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Mehr als betende Hände

Albrecht Dürer-Ausstellung im Frankfurter Städel Museum

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Das Städel-Museum in Frankfurt

 Jeder kennt sie, die hausbacken vertrauten und populären Werke Albrecht Dürers: in zahlreichen deutschen Wohnzimmern waren und sind sie zu Hause – die betenden Hände oder der Hase, zu oft gesehen und gar nicht mehr wahrgenommen. Jedoch wird man dem Ausnahmekünstler Albrecht Dürer damit keinesfalls gerecht. Den widersprüchlichen, vielseitigen Künstler zeigt jetzt das Frankfurter Städel Museum, und wagt damit eine völlig neue Sicht auf ihn und seine Zeit. Die Ausstellung mit insgesamt 280 Werken zeigt Dürers Schaffen in seiner ganzen Breite und in der großen Vielfalt seiner künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Dürers Meisterwerke werden mit Arbeiten von Vorläufern oder Zeitgenossen konfrontiert, die für den Künstler wichtig waren; u. a. werden weltberühmte Leihgaben aus Los Angeles, London und Wien präsentiert. Die sehr sehenswerte Ausstellung macht neugierig auf diesen keineswegs vertrauten Künstler. Wer war er, und wie hat er gelebt?

Albrecht Dürer und seine Zeit

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Albrecht Dürer, Selbstbildnis

 Zwischen 1470 und 1530 erlebte Nürnberg eine Blütezeit. Dank ihrer günstigen Lage als Handelsplatz in der Mitte Europas hatte sich die Stadt zu einem Zentrum allerhöchster Handwerkskunst entwickelt. Neben Köln und Prag zählte Nürnberg zu den größten Städten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Kupferstecher, Drucker, Uhrmacher und Goldschmiede aus dieser Stadt genossen einen außerordentlichen Ruf in ganz Europa und konnten sich einen entsprechenden Wohlstand erarbeiten. In dieser Stadt wurde Albrecht Dürer am 21. Mai 1471 geboren. Sein Vater war Goldschmied, der sich eine eigene Werkstatt aufgebaut hatte. Mit 13 Jahren begann Albrecht Dürer seine Ausbildung im Betrieb seines Vaters. In seiner Vorliebe für die Genauigkeit der Linie zeigte sich schon früh sein großes Zeichentalent, und mit 16 Jahren drängte er den Vater, in der Werkstatt des bekannten Malers Wolgemut eine weitere Ausbildung beginnen zu dürfen. Dieser hatte ein Unternehmen mit knapp 100 Mitarbeitern, die mehr als 20 Druckerpressen bedienten. Hier bemerkte der angehende Künstler schon früh, welche Möglichkeiten die Druckgrafik bietet.

Damals war es üblich, nach der Ausbildung auf Wanderschaft zu gehen, um in anderen Werkstätten Berufserfahrungen zu sammeln. Mit 19 Jahren machte sich der junge Dürer auf den Weg zu einer dreijährigen Wanderschaft, die ihn ins Elsass führte. Bei seiner Rückkehr nach Nürnberg 1494 erwartete ihn die Hochzeit mit Agnes Frey. Diese Verbindung war von den Eltern der beiden Eheleute – wie damals üblich – arrangiert worden.  Sein Vater hatte seine spätere Frau Barbara in deren Elternhaus kennengelernt, wo er eine Ausbildung zum Goldschmied absolvierte. Mit seinem Lehrmeister verband ihn eine tiefe Freundschaft, die durch die Heirat mit dessen Tochter,  die gerade 15 Jahre alt war, mit dem bereits 40 Jahre alten Dürer besiegelt wurde. Ein so großer Altersunterschied war damals keineswegs unüblich.

Albrecht Dürer hatte ein enges und liebevolles Verhältnis zu seinen Eltern.  Nach dem Tod des Vaters nahm er die Mutter bei sich auf. Ein Porträt, das in Frankfurt hängt, zeigt eine müde und abgespannt wirkende Frau von 39 Jahren, die Dürer in wohlhabend-bürgerlicher Tracht darstellt. Seine Mutter hatte 18! Kinder geboren, von denen jedoch nur drei überlebten.

 Albrecht Dürer und der Buchdruck

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Die “Weltchronik” von Hartmut Schedel

Bücher waren zu Zeiten Dürers ein teurer und wertvoller Luxusartikel, den sich nur wohlhabende Menschen leisten konnten. Erst seit kurzer Zeit war es – Dank der Erfindung des Johannes Gutenberg –  möglich, Bücher zu drucken. Vorher mußten sie mühsam mit der Hand geschrieben werden, und die Herstellung eines einzigen Buches dauerte mehrere Jahre. Bilder wurden zu einem immer wichtigeren  Bestandteil der Bücher. Sie wurden nachträglich als Holzschnitte eingedruckt. Dürers Patenonkel, Anton Koberger, druckte einige der bedeutendsten Bücher des 15. Jahrhunderts. So zum Beispiel die WELTCHRONIK des Nürnberger Hartmut Schedel, die die gesamte Geschichte der Menschheit schilderte und mit rund 1800 Holzschnitten illustriert war. Da Dürer sich häufig in der Werkstatt seines Patenonkels aufhielt, war er über die Technik des Holzschnitts und Buchdrucks gut informiert.

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Albrecht Dürer, Die Apokalypse, 1511, Holzschnitt

Die APOKALYPSE war Dürers erstes Buch, das er im Alter von 24 Jahren druckte und verlegte. Das Buch wurde ein Verkaufsschlager, denn es traf den Nerv seiner Zeit: Viele Menschen glaubten während der Jahrhundertwende, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorstehe.

 Zeiten des Aufbruchs

Nur drei Monate nach seiner Heirat mit Agnes Frey brach Dürer zu seiner ersten Italienreise auf. Florenz, Venedig und Mailand galten als Hochburgen des Humanismus, wo sich die wichtigsten Gelehrten, die sich diesem neuen Denken verschrieben hatten, versammelten. Sie setzten sich mit den Ideen der Antike auseinander und rückten den Menschen in den Mittelpunkt. So versuchten Maler in Porträts neben den Gesichtszügen auch das Wesen des Dargestellten zu erfassen. Auch Dürers Interesse für den Humanismus war geweckt. Und so begann er sich nach seiner Rückkehr aus Italien damit auseinanderzusetzen, wie man Menschen malt und wie man deren verschiedene Charakterzüge im Bild festhalten kann. Auch sein eigenes Antlitz hielt er immer wieder auf Skizzen fest, die dann als Vorlagen für Gemälde zum Einsatz kamen.

Insgesamt besuchte Dürer Italien zwei Mal: Zuerst im Anschluß an seine Wanderjahre, danach von 1505 bis 1507, diesmal allerdings schon als etablierter Künstler. Der Weg nach Italien war beschwerlich. Dürer mußte ihn zu Fuß zurücklegen. Allerdings war es ein üblicher Handelsweg und die Strecke von Nürnberg nach Venedig daher gut erschlossen. Dürer versprach sich viel von seinem Aufenthalt in Venedig: Nürnberger Handelsherren unterhielten dort eine Niederlassung, sodass er rasch Kontakte knüpfen konnte. Er traf Künstler, Dichter und Gelehrte, die ihn an ihrem Wissen und den neuesten Erkenntnissen teilhaben ließen. So tauschten sie ihre Erfahrungen aus, bildeten sich gegenseitig weiter und schöpften neue Ideen aus den Gesprächen.

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Agnes Frey, Dürers Ehefrau

Der Mann aus Nürnberg war ein gern gesehener Gast im gesellschaftlichen Leben Venedigs und bei Künstlern ebenso geachtet wie unter Mäzenen und Sammlern. Junge italienische Künstler waren beeindruckt von seinen bis dahin ungekannten Fertigkeiten und neuen Möglichkeiten – schließlich konnten die schwarz-weißen Drucke sogar mit der farbigen Malerei mithalten. Er bewegte sich auf Augenhöhe mit den besten italienischen Malern und genoss den Ruhm, der ihm in Italien zuteil wurde.

 Die Gunst der Macht

Mit etwa 45 Jahren war Dürer so berühmt, dass er Aufträge von Kaiser Maximilian I erhielt. Dieser wollte, dass Dürer ihm einen Triumphbogen schuf. Bereits in der Antike demonstrierten Herrscher durch die Errichtung von Triumphbögen ihre Macht. Maximilian I allerdings wollte nicht einen aus Stein gebauten, sondern einen gedruckten, denn dieser ließ sich über sein gesamtes Herrschaftsgebiet verbreiten. Dürer entwarf also die so genannte EHRENPFORTE, die mit etwa 3,5 x 3 Metern der größte je entstandene Holzschnitt ist. Aus 36 Blättern wurde das Werk zusammengesetzt; allein für die Herstellung mussten 195 Druckstöcke angefertigt werden.

 Das Unternehmen Dürer

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Ehrenpforte des Kaisers Maximilian I., Dürer 1515

Schon nach seiner ersten Italienreise gründete Dürer seine eigene Werkstatt. Zahlreiche Studien von Landschaften, Pflanzen und landestypischen Kostümen dienten als Vorlagen, auf die die junge Werkstatt zurückgreifen konnte. Neben der Anfertigung von Gemälden konzentrierte sich Dürer früh auf die Druckgrafik. So wuchs das Sortiment rasch auf 30 Kupferstiche und ebenso viele Holzschnitte an, die interessierten Kunden angeboten werden konnten.

Wie zu dieser Zeit üblich, arbeitete die ganze Familie mit. Dürers Frau und seine Mutter waren z. B. neben dem Verkauf vor Ort auch für den Vertrieb auf Messen zuständig. Bald schon war Dürer so erfolgreich, dass er neben dem hauseigenen Vertrieb auch professionelle Handlungsreisende beauftragte, um den Verkauf über seine Heimatstadt hinaus zu gewährleisten. Neben Gesellen und Lehrlingen waren bei großen Aufträgen auch junge Maler beteiligt, die später ihren eigenen Weg gingen und sich erst noch einen Namen machen mußten. Der Meister war für die Konzeption und die wesentlichen Inhalte verantwortlich und legte bei den wichtigsten Details selbst Hand an.

Dürer in den Niederlanden

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Albrecht Dürer (1471–1528)
Füße eines knienden Apostels, 1508
©Studio Buitenhof, The Hague

Im Jahre 1520 brach der fast 50jährige Dürer mit seiner Frau Agnes in die Niederlande auf. Der Grund war diesmal nicht Inspiration und Weiterbildung, sondern ein ganz pragmatischer: Kaiser Maximilian I hatte ihm eine Rente von 300 Gulden versprochen, die ihm vom Rat der Stadt Nürnberg ausgezahlt werden sollte. Als der Kaiser 1519 starb, war die Zahlung noch nicht erfolgt und die Nürnberger Stadträte forderten eine Bestätigung der Rente durch den neuen Kaiser Karl V. Dessen Krönung in Aachen nahm Dürer zum Anlass, die Bestätigung persönlich einzuholen, und machte anschließend einen „Abstecher“ in die Niederlande. Daraus wurde eine einjährige Reise, die Dürer nutzte, um Handel zu treiben und mit möglichen Auftraggebern in Kontakt zu treten. Sein Ruf als Künstler war ihm vorausgeeilt und er wurde mit großem Respekt und Bewunderung empfangen. Kaufleute, Bankiers und Diplomaten veranstalteten Festbankette zu seinen Ehren. Die Stadt Antwerpen bot ihm schließlich eine jährliche Rente, ein Haus und die Bezahlung all seiner öffentlichen Arbeiten, um ihn dazu zu bewegen, sich dort niederzulassen. Doch Dürer kehrte in seine Heimatstadt Nürnberg zurück.

Imagepflege zu Lebzeiten

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Eine Drei-Reichsmark-Münze von 1928 zum 400.Todestag von Albrecht Dürer, herausgegeben vom Reichsfinanzministerium

Den Personenkult zu Lebzeiten überließ Dürer nicht dem Zufall. Nachdem es Mode geworden war, Fürsten, Kirchenleute und Adlige auf Medaillen zu verewigen, die als Geschenke verteilt wurden, gab auch Dürer eine Münze in Auftrag.

Mehrfach hatte er im Laufe seines Lebens Selbstbildnisse geschaffen, die als Teil seiner Verkaufsstrategie den interessierten Kunden in seiner Werkstatt eine Kostprobe seines Könnens gaben. Er verstand es, sich auf seinen Porträts repräsentativ darzustellen, die heute weltberühmt sind und den Übergang zu einem neuen Selbstverständnis darstellten. Dürer war nicht mehr der durch sein malerisches Können beeindruckende Handwerker, sondern eine selbstbewußte Künstlerpersönlichkeit. Die Münze zeigt Dürer mit langem, wallenden Haar und orientiert sich deutlich an dem im Jahr 1500 entstandenen Selbstbildnis, das heute in der Münchner Pinakothek zu sehen ist. Dürer präsentiert sich als reich gekleideten, selbstbewussten Mann, dessen Haltung, Gesicht und Frisur an traditionelle Christusdarstellungen erinnern. Er inszenierte sich als gottgleicher Schöpfer, für damalige Verhältnisse eine ungeheuerliche Selbstdarstellung. Da Dürer ohne Nachkommen geblieben war, wollte er, dass auf diese Weise sein Andenken gewahrt bliebe.

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Dürer-Ausstellung im Städel-Museum
©Norbert Miguletz

Auch das „Markenzeichen“ AD, mit dem Dürer seine Werke signierte, wurde zu einer Art Qualitätssiegel. Aber auch andere Künstler wollten unrechtmäßig von seiner Berühmtheit profitieren. Sie kopierten und fälschten seine Werke und verkauften sie. Der verärgerte Künstler brachte die Angelegenheit vor den Rat der Stadt Nürnberg, der durch einen Erlass verbot, Dürers Monogramm zu verwenden.

Albrecht Dürer litt nach seiner Reise in die Niederlande vermutlich unter den Folgen einer Malaria-Erkrankung und starb im April 1528 sehr plötzlich im Alter von 57 Jahren. Bis zu seinem Tod war er ununterbrochen künstlerisch tätig und hinterließ ein bedeutendes Lebenswerk, wie auch kunsttheoretische Überlegungen, die für nachfolgende Künstlergenerationen wegweisend waren.

Mit seinem umfangreichen Wissen und seiner auch theoretischen Auseinandersetzung mit der Kunst war er das, was man ein Universalgenie nennt und somit die erste große Künstlerpersönlichkeit in Deutschland.

Städel Museum

Schaumainkanal 63

60596 Frankfurt am Main

Die Ausstellung ist bis zum 02.02.2014 zu sehen

Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So 10:00 bis 19:00 Uhr

Do und Fr 10:00 – 21:00 Uhr

Ursa Kaumans

 




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