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Liebe statt Furcht

Flor Namdar: Liebe statt Furcht

Flor Namdar (C): Christiane Meyer

Die iranische Autorin hat vor mehreren Jahrzehnten in Deutschland Theologie studiert und arbeitet als freikirchliche Seelsorgerin speziell für persische, kurdische und afghanische Einwanderer.

Prädestiniert für diese Aufgabe war sie als Tochter einer kurdischen Sunnitin und eines persischen Schiiten. Da ihr Vater unter dem Schah als Offizier diente, wechselte die Familie oft den Standort, wodurch die Kinder permanenten Anfeindungen ausgesetzt waren. Überall saßen sie in dem Vielvölkerstaat zwischen den Stühlen und wurden bedroht und ausgegrenzt, bei den einen, weil sie eine sunnitische Mutter hatten, bei den anderen, weil sie als schiitisch abgestempelt waren. Ihre gebildete Sprache stellte sie unter Kurden an den Pranger und der Beruf des Vaters brachte sie nach der Revolution in Lebensgefahr. Mehr Fremdheit geht kaum.

Namdar schildert die relativ privilegierten Kinderjahre mit einer Mutter, die oft Arme von der Straße mitbringt, verköstigt und kleidet. Als der Schah gestürzt wird, wohnt die Familie gerade in kurdischem Gebiet, wo es noch länger ruhig bleibt. Als sie den Unwillen der Revolutionswächter erregen, fliehen sie nur mit dem nötigsten Familienschmuck nach Teheran. Die Zustände unter der Diktatur Ayatollah Khomeinis werden aus dem Abstand der Jahre sachlich knapp mitgeteilt. Die Hintergründe werden zwar deutlich, weniger deren Einfluss auf den Teenager und die Atmosphäre in der Familie. Als Leser leidet man kaum diesen Spagat des Überlebens mit, der schließlich in die Depression mündet.

Das junge Mädchen meint ihrer Familie zuliebe heiraten zu müssen, die Ehe scheitert. Mit ihrer Tochter rettet sie sich zurück in den Schoß der Familie. Ohne Ausbildung, ohne Arbeit und Ablenkung in der drangvollen Enge einer Flüchtlingsunterkunft unternimmt sie einen Selbstmordversuch.

Durch eine christliche Gemeinde findet sie Halt und bekommt ein Visum für Deutschland. So viel nackte Haut hat sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen. Ausgerechnet mit einer Amerikanerin soll sie zusammenarbeiten. Die läuft zu Fuß durch die Stadt und lässt bei allem religiösen Engagement anscheinend jedes Feingefühl gegenüber kulturellen Unterschieden vermissen. Die Betrachtung der fremden Kultur nimmt jedoch im Buch nur einen spärlichen Platz ein. Breit abgehandelt werden die zwei Seiten von Glauben.

Menschen, die allen Rückhalt verloren haben, greifen nach jedem Strohhalm, im vorliegenden Buch dient als solcher ein Glaube. In ihrem Fall ist der Islam ein Beispiel für den Missbrauch der Religion, während das Christentum ihr geholfen hat. Dass die Rollen austauschbar sind, betrachtet sie nicht.

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Gerth Medien GmbH

01/2017
9783957341938
EUR[D] 17,00


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