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Dinge im Modus der Zeit

Natures mortes von Josta Stapper in Vettelschoß

Schon die Anfahrt ist ein Genuss – im Mai ganz besonders. Die Fahrt geht durch die stark reliefierten westlichen Ausläufer des Westerwaldes. Herrliche Ausblicke ins Rheintal und auf die Asbacher Hochfläche inbegriffen. Unser Ziel: Vettelschoß, sieben Kilometer nordöstlich von Linz am Rhein. Wir folgen der Einladung zu einer„natures mortes“-Ausstellung. Die Adresse mitten im Ort verrät noch nichts über den Veranstaltungsort.

Josta Stapper vor einem seiner in Vettelschoß ausgestellten Stilleben
Foto: Dieter Buchholtz

Wir erreichen die Zielstraße. Ein Paar läuft mitten auf der Straße mit Sektgläsern in der Hand. Nicht das gewohnte Bild einer Dorfszene. Ansonsten ist es still. Wir biegen auf einen Hof ein. Zur Linken ein langgezogenes Gebäude aus den 60er Jahren. Deutlich mehr Menschen dialogisieren auf dem Hof – Sektgläser auch hier als Erkennungszeichen für eine Vernissage. Freundlich begrüßt uns der Künstler: Josta Stapper.

Im Foyer der ehemaligen Schule ist die große Wanduhr auf 11 nach 10 stehen geblieben. Ein Stilleben, das die Zeit angehalten hat. Und dennoch glaubt man noch die Kinder am letzten Unterrichtstag aus dieser Schule herausstürmen zu hören. Der Kölner Künstler Michael Royen hat die Schule gekauft und die Uhr in Ruhe gelassen. Eingerichtet hat er sich hier mit einer Malschule und einem Atelier. Eingeladen hat er in vier Jahren 20 Künstler zu Ausstellungen.

Cartoonist auch für die Satirezeitschrift “Pardon”

Künstler und Galerist Michael Royen: “Ein anderes Auge entwickelt”
Foto: Dieter Buchholtz

Mit rhetorisch leichter Hand stellt Royen den 1941 geborenen Stapper vor, der als Grafiker vom Cartoon her kommt, der für unterschiedliche Magazine (u.a. für die Satirezeitschrift „Pardon“) gearbeitet hat – immer gegenständlich. Um greifbare Gegenstände geht es auch bei den Stilleben des Malers, der im Kunstzentrum Wachsfabrik in der südlichen Peripherie Kölns lebt und arbeitet. Mit Bezug auf den Untertitel der Ausstellung holt Royen aus mit der Anmerkung, dass in vergangenen Jahrhunderten diese Stilart mal als „Reklametafel des Künstlers“ entstanden ist. Damit hatten sich die Maler „freigestrampelt“ und sich von den Auftraggebern freigeschaffen.

Den Bruch mit naturgetreuen Abbildern habe im ausgehenden 19. Jahrhundert die Erfindung der Fotografie verursacht. Irgendwie wurde dadurch auch der „der Sturm der Moderne“ losgetreten. Betrachtet man die hoch- oder sogar fotorealistischen Bilder Stappers, dann wundert es nicht, dass der Maler, Illustrator und Zeichner eine Vorliebe für das 19. Jahrhundert hat. Künstlerisch stark getragen hat ihn der Hype einer neuen Sachlichkeit, beginnend in den frühen 70er Jahren. Die Zeitspanne der ausgestellten Werke reicht somit auch von 1971 bis 2010.

Stapper entdeckt für sich die morbide Ästhetik

Angeregte Diskussion: Circus-Corelli Direktor Hanspeter Kurzhals, Josta Stapper, Anne Buchholtz (v.l.n.r.)
Foto: Dieter Buchholtz

Royen bezeichnet diese Rückkehr zu einer fast schon extremen Form des Realismus (Zum Greifen nahe) als „Protokolle der Maler in einem neutralen Prozess, der ordentlich und undramatisch abläuft.“ Sie wurden Spiegelbild eines sich verschiebenen Werteverhältnisses. Diese Künstler, wie auch Josta Stapper, haben bewusst oder unbewusst „ein anderes Auge entwickelt“ (Royen). Josta entdeckte für sich die „morbide Ästhetik“. Plötzlich wird das Hässliche schön, der Rost, die abgeblätterte Farbe sind malenswert. Royen betont in seiner Vernissage-Einführung, dass „Josta Stapper mit seiner Akkuratesse“ den Betrachter in die Bilder hineinzieht, ja „ködert“. Aber er gibt auch leichtfüßigen Interpretationen zu bedenken: „Das muss man eben können.“

“Vorhängeschloss”, 1973
Foto: Dieter Buchholtz

Können heißt hier auch komponieren. Die Gegenstände wie Flaschen, Lampen, Vorhängeschlösser, Autoreifen oder ein Rostauto sind nicht einfach hingestellt oder abgemalt, sie sind in das Bildformat hineingestaltet. So starr sie zuweilen auch wirken, so wohnt ihnen allen eine gewisse Leichtigkeit inne, eine fast emotionale Hinwendung zum Detail. Royen merkt an, dass sich die Stilleben „von strenger Komposition befreien.“ Und dennoch finden sie wieder Halt und Kraft in teilweise strenger Symmetrie. Besonders wichtig ist dem Künstler und Freund, dass Josta nicht einfach Gegenstände positioniert, sondern sie sind künstlerisch geschaffen. Durch die Auswahl, durch die Art der Darstellung werden Gegenstände exponiert, die der Zeit unterworfen, die gealtert sind. Sie befinden sich zeitlos geworden im Modus der Zeit.

“Farben Drei”, 2010
Foto: Dieter Buchholtz

Es ist eine kleine, aber durchaus bezaubernde Ausstellung im Studio Michael Royen. Sie fährt nicht auf abstraktem Mainstream ab. Sie strahlt etwas  Reifes, etwas Abgeklärtes, etwas fröhlich Statisches aus. Auch wenn die Farben zuweilen sehr gedeckt daher kommen. In diesem privaten Kunsthaus öffnet sich in drei unterschiedlich großen Räumen eine sehenswerte Kunstfacette einer klassischen Stilart, nature morte eben. In Verbindung mit dem Auto-Anreiseerlebnis ist es eine kleine Offenbarung in Stille und mit Stil. Ein Teil der Gemälde ist käuflich zu erwerben (so um die 3.000 € pro Werk).

Dieter Buchholtz

Die Ausstellung endete am 30. Mai 2013! Der Künstler ist zu erreichen unter http://www.josta-stapper.de

 




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