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Hellebarden – ein Romanfragment

Vier Jahre nach dem Tod des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago erscheint sein letzter, unvollendeter Roman “Hellebarden”. Sie haben richtig gelesen: Ein Roman, der nach drei Kapiteln einfach aufhört.

José Saramago

José Saramago
Foto: APA/EPA/MARTINEZ DE CRIPAN

Ein politischer Autor, der klar Stellung bezieht. Er sei ein „gut informierter Optimist“, so bezeichnet er sich selbst gegen den Vorwurf ein Pessimist zu sein.  Von Camus stammt der Satz: „Wer klar schreibt hat Leser, wer obskur schreibt hat Kommentatoren. Seine klare Sprache und auch Positionierung setzt er unnachahmlich ein. Als überzeugter Kommunist und Atheist  sind seine Werke immer schon ein manchmal harter Spiegel der Gesellschaft gewesen. Saramago sagte einmal: „Dies ist das Sympathische an einfachen Worten: Sie können nicht täuschen.“

In diesem unvollendeten Roman dreht sich alles um Artur Paz Semedo, ein Angestellter einer Waffenfabrik, der ein kleinbürgerliches Leben führt und in seiner monotonen Arbeit aufgeht. Seine Frau Felícia ist eine militante Pazifistin, die aufgrund ihrer Überzeugungen nicht mehr mit ihrem Mann zusammenleben kann. Sie sind verheiratet, nicht getrennt – leben nur nicht zusammen. Ein Hobby hat er, er liebt Kriegsfilme. Stößt in dem Zusammenhang auf den spanischen Widerstand. Ein Roman Malraux´ beschreibt die Sabotage in einer Rüstungsfirma. Das nimmt er zum Anlass, in der eigenen Firma in die Archive zu steigen und nachzuforschen.

Das geschieht unter einem Vorwand und dem unnachahmlichen Druck seiner Frau. Er mutiert vom Buchhalter zum konspirativen Forscher. Dieser Weg wird in der Saramago eigener Sprache beschreiben. Ergänzt durch Randnotizen aus seinem Arbeitstagebuch. Da sind Sätze zu finden wie: „Auch zwischen Waffen bestehen Unterschiede, ein leichtes Maschinengewehr käme nie auf die Idee, gekränkt zu sein, weil es nicht mit einer Schnellfeuerkanone mithalten kann.“  Unversehens findet er sich in obskuren Waffendeals mit Südamerika wieder. Hat seine Firma nun an die Faschisten des Nachbarlandes Spanien in den 1930er Jahren Waffen verkauft?

HellebardenAls erfahrener Autor legt er aber alles an, um den Leser zu animieren, die fehlenden Kapitel im Kopf entstehen zu lassen. Einen Einblick in die Arbeitsweise und Gedankenwelt des Autors geben die angefügten Notizen. Der spanische Publizist und Saramago-Experte Fernando Gómez Aguilera schließt die Idee dieses Romans nochmal auf.  Ordnet es etwas und liefert hilfreiche Hinweise zu der Entstehung dieses Fragmentes. Günter Grass lieferte Illustrationen dazu.

Zum Abschluss findet sich ein Essay des italienischen Autors Roberto Saviano, der durch sein Mafiaenthüllungsbuch „Gomorrha“ weltweit bekannt wurde. Auch er hat sich moralisch auf eine klare Weise positioniert.

Ein typischer „Saramago“ – direkt, politisch und genau beobachtend. Ich finde, ein „Muss“ für den Liebhaber dieser Art von Literatur. Dieses Buch kann allerdings auch der lesen, der offen ist und nicht mit spitzen Fingern grundsätzlich gesellschaftskritische Bücher von eher links einzuordnenden Autoren unter der  Bettdecke liest. Sein Schreibstil ist anregend und dennoch flüssig. Er nimmt die Gedanken des Lesers mit. Ein außergewöhnlicher Regisseur des Kopfkinos. Der österreichische Kurier schreibt: “Hellebarden” ist seine letzte Anklage gegen jene Leute, die an moralischer Apathie leiden.

Wer für ein „unfertiges“ Buch 20,60 € bezahlt, wird erstaunt sein, wie rund das Werk doch ist….

Paul Pawlowski

Info:
José Saramago: „Hellebarden“
Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner. 

Mit Beiträgen von Roberto Saviano und Fernando Gomez Aguilera.
Hoffmann und Campe.
144 Seiten. 20,60 Euro.

Fotos: Verlag




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