- Anzeige -

Gegen den Strom

„Wer gegen den Strom schwimmt, verlangsamt. Ihm bleibt Zeit, Ufer und Landschaft zu betrachten. Wer gegen den Strom schwimmt, will Höhe gewinnen. Bei starker Strömung geht es mit ihm  langsamer abwärts. Wer gegen den Strom schwimmt, richtet das Gesicht zur Quelle.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Prof.Dr. Egon Flaig

Kein neuer Titel von Udo Lindenberg ist hier Gegenstand der Besprechung („Gegen die Strömung, gegen den Wind“) und auch nicht von Bob Seger („Against the Wind“). „Gegen den Strom“ ist eine Streitschrift des Alt-Historikers Egon Flaig „Für eine säkulare Republik Europa“. Der Autor, Professor für Alte Geschichte in Rostock,  richtet sich mit kluger Analyse und beeindruckender Sprachgewalt gegen den Ist-Zustand dessen, was sich dem Bürger heute als Europäische Union darbietet, die mit „dem Europa“ fälschlicherweise gleichgesetzt werde. Gleich zu Beginn weist Flaig den Weg seiner weiteren Wahrnehmungen und Analysen:

Brüsseler Apparatschiks
„Der Plan der europäischen Einigung seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts war ein Meisterwerk technokratischer Bankrotteure. Die politische Klasse und die sich blähende Brüsseler Bürokratie versuchten, die Völker der Europäischen Gemeinschaft allmählich zu Europäern werden zu lassen: Geräuschlos sollten die Völker einander näher gebracht werden, so lange, bis sie gar nicht mehr anders konnten, als Europäer zu sein. In einem Prozess vollendeter Bewusstlosigkeit sollte ihr politischer Wille sich verpuppen und eines Morgens sich transmutiert wiederfinden als ein europäisch ausgerichteter Wille. Das war einer der heimtückischsten Anschläge auf die Volkssouveränität, der sich je unter parlamentarischen Bannern ereignete“ … „Die politische Klasse und die europäischen Apparatschiks haben die unverhohlene Absicht verfolgt, das künftige europäische Staatsvolk um seinen selbsttätigen Gründungsakt zu betrügen. Mehr oder weniger unbeabsichtigt verewigen sie ein antidemokratisches Regime, getragen von einer Nomenklatura, die sich desto weiter korrumpiert, je länger sie herrscht und je weniger sie demokratische Kontrollen fürchten muß“.

Bürokratische Konterrevolution und Herrschaft des Guten
„Eine bürokratische Konterrevolution“ sei mit dem Vertrag von Maastricht in Gang gesetzt worden,  welche „schleichend die demokratischen Verfassungen sämtlicher Mitgliedsstaaten aushöhlt“. Die Eurokraten „regieren in niemandes Namen, für niemandes Wohl und sind niemandem Rechenschaft schuldig“, resümiert Flaig und sieht den „Common Sense“ früherer Jahre durch einen heute vorherrschenden „Common Nonsense“ verdrängt. Über solchen Nonsense hinaus verurteilt Flaig auch das Gutmenschengehabe politischer Mainstreamer a la Cohn-Bendit. Dieser und andere Vertreter ihrer „bunten“ Politikerkaste agierten als sendungsbewusste Politmissionare, nach deren Ideologie nicht mehr das Volk herrschen solle, weil es offenbar zu dumm dazu sei. Stattdessen solle „das Gute“ herrschen. Und was dieses „Gute“ sei, beanspruchten solche Cohn-Bendits das Volk allein lehren zu können. Den Hintergrund für diese Kritik am Demokratieverständnis der politischen Klasse bildet das Ergebnis eines Schweizer Volksentscheides zum Bau von Minaretten. Im November 2009 hatten die Schweizer, das Volk mit der längsten demokratischen Tradition in der Neuzeit, entschieden, dass Moscheen keine Minarette haben dürfen. Cohn-Bendit („Danny le Rouge“), damals Fraktionsführer der Grünen Parteien im Europaparlament, verurteilte diesen Volksentscheid auf das Heftigste: Die Kassen der Eidgenossenschaft leeren: Das ist es was man tun müsste“, verkündete er und forderte „die reichen Muslime“ auf, ihr Geld von den Schweizer Banken abzuziehen.

Minarette als Bajonette
Titel
Flaig erachtet solches Demokratieverständnis, das den Volkswillen letztendlich missachte und sich dabei über das Volk erhebe, als verwandt mit der volksverhetzenden und letztlich die Demokratie zerstörenden Ideologie eines Recep Tayyip Erdogan. Dieser hatte als Bürgermeister von Istanbul 1997 programmatisch verkündet: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“. – Erdogan jedenfalls scheint auf diesem Weg schon weit voranmarschiert.

Mit präziser Sprache, scharfer Analyse und historischem Weitblick knöpft der Autor sich noch weitere Baustellen vor. Nämlich solche Baustellen, die uns Bürgern der konsensuale Mainstream, bestehend aus einer immer abwiegelnden, schwachen Politikerklasse und den dieses oft  unkritisch begleitenden Medien im Alltag eröffnet hat.

Gefährlichster Rechtsextremismus der Gegenwart
Wenn Flaig vom gefährlichsten Rechtsextremismus der Gegenwart spricht, meint er damit nicht etwa dummdeutsche Neonazies. Er zielt hier auf den Jahrhunderte langen „Gottgewollten Krieg zur Unterjochung der Ungläubigen“, propagiert und exekutiert von lange unterschätzten, tolerierten oder gar politisch verhätschelten Islamisten, nicht nur, aber beispielhaft à la Muslimbrüderschaft. „Dann wollen wir, dass die Fahne des Islam wieder über diesen Landschaften weht, die das Glück hatten, eine Zeitlang unter der Herrschaft des Islam zu sein und den Ruf des Muezzins Gott zu preisen zu hören…Andalusien, Sizilien, der Balkan, Süditalien und die griechischen Inseln“, zitiert Flaig dazu den Gründer der Muslimbrüderschaft Hassan Al-Banna.

Und warum überhaupt Europa? Zu dieser Fragestellung appelliert der Autor an die (geschichtliche) Erinnerung. Nicht im Sinne der Idealisierung einer verklärten Vergangenheit. Vielmehr im Sinn von kultureller Erinnerung an das in mehr als zweieinhalb Jahrtausenden Erkämpfte. Hier kommt nochmal der Althistoriker voll zur Geltung.

Abschließend resümiert Flaig etwas düster: „Es hilft uns nichts, Weltbürger zu werden, wenn in dieser Welt die Rechte und der Raum des Bürgers verlorengehen“. Dieses ist sicher einige Gedanken wert und macht das Buch so lesenswert.

Dietrich Kantel

 

– Egon Flaig „Gegen den Strom“, Verlag zu Klampen, ISBN 978-3-86674-168-3

– Zur Person: www.de.wikipedia.org/wiki/Egon-Flaig




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden