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Agaat – ein berührender südafrikanischer Roman

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Marlene van Niekerk ©Lien Botha

„Agaat“ ist ein wunderschöner, gefühlvoller Roman von großer Tiefe und Vielschichtigkeit. Es ist ein Werk,  das die Zeit der Apartheid in Südafrika beschreibt. Die Farm „Groetmodersdrift“ im Western Cape ist eine Metapher für das Leben : Aufzucht, Wachsen, Ertrag, aber auch Mühen und Qualen.

Eine gelähmte weiße Afrikaanderin, Milla, die nicht nur stumm geworden ist sondern auch physisch von ihrer schwarzen Haushälterin, Agaat, abhängig ist, erinnert sich an ihr Leben, ihre von Missbrauch geprägte Ehe und an ihren geliebten Sohn. Das klingt nach einem bittersüßen Melodram, aber die Autorin Marlene van Niekerk versteht es brillant, aus diesem finsteren Erzählstoff eine  Prosa zu schaffen, die die komplexe Vertrautheit zwischen den beiden Hauptpersonen mit großer Intensität widergibt.

Milla und Agaat
In jedem Kapitel erinnert sich Milla  an die Zeit ihrer Ehe mit einem attraktiven, aber gewalttätigen und egozentrischen Mann, der in die elterliche Farm seiner Frau einheiratet und diese despotisch nach seinen – nur ökonomischen Vorstellungen –  führt und die bäuerlichen Traditionen  ablehnt, in  der Milla aufgewachsen ist und an denen sie hängt. Da die ersten Jahre ihrer Ehe kinderlos bleiben, widmet sich Milla einem körperlich und sexuell missbrauchten dreijährigen schwarzen Mädchen der Landarbeiter der Farm ihrer Mutter. Dieses Mädchen, das sie „Agaat“ nennt , hat einen verkrüppelten Arm und zeigt sich stumm und verschlossen. Milla kümmert sich um sie aus ihrem Verständnis der Rolle einer Farmerin und missionarischen Siedlerin. Doch sie ist politisch nicht so radikal, dass sie mit den Regeln der weißen Gesellschaft der Apartheids-Ära bricht und, nachdem sie selbst einen Sohn, Jakkie, bekommt, weist sie Agaat den einzig möglichen Platz für ein schwarzes Mädchen auf einer Farm zu. Sie wird N´`ene (Kindermädchen) und Meid (Haushaltshilfe) von Milla de Wert und verschafft sich große Autorität  indem sie die zahlreichen Katastrophen, die über die Farm hereinbrechen, dank ihrer Lehrmeisterin Milla, bewältigt. Sie macht sich unentbehrlich und ist Jakkie eine bessere Mutter als es die leibliche ist. Dadurch gerät Milla immer weiter in ihre Abängigkeit, die dann schließlich mit dem Ausbruch der ALS – einem degenerativen Nervenleiden – zu einer kompletten physischen Hilflosigkeit führt. Agaat wird in den letzten Monaten ihres Siechtums immer mehr zur Stimme ihrer Herrin und Deuterin ihrer Bedürfnisse und Empfindungen.

AgaatWestern Cape
Der Reiz des Romans liegt vor allem in der Verbindung zweier gegensätzlicher Positionen. Es ist das Versagen der Sprache bei Milla auf der einen Seite und,  durch ihre Tagebucheintragungen, Briefe, Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen auf dem Sterbebett andererseits, die Teilhabe des Lesers als stummer Zuschauer der Welt der Milla de Wet.  Aber nicht nur diese psychologische Komplexität der Charaktere und die sorgfältig konstruierte Erzählstruktur machen den Roman zu einem Lesevergnügen. Vor allem  ist „Agaat“ ein südafrikanischer Roman.  Denn Van Niekerk bietet auch einen tiefen Einblick in die soziologische Struktur des Western Cape in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Und nicht zuletzt sind die Beschreibungen der Tier und Pflanzenwelt so eindringlich, dass der Leser von  dieser Landschaft gefangen wird.

Annette Kantel

 

Info:

Marlene van Niekerk

„Agaat“

bbtb-verlag

Gebundene Ausgabe € 21,99

ISBN 978-3-75355-0

 




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