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Verrückt nach Sylvette

Sylvette, Sylvette, Sylvette. Picasso und das Modell

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Pablo Picasso, Sylvette, 1954 Öl auf Leinwand

Die Kunsthalle Bremen feiert Picasso mit einer großartigen Ausstellung

1954 porträtierte der Maler Pablo Picasso (1881-1973) in Südfrankeich die damals 19 Jahre alte Sylvette – 60 Jahre später ist die innerhalb von zwei Monaten entstandene Serie erstmals in der Kunsthalle Bremen zu sehen. Die heute 79-Jährige Lydia Corbett, die unter dem Namen Sylvette David als Modell bekannt wurde, reiste zur Eröffnung im Februar d. J. nach Bremen. Nach einem Rundgang durch die Ausstellung äußerte sie sich völlig überwältigt:

“Ich bin so begeistert, dass ich fast schockiert bin von so viel Schönheit. Das ist eine großartige Ausstellung” Der Frauenheld habe zwar mit ihr geflirtet, aber sie habe sich nicht von dem damals 73-jährigen Künstler erobern lassen, so die Französin, die heute in England lebt und dort als Künstlerin arbeitet.

Die Sylvette-Serie

Noch im Jahr des Entstehens wurde die Sylvette-Serie zur Mediensensation. Künstlerfotografen und Reporter dokumentierten die „Liaison“ zwischen der Schönen und dem weltberühmten Maler. Mit Leihgaben aus aller Welt will das Museum den Zeitgeist der 1950er Jahre wiedergeben und die Beziehung zwischen “Maler und Modell” beleuchten. Das zentrale Bild musste hingegen nicht einmal reisen. Seit 1955 verfügt die Kunsthalle Bremen über das in Grautönen gehaltene Gemälde „Sylvette, 3. Mai 1954“ In seiner zarten, spröden Komposition zeigt es Sylvette wie ein Stück scheues Wild: übergroße Augen, ein überlanger Hals, der wie der Stängel einer Blüte aus dem Blätterkragen ihres Kapuzenmantels herauswächst, überwuchert von weißblonder Lockenpracht.

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Die heute 79-Jährige Lydia Corbett, die unter dem Namen Sylvette David als Modell bekannt wurde

Die große, ambitionierte Bremer Ausstellung entführt den Besucher zunächst ins Keramikdorf Vallauris an der Côte Azur, wohin Picasso nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit Françoise Gilot gezogen war. Sowohl der Maler als auch die Person Picasso standen im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. In Massen strömten Touristen in das kleine Dorf, um dem berühmt-berüchtigten Künstler nahe zu sein.

Die in sieben Kapitel gegliederte Schau stellt den Picasso der Fünfzigerjahre als Genie am Scheideweg vor. Françoise Gilot trennt sich 1953 von Picasso, nimmt dabei die gemeinsamen Kinder Claude und Paloma mit. Nicht nur der Mensch Picasso ist gebeutelt, auch der Künstler Picasso sucht spürbar nach Orientierung. In einer großen Serie feiert Picasso seine Françoise als Sonnenfrau – und arbeitet sich in Grafiken an Honoré de Balzacs Erzählung „Das unbekannte Meisterwerk“ ab. Die berühmte Geschichte handelt von einem Maler, der im Wahnsinn endet. Picassos Bilder handeln von eigenen Gefährdungen. Zur gleichen Zeit kreiert er Keramiken, bannt mit Hummer und Fischen das pralle Leben ins Bild, komponiert aus Fundstücken wie Schaufel, Gabel und Gasventil seine „Kranich“-Plastik.

“Epoche Sylvette”

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Picasso: Portrait von Sylvette David auf grünem Stuhl, 1954

Picasso – Lebemann und Frauenheld, Ehrenbürger, Kommunist und Genie – stürzt durch den Verlust der Gefährtin Françoise in eine Schaffens- und Lebenskrise, aus der er erst durch die Begegnung mit Sylvette David herausfindet. Doch nun legt er los: Die große, scheue Blonde aus Nachbars Garten bezaubert ihn. In kürzester Zeit entsteht eine Flut von Gemälden und Zeichnungen, Skizzen und schließlich gar Skulpturen aus gefaltetem und apart bemaltem Aluminiumblech. Mit Sylvette findet Picasso zu neuer Konzentration. Er arbeitet erstmals streng an Modellsitzungen im Atelier entlang. Mit atemberaubender Geschwindigkeit baut er das Motiv der jungen Frau zu immer neuen künstlerischen Lösungen um. Die Kunsthalle faltet das ganze Spektrum aus. Das reicht vom naturalistischen Porträt bis hin zu Gemälden, die Sylvette als abstrakte Architektur aus verkanteten Flächen zeigen. Besonders faszinieren Plastiken, die Picasso aus Blech bog oder spontan aus kleinen Kartonstücken zusammensetzte.

Die Kunsthalle zeigt aber auch die Sackgassen dieser Serie, wie das Bildnis einer frei fantasierten nackten Sylvette, und das düstere Gegenbild der blonden Unschuld. Aus Backsteinen und Ziegeln baut Picasso „Die Frau mit dem Schlüssel“, eine Plastik, die mit der finsteren „Bordellmutter“ auch die Gefühlserstarrung selbst zum bedrängenden Erlebnis macht. Picasso findet aus der Erstarrung heraus. Und lässt Sylvette hinter sich, als sie als Motiv für ihn auserzählt ist.

Spätwerk “Maler und Modell”

Unterbrochen werden die Porträts immer wieder durch zeitgenössische Presse- und Fotoreportagen, zum Beispiel aus “Paris Match” oder dem “Spiegel”. Sylvette war ein Medienereignis mitten im Touristenrummel Südfrankreichs. Für Picasso wurde die obsessive Serie zum Ausgangspunkt für sein Spätwerk: die Auseinandersetzung mit dem Thema “Maler und Modell”. Auch diesem Abgesang auf das Oeuvre Picassos in den 60er-Jahren widmet die Ausstellung noch einmal breiten Raum.

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Picasso und Sylvette David

Doch nicht nur deshalb erscheint die von Picasso-Experten eher wenig geschätzte „Sylvette-Serie“ nun in einem erstaunlich anderen Licht. Die Bilder mit dem Motiv der unschuldigen Schönheit galten im Vergleich etwa mit den Gemälden von der „weinenden Frau“ Dora Maar als künstlerische, weil auch emotionale Leichtgewichte. Diese immer wieder kolportierte Einschätzung ist jetzt nicht mehr zu halten, weil Kunsthallenchef Christoph Grunenberg und sein Team die „Sylvette-Serie“ als Teil eines mehrjährigen kreativen Prozesses erzählen und mit dem Blick auf künstlerische Medien von Gemälde über Grafik bis hin zu Plastik und Materialobjekt sowie Keramik Picasso als Multitalent der Kunst vorführen.

Bremen erzählt seine Geschichte weiter – mit den Porträts von Picassos letzter Frau Jacqueline Roque und mit seltenen Selbstbildnissen des Künstlers. Sie zeigen den alten Maler, dem nur die Kunst bleibt, um das Leben zu fassen. Und diese Bilder sind das packende Finale einer grandiosen Schau.

Ursa Kaumans

Bremen, Kunsthalle: Sylvette, Sylvette, Sylvette. Picasso und das Modell.
22. Februar bis 22. Juni. Di., 10 – 21 Uhr, Mi.–So., 10 –18 Uhr. www.picasso-bremen.de

Eintrittspreis: 12 €




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