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Sensibel für Farbe

Über viele Klippen musste sie im Leben gehen. Ihre künstlerische Schaffenskraft trug sie in das kritische fünfte Lebensjahrzehnt hinein. Der Buddhismus half ihr zur Mitte. Atelierbesuch bei Michaela Odekerken (57) im Kölner Süden.

Michaela Odekerken

Die Haustür öffnet sich, sie lächelt. Der lange Rock ein Markenzeichen, etwas indisch – immer aber fließende Weiblichkeit. In weichen Bewegungen tritt sie zurück, begrüßt mich mit leisen Worten. Vor einem Triptychon streicht sie ihr schwarzes Haar aus dem Gesicht. Das fotografische Auge hält inne, das Bild steht. Weiter führt sie mich vorbei an früheren Werken. Die hellen grünen, gelben und auch hier und da mal dunklen Farben prägen die Stimmung im lichtdurchfluteten Haus.

Über eine honigfarbene Holztreppe erreichen wir ihr Atelier. Sie, die Ästhetik, Disziplin und ein strukturiertes Umfeld liebt, entschuldigt sich auf der letzten Stufe für die zu erwartende Unordnung im Atelier. Nach wenigen Schritten betreten wir das „Allerheiligste“. Selten ist sie hier alleine, denn ihre Katze Minka streckt sich wie zur Verteidigung gegen das Fremde vor unzähligen Farbtöpfen. Vom sprichwörtlichen Atelierchaos aber keine Spur. Es ist eher ein aufgeräumter kleiner Raum mit eingestreuter asiatischer Kunst, Bücherregalen, einem bequemen Sofa – und natürlich reichlich Farben, Pinsel, weiße Leinwände auf Rahmen gespannt. Über den Boden ist stark farbverfleckte Malerfolie ausgerollt. Eine Staffelei hat hier keinen Platz. Michaelas farbsensible Werke entstehen waagerecht auf Böcken; sie kommen erst in die Senkrechte, wenn die letzte unzähliger Farblasuren getrocknet ist. Dann explodiert aus ihnen die volle Wirkung ihrer tiefgründigen Farbenkraft. Wie innig Michaela mit ihrer expressiven und hochsensiblen Kunst verhaftet ist, zeigt sich, wenn sie spontan ein Bild anhebt, sich ein Stück dahinter versteckt, den Beobachter in den Blick nimmt.

Bevor ein Bild in dieser Wohn-Werkstatt weiche und fließende Konturen annimmt, ist sehr viel auf unterschiedlichsten Ebenen passiert. Die eigene Biographie spielt in den unausweichlichen Wunsch hinein, sich künstlerisch auszudrücken. Obwohl sie, wie sie beiläufig erzählt, schon in der Kindheit „mit großer Begeisterung“ gemalt hat, wurde ihr Weg zur Künstlerin nicht leicht, ein Mathematik- und Geografiestudium nach dem Abitur standen im Vordergrund, die Zeit für die Malerei war begrenzt.

Buddhismus und Alanus

Wie genau entsteht ein Werk? Von Lyrik, die den Zen-Buddhismus als Quelle hat, lässt sie sich inspirieren. Japanische Haikus, eine besondere Gedichtform, bringen etwas in ihr zum Klingen, daraus erwachsen Kräfte und die Idee für Farbstimmungen eines neuen Werks. Minka streicht um ihre Hände, bedächtig dialogisieren Streicheleinheiten. Eine kleine weiße Schale färbt sich am Boden türkisfarben. Der frische und scharf zulaufende Pinsel taucht in die Farbmischung ein. Dann zieht die Malerin Bahn für Bahn die Farbe über die darunter bereits getrockneten Schichten. Die Feinarbeit in der Oberfläche leistet ein kleiner Schwamm. Sie vergisst mich, prüft immer wieder Oberfläche und Farbkomposition. Minka am Rand des Farbtisches spürt die Spannung in der Künstlerin.

Nach der Geburt ihres Sohnes und ihrer Tochter, der Arbeit als Lehrerin folgten Scheidung und ein Leben als alleinerziehende Mutter. Parallel wuchsen Anfang der 90er-Jahre Träume von einem neuen Start in die Kunst. „Aber der Faden war irgendwie gerissen“, erinnert sich die Künstlerin. Doch ihr neuer Lebenspartner glaubte mehr als sie selbst an ihre besondere Begabung und half gefühlvoll beim Überschreiten der ersten Schwellen. Zum Geburtstag schenkte er ihr einen Aquarellkasten, ein Pinselset und einen Kurs bei einer anerkannten Künstlerin in Bonn. Es folgten figürliche und Landschaftsmalerei sowie technische Vervollkommnung. „Irgendwann merkte ich aber, dass mich das nicht wirklich befriedigte. Ich wollte freier in der Malerei werden“, erinnert sich Michaela Odekerken an diese Zeit der intensiven Suche nach einer neuen künstlerischen Ausdrucksform. Sie wechselte zur Künstlerin Jutta Pintaske, die an der Alanus-Hochschule in der Nähe Bonns studiert hatte. „Jutta leitete uns an, total frei von jeder gegenständlichen Vorstellung zu malen. Sie spielte uns ein Musikstück vor und meinte: So jetzt assoziiert mal, was ihr damit verbindet. Das fand ich toll.“ Hier wuchsen wohl auch die Wurzeln für die heutige so erfolgreiche kreative Arbeit der Künstlerin.

Langsam schreitet Michaela mit gerafftem Rock die Treppe hinunter. Sie erzählt ruhig und überlegt weiter. Zufrieden streifen ihre Blicke über die eigenen Werke an den museal weißen Wandscheiben. Der Kontakt zur Bonner Kunstszene, die Freundschaft zu Künstlern und Künstlerinnen brachten sie dazu, 1993 eine Galerie zu eröffnen. Ein Forum zu schaffen und Menschen für Kunst zu begeistern, waren neben der Förderung von jungen, noch unbekannten Talenten ihre Ziele. Früh wuchs auch der Wunsch, eigene Bilder auszustellen. Zum 40. Geburtstag, 1995, machte sie sich eine Ausstellung ihrer Malerei selbst zum Geschenk, begleitet von Selbstzweifeln, ob sie gut genug dafür sei. Im Sommer 1996 dann starb ihr Lebensgefährte durch einen Motorradunfall. Die Schließung der Galerie und die Entscheidung wieder als Lehrerin zu arbeiten, ließen nur wenig Zeit, ihrer Malerei nachzugehen.

Indien prägt die Gestaltung

Lyrik sensibilisiert für die Farbe

Ihre seit ihrer Kindheit bestehende Sehnsucht nach Indien stillte sie 1998: „Für mich war die Reise in den Süden dieses Landes ein weiterer Schritt, meine Bestimmung zu finden.“ Die erlebte Spiritualität und die Intensitiät des Lebensgefühls waren für sie eine tiefgehende Offenbarung. „Hier bist du zu Hause – ich hatte mich in Indien verliebt!“ Michaelas Kunst, die vielen Erinnerungsstücke im Haus, wesentliche Teile ihrer Bibliothek und letztlich ihre Kleidung sind stille Belege, dass dies auch so geblieben ist. Der “indische Farbkosmos“ spielt immer mehr in ihre Kunst hinein. Sie beginnt, mit stärkeren, leuchtenden Farben zu arbeiten, experimentiert ohne Ende. Weitere Reisen nach Indien und Thailand stärken in ihr die Gewissheit, dass sie nur noch malen will. Der Umzug in eine kleinere Wohnung – die Kinder sind nun flügge – schränkt sie zwar räumlich ein, hindert sie aber nicht daran, sich an immer größere Formate zu wagen.”lch hatte kein Atelier, habe im Wohnzimmer und im Sommer, bei schönem Wetter, auf der Dachterrasse gemalt.“ Sie verfeinert ihren Stil, lässt ihn reifer werden.

Bei der Ausstellung “Schätze der Himmelssöhne”(Kaiserliche Sammlung aus dem Nationalen Palastmuseum Taipeh) in der Bonner Bundeskunsthalle stößt sie Anfang 2004 auf ein Buch der Taiwanesin Chao-Hsiu Chen. In ihrem “Buddhistischen Buch der Liebe” findet sie Lyrik, die sie begeistert. Mehr und mehr findet sie den Schlüssel zur stilistischen Eigenständigkeit: “Ich versuche, das, was diese Texte bei mir auslösen, in das Bild einfließen zu lassen. Aus dieser Intensität, die die Versenkung in die Stimmung bei mir erzeugt, der Wahrnehmung von inneren Bildern, die entstanden sind, hat sich meine Ausdrucksform immer mehr verstärkt“.

Mitten in dieser seit einem Jahrzehnt ungebrochen anhaltenden Schaffenskraft wird sie 50, hat das aber nicht als wesentlich erlebt. Denn sie fühlt ihr Leben als fließenden Prozess. „Die Impulse für meine Malerei sind immer als Geschenke zu mir gekommen.“ Nicht so die Ausstellungen. Da sind gute Netzwerke, harte Arbeit und eine Menge Organisation gefragt. Inzwischen hat Michaela Odekerken ihre Werke in über 100 Ausstellungen gezeigt.

Das Aufstehen nach der Trauer

Entspannung mit Katze Chiara nach der Atelierarbeit

 

Die Freude, zu erleben, wie bislang fremde Menschen sich an ihren Bildern erfreuen und die in ihnen verborgenen Botschaften entdecken, ist ein wesentlicher Motor für ihre Ausstellungstätigkeit. Das Leuchten in ihren Augen wird stärker, ihre Sprache, ihre Bewegungen, ihr Umgang mit dem Leben verraten philosophische Reife. Der Tod von ihr nahe stehenden Menschen hat „die Wahrnehmung, was wirklich wichtig im Leben ist, grundsätzlich verändert.“ Weil sie etwas tut, das sie zufrieden und oft glücklich macht, passiert es immer wieder, dass sie nach Zeiten der Trauer „eines morgens aufsteht und denkt: Heute gehst du ins Atelier und fängst wieder an. Ich hatte vor Monaten einer Freundin versprochen, in ihrem neuen Teesalon eine Ausstellung zu machen. Die Idee, der Text für das Titelbild der Einladung, schwangen schon lange in mir, diese `Traum-Schau-Blüten´. Mir war klar: Das wird das erste Bild sein, das du in diesem Jahr malst…und es wird ein ganz besonderes Bild werden. Ich habe viele Stunden, oft bis zu Erschöpfung, daran gearbeitet.“

Auf die Frage nach Wünschen für ihre Zukunft kommt Erstaunliches von der Malerin: „Ich erwarte nie etwas. Das ist das Schlimmste, was man tun kann, denn es begrenzt einen. Bisher sind mir immer Geschenke zugeflossen, die mich weiter gebracht haben. Ich hoffe, dass das so bleibt. Dass ich mich so intensiv meiner Malerei widmen kann, ist für mich das allergrößte Geschenk.“ Zumindest ein lang gehegter Wunsch ist kürzlich in Erfüllung gegangen: Ihr Lebenspartner Joachim und sie haben in einer buddhistischen Zeromonie im Tempel Wat Na Phra Lan auf Koh Samui in Thailand geheiratet.

Im Wohnbereich angekommen, setzt sich Michaela auf das ausladende bunte Sofa unter einem ihrer Werke. Gedankenverloren spielt sie mit ihrer Katze Usha, die nach einer indischen Göttin benannt ist. Ich trinke den letzten Schluck grünen Tee und schalte das Aufnahmegerät ab. Die Technik hat hier atmosphärisch eher gestört. Das Farbenspiel der Bilder dagegen hält mich noch ein Stück in der Leichtigkeit einer anderen Welt – ich war in einer Lebenswerkstatt.

 

Dieter Buchholtz

 

 

Homepage der Künstlerin

http://www.michaela-odekerken.de/

 

Michaela Odekerken: Ausstellungsvorschau 2013

14. März bis 10. Mai 2013 in der Sparda-Bank, Rochusstraße 118-120, 53125 Bonn.

 




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