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Dann mach doch die Bluse zu

Kein Feind im Bett

Kelle

Birgit Kelle
©kerstin pukall

„Mein Bauch gehört mir“, sagt selbstbewusst Birgit Kelle. Juristin, Journalistin, verheiratet, vier Kinder. „Erziehungspause“ über 12 Jahre unter Hintanstellen ihres Berufes . Jetzt  wieder Journalistin, Autorin und zur Zeit Vortragsreisende und gesuchter Fernsehtalk-Gast. Muss es heute korrekt nicht Gästin heißen? Auf diese Frage persönlich angesprochen erklärt die Autorin: „Ich bin Gast“. Sie sagt auch: „Dann mach doch die Bluse zu“. Damit adressiert sie solche Geschlechtsgenossinnen, die sich als einzige Frau spätabends noch zu einer alkoholisierten Männerrunde an die Hotelbar begeben, sich mit einer völlig deplatzierten Anmache eines ältlichen Herrn konfrontiert sehen und das dann zum Aufhänger eines Reportes zum Thema Sexismus-ist-Alltag-und-alle-Frauen-sind-Opfer  im bekannten Wochenmagazin machen. Sinngemäß stellt die Autorin die Frage, wie die Reportage der STERN-Reporterin über Macho-Gehabe von Männern wohl ausgefallen wäre, wenn an diesem Abend an eben dieser Bar nicht Rainer Brüderle ihr eine Tanzkarte angeboten hätte, sondern  George Clooney. Sie drückt damit aus, dass sie den von Emanzen der ersten Stunde a la Alice Schwarzer propagierten Kampf der gendermainstream-orientierten und kinderlosen Meinungsführerinnen im Kampf gegen das andere Geschlecht nichts hält, dieses überkommen sei und dass es doch bitteschön vor dem Hintergrund grundsätzlich erlangter Gleichberechtigungserfolge heute um ein Miteinander der Geschlechter gehen müsse. „Mein Mann ist nicht der Feind in meinem Bett“. Sie sagt auch, dass Frauen heute in Bezug auf Aspekte der Gleichberechtigung eine lebensnah orientierte Sichtweise haben, an denen die  fortgesetzten fundamentalistischen Kriege a la Schwarzer inzwischen vorbeigingen.

Kita oder Herdprämie

MutterVor allem aber streitet Birgit Kelle für das individuelle Wahlrecht jeder Frau und Mutter über ihr Leben selber zu bestimmen, sich nicht von Meinungsführerinnen fremdbestimmen zu lassen. Dafür, dass sie sich als Mutter nicht für Kinderkriegen und Kinderselbererziehen – „die natürlichste Sache der Welt“ – rechtfertigen muss. Kita oder Herdprämie? Die Autorin stellt, sachlich gut recherchiert,  die einseitige Förderung und staatliche Propagierung und Steuermittelförderung zur  Kinderfrüherziehung außerhalb der Familie einfach mal in Frage. Sie wendet sich gegen die Einseitigkeit, nicht gegen ein ausreichendes Kita-Angebot für die Familien, die solches aufgrund ihrer speziellen Situation benötigen. Und sie fragt dann: wenn ein Kita-Platz pro Kind rund 1.200 Euro im Monat  kostet, was ist es demselben Staat dann wert, wenn Frauen sich freiwillig für die Familienerziehung zu Hause entscheiden, mindestens während der ersten drei prägenden Lebensjahre im Leben des Nachwuchses. Und sie vergisst nicht anzuhängen, dass diese Familien schließlich auch die neuen Steuerbürger aufziehen, die für die Aufrechterhaltung des Rentensystems später verantwortlich sein werden.

Das Buch ist herzerfrischend selbstbewusst geschrieben von einer Frau, die weiß, was sie leistet. Einer modernen Frau, die sich von anderen – Frauen – nicht vorschreiben lassen möchte, wann und nur dann, wie und nur wie dann sie emanzipiert zu leben hat. Da ist keine „Heimchen-am- Herd“–Verklärtheit. Da ist auch keine wirklichkeitsfremde mütterliche Überhöhung. Da ist viel gute Recherche, Analyse und insbesondere ein freidenkender Kopf.

Aufschrei gegen Gleichheitswahn

Ein mutiges Buch? Ja ein mutiges Buch – muss man heute angesichts des Mainstreams wohl sagen. Und ein lesenswertes Buch auch deshalb, weil kontroverse Teilaspekte von der Autorin so leichtlesbar aufbereitet präsentiert werden. Da sitzt keine Verhärmte mit ihren vier Kindern am Küchentisch.

Das anerkennt sogar eine taz. Die Tageszeitung titelte: Mutti macht Mobil. Und schreibt weiter: „Gegen eine eingefahrene Dialektik. Das Buch setzt eingefahrenen, oft nur noch zynisch und gebetsmühlenartig vorgetragenen feministischen Standpunkten etwas entgegen. Kelle bittet mit ihrem sehr persönlich geschriebenen Buch jene Frauen und Männer wieder zurück an den Verhandlungstisch, die sich bisher überrollt fühlten von dieser (…) eingefahrenen feministischen Dialektik“.  Eine solche Kritik einer taz ist angesichts der Thematik wohl eine Art Ritterschlag für die Autorin, die ihrem Buch den Untertitel mitgegeben hat: „Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“.

Dietrich Kantel

Besondere Anmerkung des Verfassers: Diese Rezension wurde von meiner vollzeitberufstätigen lieben Frau, Lehrerin, Mutter dreier Töchter vollumfänglich genehmigt.

 

Birgit Kelle, „Dann mach doch die Bluse zu“

Adeo Verlag

Bestellnummer: 814209

Euro 17,99




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