- Anzeige -
Jogging-Point

Des Friedens General

ErnstUdet

Ernst Udet im 1. Weltkrieg

Eines der in den 50-er und 60-er Jahren auf den deutschsprachigen Bühnen am häufigsten aufgeführten Stücke war Carl Zuckmayers „Des Teufels General“. Nicht weniger erfolgreich war der Film, in dem Curd  Jürgens der Figur des Harras überzeugend Gesicht und Gestalt gab – jenem deutschen Luftwaffen-Offizier, der in Wirklichkeit Ernst Udet hieß, ein Jagdflieger-Ass aus dem 1. Weltkrieg war und danach ein berühmter Kunstflieger, innerlich ein Nazi-Gegner und dennoch fasziniert und korrumpiert durch die ihm von Adolf Hitler und Hermann Göring gebotene Möglichkeit, seine Flug-Leidenschaft weiterhin voll auszuleben, wenn er im nationalsozialistischen System eine Rolle mitspiele – passiv oder, natürlich besser noch, aktiv. Udet ist schließlich daran zerbrochen und hat am 17. November 1941 Selbstmord begangen.

Das gesamte militärische Spektrum

Diese Erwähnung  mag eine ungewöhnliche Form sein, um überzuleiten zum eigentlichen Thema dieses Artikels. Doch Zuckmayers Werk, genauer: der Titel, bietet sich geradezu dafür an. Denn mit dem  Namen Deutschland ist eben nicht nur jener „General des Teufels“ verbunden, sondern auch das genaue Gegenteil – ein „General des Friedens“.  Das ist denn auch der Titel des unlängst erschienenen Buchs über Manfred Eisele: „Des Friedens General“. Wer sich  im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts hierzulande und im NATO-Bündnis mit Sicherheitspolitik beschäftigt hat, dem waren der Name und die Person dieses Bundeswehr-Offiziers natürlich ein Begriff. 1938 in Gdingen (dem heute polnischen Gdynia) geboren, trat Eisele 1957 in die Bundeswehr ein und lernte in den folgenden Jahren das gesamte Spektrum  der militärischen Laufbahn vom einfachen Kanonier bis zum (zeitweiligen) Drei-Sterne- General kennen – einschließlich Auslandsverwendungen in den USA, Großbritannien und im Bündnis.

Y.-Streitpunkt

Manfred Eisele

Was Manfred Eisele freilich heraushebt, ist die Aufgabe, die er von 1994 bis Ende 1998 zu erfüllen hatte – die des obersten „Blauhelms“ der Vereinten Nationen. Diese Stelle hatte es davor noch nicht gegeben. Und nun war ausgerechnet ein deutscher General ausgewählt worden, die rapide zunehmende Zahl der UN-Friedensmissionen zu koordinieren! Wobei allein schon dieser Begriff am wirklichen Tatbestand weit vorbei ging. Denn zu Beginn der 90-er Jahre herrschte im New Yorker UN-Hauptquartier im Zusammenhang mit „peacekeeping“  ein heilloses Durcheinander: Keine Planung, kein Konzept, kein Personal, kein Geld, keine Ausrüstung, keine Bereitschaft der Mitgliedländer zum gefährlichen Engagement.

Eine Freundschaft bis heute

Es würde  zu weit führen,  zu schildern, wie Eisele es schaffte, in mühsamer Klein- und Überzeugungsarbeit Schritt für Schritt Fortschritte zu erzielen. Das alles ist nachzulesen in dem Buch über den Ex-General, in dem zahlreiche, zum Teil namhafte Zeitgenossen und Wegbegleiter aus dem In- und Ausland ein umfassendes Bild von seiner Persönlichkeit  zeichnen. Er selbst skizziert in mehreren, ausführlichen Interviews seine Sicht von der Rolle Deutschlands in der Welt, macht kein Hehl aus der Überzeugung, dass Bemühungen um die Wahrung oder Wiederherstellung von Frieden und menschlichem Zusammenleben ohne  glaubwürdige militärische Mittel und notfalls auch deren Einsätze nicht denkbar seien. Und er scheut nicht Antworten auf  die Fragen nach Glauben und Werten.

Besonders spannend ist es, nachzulesen, wie  zu jener Zeit eine Vertrauensbasis bis hin zu einer bis heute noch andauernden Freundschaft zu einem Mann entstand, der lange Zeit die Geschicke der Vereinten Nationen zu leiten hatte – zu dem ghanaischen Diplomaten Kofi Annan,  von 1997 bis 2006 UN-Generalsekretär. Von der breiten Öffentlichkeit in der Bundesrepublik weitgehend unbeachtet, besaß die deutsche Politik in jenen Jahren den vielleicht bis heute größten Einfluss in der Welt-Organisation am East River. Das lag nicht zuletzt an Manfred Eisele, seiner Position und seiner Aufgabe. Es lag aber auch daran, dass zur selben Zeit mit Karl Theodor Paschke dort ein weiterer Deutscher an den New Yorker Schaltstellen saß. Paschke, ein zupackender Mann (und begeisterter Jazz-Musiker) aus dem Bonner Auswärtigen Amt, war zum Stellvertretenden UN-Generalsekretär berufen worden, um als Generalinspekteur für die internen Aufsichtsdienste über Einsparungen und korrekte Haushaltsführung zu wachen.

Leichtfertig Einfluss verspielt

ruehe

Volker Rühe

Während sich in Deutschland  Medien und politische Öffentlichkeit ohne Ergebnisse die Köpfe heiß redeten, ob und wie man denn endlich auf einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat gelangen könne, ließ man die vorhandenen „Pfunde“ ungenutzt, mit denen hätte gewuchert werden können. Schlimmer noch – Deutschlands „Friedensgeneral“  wurde geopfert auf dem Schachbrett  innenpolitischer Zwistigkeiten. Er musste allerdings auch weichen, weil seine Vorstellungen von deutschen Militäreinsätzen sich mit denen seines damaligen Dienstherrn, des Verteidigungsministers Volker Rühe, nicht vertrugen.

UN-Generalsekretär Annan (genau wie dessen Vorgänger Boutros-Ghali) appellierte damals dringend an die Bundesregierung, Eisele für eine weitere Zeit zu nominieren. Das hätte auch der seinerzeitige Außenminister, Klaus Kinkel, gern gesehen. War dieser doch, genau wie Manfred Eisele, der Überzeugung, dass sich der deutsche Staat  an UN-geführten Einsätzen beteiligen und dafür auch permanent Mittel bereitstellen müsse. Genau das lehnte Rühe vehement ab – und zog seinen General aus dem Rennen. Und nicht nur das: Der Widerspruch nicht gewohnte Minister nahm Eisele auch noch den für die New Yorker Zeit verliehenen dritten Stern wieder ab. Ergebnis: Deutschlands Einfluss in New York war verspielt. Heute sind deutsche Soldaten sowohl unter UN- wie auch NATO-Flagge in vielen Ländern der Welt anzutreffen…

Tiefe Einblicke

Ekkehard Griep_Des Friedens General.inddDas Buch „Des Friedens General“ ist gewiss kein Kriminalroman. Aber es ist dennoch spannende Lektüre. Denn die einzelnen Beiträge geben dem interessierten Zeitgenossen Einblicke in eine Welt und deren Geschehen, das zwar nahezu täglich über die Bildschirme flimmert, aber dennoch meistens weit weg und häufig genug unbegreiflich erscheint. Und es stellt einen Menschen vor, der in diesem riesigen Räderwerk wenigstens zeitweilig etwas bewegt hat.

Gisbert Kuhn

 

 

 

 

 

„Des Friedens General“.  Manfred Eisele – vom Kriegsflüchtling zum obersten Blauhelm“

Hg: Ekkehard Griep

Verlag Herder GmbH, Freiburg

416 Seiten, gebunden

24,99 Euro

 

 


Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden