Journalisten und Autors Wolfgang Prosinger, Jahrgang 1948, sitzt ein mut- und ratloser älterer Mann auf einer Bank und schaut mit leerem Blick vor sich hin. Also wieder mal ein altbekanntes, launiges Rentnerbuch über den so oft zitierten buchcover„Unruhestand“ mit zahlreichen Ratschlägen, wie man die neu gewonnene Zeit „vertreiben“ kann? Nein, ganz und gar nicht;  diese Mutmacherbücher verabscheut der Autor nach eigenem Bekunden, denn sie beschönigen einen Zustand, in dem es mehr Grund zum Bangen als zum Hoffen gibt. Ja, er ist richtig wütend über die „Ansammlung von Banalitäten und Allgemeinplätzen der billigsten Sorte“. Was stört ihn so daran?
Wolfgang Prosinger: Diese Bücher sind einfach verlogen. Sie nehmen die Rentner und ihre Sorgen nicht ernst, sondern gaukeln etwas vor, was es für viele gar nicht gibt. Auch viele Rentner neigen dazu, sich ihren wahren Zustand nicht wirklich einzugestehen und zu idealisieren. Endlich ist man sein eigener Herr, ist ins ersehnte Reich der Freiheit eingetreten. Aber das entpuppt sich oft als Eintritt in ein Gefängnis. Wer 40 Jahre gearbeitet und funktioniert hat, der hat es verlernt, die Wohltat des Müßiggangs zu genießen. Man langweilt sich stattdessen, man verliert seine sozialen Kontakte, man fühlt sich rausgeschmissen aus der Welt. Aber wer will das schon zugeben?

Wertlos – arm – alt?

Wir sind so auf Leistung und Arbeit getrimmt, dass Menschen ohne Arbeit – nicht nur Rentner übrigens – ihre Lebensmitte verlieren und sich nutzlos vorkommen. Dieses tiefe Gefühl von „niemand-braucht-mich“ scheint viele aus der Bahn zu werfen. Natürlich gibt es unendliche Möglichkeiten: Ehrenamt, Hobbys, Beschäftigung mit Enkeln – sofern vorhanden. Aber ein Rest an Enttäuschung wird bleiben. Oft ist es das Empfinden von Ersatzhandlungen und dem Gefühl: Das wirkliche Leben spielt anderswo.

Neben dem Verlust der Sinnhaftigkeit des Lebens und dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit kommt noch für viele der Finanzschock dazu: die Hälfte aller Rentner bekommt nur 700 Euro im Monat. Nicht zu unterschätzen ist auch die unausweichbare Begegnung mit dem Alter. Vorher konnte man sich darüber hinwegschwindeln: Ich bin doch noch gar nicht so alt, ich gehöre doch zum aktiven Teil der Bevölkerung. „Wollte er eigentlich wirklich alt werden, richtig alt, hochbetagt? Greis? Pflegefall? Er konnte es sich nicht vorstellen und wollte es nicht. Sein derzeitiges Alter bereitete ihm ja schon genügend Probleme.“ (Zitat aus „In Rente“)

Der Absturz des Thomas Hecker

Zwar ist Thomas Hecker, die Hauptperson im Buch des Autors, eine Kunstfigur– wenngleich ebenfalls Journalist, dazu Rom-Kenner und Sprach-Purist wie der Autor selbst –, doch steckt erkennbar viel vom Leben Prosingers in ihm. Vor allem: die Erfahrung mit der Verrentung. So einfühlsam, bitter und komisch schreibt nur einer , der selbst erlebt hat, was es bedeutet, wenn mit dem Rentenbescheid das alte Leben endet – und man nicht die geringste Ahnung, keinen Plan von einem neuen hat.

Neben all den inneren Prozessen der Hauptperson erfährt der Leser auch viel über Sachthemen wie die Entstehung des Rentensystems, über dessen gegenwärtige Bedrohungen, über das Wesen und die Bedeutung von Arbeit im Lauf der Geschichte usw.

Rentner

Der erste Rententag hat viele Stunden

Hauptsächlich aber geht es um Thomas Hecker, dessen Leben nach dem Abgang aus der Arbeitswelt als kläglicher Absturz beginnt. Schon die Überschriften der Kapitel charakterisieren den bitter humorvollen Ton des Buches: z. B. „Hecker geht zu einer Rentner-Party, hört den Gesprächen seiner früheren Kolllegen zu und ärgert sich“, oder „Hecker erlebt seinen ersten wirklichen Rententag und wundert sich, dass er so viele Stunden hat.“ Was Hecker zunächst für Stillstand hält, zu dem er sich von heute auf morgen verurteilt sieht, erweist sich schnell als freier Fall, als Sturz ins Bodenlose. Was ihm Halt gab – die Arbeit – ist verschwunden, und was ihm bleibt, eigentlich fast alles, bedeutet ihm nichts.
So stürzt er am Anfang seines Rentnerdaseins kräftig ab. Er grübelt, trinkt mehr, als ihm gut tut, hängt vor dem Fernseher ab, schläft tagsüber und wird von Tag zu Tag lustloser und antriebsloser. Als er seiner Liebsten auch noch von dem illustren Kreis erzählt, den er bei der Imbissbude kennengelernt hat, fällt seine berufstätige Frau aus allen Wolken und erkennt ihren Mann nicht mehr. Es kommt zur Ehekrise.

Und die Frauen?

Einfühlsam humorvoll und oft auch bitter beschreibt Prosinger den Weg des Thomas Hecker in die Rente. Neidvoll erkennt er aber auch an, dass Frauen offenbar weniger Probleme damit haben: Sie haben in ihrem Vorleben, anders als viele Männer, nicht nur für Beruf und Karriere gelebt, sondern soziale Kontakte gepflegt, sind vielseitige Interessen nachgegangen, so dass sie den Eintritt in die Verrentung nicht so häufig wie Männer als sozialen Abstieg und als den Fall in die Bedeutungslosigkeit erfahren, obwohl ihre Rente oft nur einen Bruchteil der ihrer männlichen Kollegen ausmacht.

Der Autor hat in die Figur des Thomas Hecker viele Erfahrungen eingearbeitet, die er aus Gesprächen mit Betroffenen gesammelt hat und mit seinem 237 Seiten umfassenden Buch einen lesenswerten Beitrag über das Tabuthema Rente geschaffen.

Ursa Kaumans

Wolfgang Prosinger
In Rente
Der größte Einschnitt unseres Lebensabschnitt
Rowohlt Verlag 2014
ISBN 978 3 498 05314 7
19,95 €

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