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Die Geister-Scheiderin

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Bundeskanzlerin Angela Merkel

An Angela Merkel scheiden sich die Geister. Gerade ist sie vom einflussreichen amerikanischen Magazin „Forbes“ ein weiteres Mal als „mächtigste Frau der Welt“ ausgerufen worden. Gleichzeitig schlottern nicht nur namhaften, sondern auch ungezählten namenlosen Sozialdemokraten die Glieder bei der Vorstellung, in eine von dieser Kanzlerin geführte Regierung einzutreten, weil womöglich am Ende erneut alle Erfolge der Pfarrerstochter aus Mecklenburg gut geschrieben werden. Diese Erfahrung hatte man ja vor gar nicht langer Zeit schon mal gemacht. Aber selbst in den eigenen Reihen von CDU und CSU verspüren nicht Wenige Gänsehaut beim Gedanken an dieses unheimliche Wesen, das – aus dem scheinbaren Nichts kommend – in einer atemberaubend kurzen Zeit die politische Erfolgsleiter bis an die Spitzen parteilicher und staatlicher Macht erklommen hat.

Links und rechts am Wegesrand…

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Angela Merkel, CDU-Generalsekretärin

„Sie beißt“, heißt es inner- und außerhalb der Union, „einfach alles weg, was ihr im Wege steht“. In der Tat war es Angela Merkel, die vor 13 Jahren den damaligen „Übervater“ der CDU/CSU, Helmut Kohl, vom Thron gestürzt hatte. Und dies lediglich mit einem einzigen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Ob sie, damals CDU-Generalsekretärin, das Ergebnis des Coups vorausahnte, wer weiß das? Ohne Frage aber entsprang die Aktion einer Art Notwehr; Kohls Verstrickung in eine Spendenaffäre und seine Weigerung, Namen zu nennen, hatten die Union an den Rand eines Abgrunds gebracht. Die Retterin hieß – Merkel. Und was ist mit den anderen „politischen Leichen“, die angeblich am Wegesrand zurückblieben? Roland Koch, Peter Müller, Jürgen Rüttgers, Günther Oettinger, Christian Wulff, Norbert Röttgen? Wenn schon „gebissen“ wird – gehören da nicht immer wenigstens zwei dazu? Nämlich auch jene, die sich beißen lassen?

ANGELA MERKEL | ANGELA MERKEL |

Angela Merkel mit Jürgen Rüttgers, Norbert Röttgen und Andreas Krautscheid,
NRW-CDU-Regionalkonferenz 2010 in Essen

Aber natürlich ist es kein Wunder, dass ein Mensch mit dem Lebensweg und Werdegang einer Angela Merkel in hohem Maße Neugier weckt. Daher ist nicht nur die Zahl der Zeitungsartikel mit Porträts und mehr oder weniger gelungenen Psychogrammen über diese Frau Legion – auch Bücher und Biografien stapeln sich mittlerweile immer höher. Das vorerst letzte Werk haben die beiden Journalisten Ralf Georg Reuth („Bild“) und Günther Lachmann („Die Welt“) auf den Markt gebracht. Schon der Titel verrät die Stoßrichtung: „Das erste Leben der Angela M.“. Der im Klappentext vermerkte Anspruch: Dieses „erste Leben“ neu zu erzählen und zu zeigen, „dass das Bild, das bislang von ihren 35 Lebensjahren in der DDR verbreitet wird, nicht zutrifft“. Also aufgepasst – jetzt kommen Enthüllungen.

Eine Fleißarbeit

Eines kann man den Autoren nicht absprechen: Sie haben eine Fleißarbeit abgeliefert, indem sie Stasi-Akten durchforsteten, mit Zeitzeugen sprachen, ausführlich auf die bereits vorliegende Literatur zurückgriffen. Aber als Nachweis sollte doch herauskommen, dass die junge A. M. alles andere gewesen sei als eine unpolitische Wissenschaftlerin und ihr Herz nie für die deutsche Einheit geschlagen habe. Vielmehr „gehörte die ehrgeizige und systemkonforme Physikerin der sowjetisch geprägten Wissenschaftselite des SED-Staates an“. Beweise u. a.: Merkel sprach russisch und trat 1989 für einen demokratischen Sozialismus ein.

Wer sich mit dem Phänomen Merkel beschäftigen möchte, der nehme das Buch ruhig zur Hand. Aber er sollte nicht erwarten, auf etwas sensationell Neues, gar auf eine handfeste Skandalbiografie oder auch nur auf Spannendes zu stoßen. Was Reuth und Lachmann, mitunter vielleicht etwas zugespitzter als andere, zu Papier brachten, war im Prinzip alles schon geschrieben worden. So gesehen, müsste die eigentliche Frage lauten: „Was verbirgt sich bei dieser Kanzlerin hinter dem Ungesagten? Im „Fragebogen“ des FAZ-Magazins hatte sie doch schließlich selbst einmal „Verschwiegenheit“ als ihre Haupttugend angegeben. Und die ihr ursprünglich sehr zugeneigte, später aber immer kritischer gewordene Biografin Jacqueline Boysen schrieb: „Die Politikerin hat ihre Fähigkeit, eine Maske zu tragen, perfektioniert“.

Fragen ohne Antwort

Deutschlandtag der Bundeskanzlerin Angela  Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel, in der Politik braucht man eine Elephantenhaut.

Ähnlich sah es der unlängst verstorbene Bonner Politik-Professor und frühere CDU-Politiker Gerd Langguth: „Keiner soll hinter ihren selbst gewählten Schutzschirm schauen können“. Das ist denn wohl auch die Erklärung dafür, dass das Buch dem selbst gestellten Anspruch nicht gerecht wird. Wenn nämlich „nachgewiesen“ wird, dass die junge Angela (damals noch mit Mädchennamen Kasner) in der Schulklasse als „Agitatorin“ geführt wurde, dann muss man ganz einfach um die unterschiedliche Bedeutung von Begriffen im geteilten Deutschland wissen. „Agitator“ in der Klasse war in der Regel das, was im Westen der Klassensprecher war. Insofern muss es keine Unwahrheit sein, wenn die Kanzlerin heute sagt: „Ich kann mich nicht erinnern, in irgendeiner Weise agitiert zu haben“.

Theologe Horst Kasner

Pfarrer Horst Kasner

Viel merkwürdiger mutet dagegen an, wie einsilbig Merkel wird, wenn es um ihr Elternhaus, um das Verhältnis zu ihrem Vater oder – genauer – um die Frage geht, ob und welcher Einfluss von dort auf sie übergegangen ist. Pfarrer Horst Kasner war (wenige Wochen nach der Geburt von Tochter Angela) 1954 vom  Hamburg in die DDR übergesiedelt und wurde später als Leiter des Weiterbildungszentrums „Waldhof“ in Templin einer der einflussreichsten evangelischen Theologen im SED-Staat. Rainer Eppelmann, ebenfalls evangelischer Pastor und einer der wichtigsten Leute in der Bürgerrechtsbewegung „Demokratischer Aufbruch“ glaubt sogar, der als „der rote Kasner“ bekannte Pfarrer sei der eigentliche Erfinder des Begriffs „Kirche im Sozialismus“. Ganz offensichtlich glaubte Kasner an grundsätzliche Ideale des Sozialismus, nicht jedoch an die des „realen“ Sozialismus.

Nur „passiv“ dabei?

Angela Merkel hat über den „Waldhof“ nicht viele Auskünfte gegeben. Angeblich nahm sie lediglich von Zeit zu Zeit an Zusammenkünften teil – aber in der Regel nur „passiv“. Dabei trafen sich in dem Zentrum interessante Menschen, und zwar aus West und Ost. Die Autoren Reuth und Lachmann werfen ihr in dem Buch vor, in den dramatischen Monaten des „Umbruchs“, 1989/90, nicht auf die nationale Einheit, sondern auf einen reformierten, demokratischen Sozialismus gesetzt zu haben. Na und? Wer von den Aktivisten des „Demokratischen Aufbruchs“, die später in den westlichen Parteien ihre neue Heimat gefunden haben, hatte nicht den Traum eines „dritten Wegs“ geträumt – und wurde dann ziemlich schnell von den „Realitäten“ überrollt. Ist denn die Erinnerung daran völlig verblasst, dass es in den meisten Fällen vom Zufall oder Bekanntschaften abhing, ob Rainer Eppelmann bei der CDU und Wolfgang Thierse bei der SPD oder der FDP landete.

Die eigentliche Sensation

produkt-8686Das gilt ganz sicher auch für Angela Merkel. Sie war über den „Demokratischen Aufbruch“ in die Umgebung von Lothar de Maizière gelangt, später erster (und zugleich letzter) frei gewählter DDR-Ministerpräsident. Und der hatte sich bereits der CDU angeschlossen. Aus der Rückschau heraus betrachtet – das ist in dem Buch auch gut und ausführlich beschrieben – trat Merkel dort bereits mit Talenten auf und in den Vordergrund, die sie später erfolgreich einsetzen sollte: Umfassendes Informiertsein, Organisationstalent, Verhandlungsgeschick, Verschwiegenheit. Dass sie, darüber hinaus, auch die für die Politik unerlässliche Härte besaß, konnte freilich seinerzeit noch niemand ahnen, als sie noch Stellvertretende Regierungssprecherin von de Maizière war. Ihr Werdegang, ihre blitzartige „Eingewöhnung“ in eine total andere politische, soziale, gesellschaftliche Welt – das ist die eigentliche Sensation, wenn man sich mit dieser Frau beschäftigt.

Gisbert Kuhn

 

Ralf Georg Reuth

Günther Lachmann

Das erste Leben der Angela M.

Piper-Verlag München Zürich

335 Seiten, € 19,99




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