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Das afrikanische Elend

Reiseschriftsteller Paul Theroux

“Ein letztes Mal in Afrika” lautet der deutsche Titel eines (weiteren) bemerkenswerten Buches des renommierten amerikanischen Reiseschriftstellers Paul Theroux. Zehn Jahre nach seinem letzten Besuch kehrt der Autor zurück nach Afrika, das er seit Jahrzehnten kennt und liebt. Doch, was er vorfindet, ist ein zerstörtes Paradies. Ausgeplündert durch seine politischen Eliten, die sich einen Dreck um die von ihnen regierten Menschen kümmern. Und zunehmend auch ausgeplündert durch die neokolonialistischen Chinesen, die Afrika nicht nur mit minderwertigen Produkten überschwemmen, sondern auch Heere von Kriminellen entsenden: Zwangsarbeit in Afrika statt Gefängnis in China. Afrika als chinesische Strafkolonie.

Der englische Originaltitel beschreibt das ursprüngliche Vorhaben von Theroux: “The Last Train to Zona Verde, Overland from Cape Town to Angola”. Um es vorweg zu nehmen: Der Autor erreicht sein ursprüngliches Ziel, Timbuktu, am Ende nicht. Frustriert und desillusioniert gibt der erfahrene Afrikareisende in Luanda, der teuersten, korruptesten und heruntergekommensten Stadt der Welt auf. Er bricht die Reise ab. Denn ihm wird klar, dass ihn auf der weiteren Route nach Norden letztlich nur noch weiteres Chaos und eine vom islamistischen Terror verwüstete Realität erwartet. Bis zu diesem Entschluss, die ursprünglich geplante Weiterreise abzubrechen, sind es einige tausend Kilometer über Land und mit zunehmend düsteren Beobachtungen, Gesprächen, Erlebnissen und rüdem Kommando-Sprech von unter- bzw. gar nicht entlohnten, korrupten Staatsbediensteten. Das alles wühlt in Theroux und zieht den über Jahrzehnte Afrika erfahrenen  Autor, kulminierend in der angolanischen Hauptstadt, gedanklich gewissermaßen in sein persönliches Schwarzes Loch.

Abschiedsgedanken

Nach wohl dreieinhalb bis viertausend Straßen- und Wegekilometern auf eigene Faust resümiert Theroux:
„Und nun hatte ich eine Ahnung, was ich vorfinden würde – Städte, die sich in ihrem Elend und ihrer Verwahrlosung durch nichts unterschieden. In den unsäglich zerrütteten Städten des Afrika südlich der Sahara fristen die von ihren Regierungen ignorierten Armen – die Millionen, die Mehrheit – ein kümmerliches Dasein unter nahezu identischen Bedingungen. Sie hausen in Hütten zwischen dem Müll minderwertiger, in China hergestellten Haushaltswaren – Schüsseln und Eimern aus Plastik – und tragen in China gefertigte Kleidung. Sie mögen ein Handy besitzen, aber in den meisten Fällen ist es nur ein enervierendes Spielzeug. Sie leiden alle unter denselben Unzulänglichkeiten – Nahrungsmangel, das Fehlen von Sanitäreinrichtungen, Krankenhäusern, Schulen und Sicherheit – und denselben Krankheiten: Cholera, Malaria, Tuberkulose und HIV/Aids. Sie warten ohne Hoffnung auf Erlösung oder auch nur Veränderung. Selbst das kleine, beschauliche, auf seine Sauberkeit stolze Windhuk hat das Township Katutura (“Der Ort, an dem wir nicht leben möchten”, bedeutet der Name in der Sprache der Herero; Anm. d. Rezensenten) und seine informellen Siedlungen. Und das schöne Kapstadt hat Langa, Lwandle, Gugs und andere, ebenso trostlose Townships“.

Bono, Geldorf, Madonna und andere Konsorten

Herzlich bringt Theroux seine Verachtung zum Ausdruck für den um sich greifenden Event-Tourismus in den Staaten des südlichen Afrika, in denen die Dinge nicht ganz so schlecht bestellt sind, wie z.B. Südafrika, Namibia, Botswana. Wo Luxus-Lodges in vormals unberührte, erhabene Landschaften verpflanzt werden; wo Luxus-Touristen auf einer „Ultimativen Safari“ auf Elefanten reiten und dann, zurückgekehrt in ihre westlichen aber auch fernöstlichen Wohnkonglomerate verkünden, wie schön Afrika ist. Und auch bekannte Barmherzigkeitstouristen bekommen ihr Fett weg: Alt-Popstars wie Bono („der allgegenwärtige Wichtigtuer“), „Sir“ Bob Geldorf oder die adoptionssüchtige Madonna. Diese kämen eingeflogen, demonstrieren auf Konzerten kurz ihr großes Herz für Afrika, zelebrierten sich lautstark vor jeder hingehaltenen Kamera, adoptierten noch schnell das nächste süße schwarze Baby (Madonna) und verschwänden wieder, nachdem sie so ihr persönliches Gewissen publikumswirksam und auflagensteigernd befriedigt hätten.

Den Aufbau Afrikas neu denken

Das Buch ist unbedingt lesenswert, nicht nur für Afrikaliebhaber. Der Autor schildert, ohne in irgendwelche Klischees zu verfallen, die afrikanische Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit belegt auch, dass jahrzehntelange Entwicklungshilfe für die Bevölkerung kaum etwas gebracht hat und letztlich in den Taschen der afrikanischen Potentaten und ihrem Gefolge gelandet ist. Deswegen ist das Buch auch als Lektüre zu empfehlen für Menschen und Politiker, die Hilfe für die Menschen in Afrika neu denken wollen. Denn das ist unbedingt erforderlich. (Spenden-) Hilfsmentalität aus schlechtem Gewissen aus Kolonialzeit ist jedenfalls nicht des Autors Sichtweise.

Das Buch ist nachdenklich, nicht voyeuristisch. Es beschreibt in starker melancholischer Sprache. Und das ist ein weiterer Grund, warum das Buch zur Lektüre empfehlenswert ist.

Dietrich Kantel

Paul Theroux, „Ein letztes Mal in Afrika“ (415 Seiten)
Hoffmann und Campe, 2017
ISBN 978-3-455-40526-2




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