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Jogging-Point

Hautnahe Rollen

Distanzierte Nähe zum Menschen kennzeichnet das Werk der Münchner Fotografin Herlinde Koelbl (73). Altern in Nacktheit oder der Blick in das Schlafzimmer gehören dazu. Ein Hamburger Magazin und ein Bonner Museum würdigen das sensible Schaffen der Autodidaktin. Linse auf.

Die Ausstellung ist bis zum 27.Januar 2013 zu sehen

Irgendwie zusätzlich geadelt wird die gegenwärtige Bonner Spurenlese von Herlinde Koelbl. Auf dreizehn Seiten stellt das Hochglanzmagazin GEOkompakt mit „der Suche nach dem Ich“ die Frage: „Was macht uns, wie wir sind?“ Illustriert ist der Ausflug in die Persönlichkeitsforschung mit dualen Fotomotiven der bekannten Münchner Fotografin. Für die beiden Aufmacherseiten hat die GEO-Redaktion den ehemaligen Inspekteur der Luftwaffe, Klaus-Peter Stieglitz, gewählt. Rechts steht der Generalleutnant a. D. gut gefasst in seiner blauen Luftwaffenuniform. Auf der linken Seite zeigt der heute 65Jährige zivile Lässigkeit mit leicht ausgefranster heller Hose, einem beigen, dezent angeknautschten Leinenjackett, einem am Hals deutlich geöffnetem dunklen Hemd. Seine Füße stecken ohne Socken in hellbraunen und legeren Sommer-Slippern – Gebrauchsspuren inbegriffen. Seine Haltung auf dem kargen Stahlrohrstuhl: Entspannt, aber ernst konzentriert. Ein Mann eben, der es offensichtlich gelernt hat, Verantwortung in größeren Zusammenhängen zu tragen, aber auch kontrolliert zu entspannen. Aber auch einer, der erkennbar nahezu grenzenlos verliebt zu sein scheint  in sich und seine Uniform. Original-Zital Stieglitz neben den Fotos von Herlinde Koelbl: „In der Uniform sehe ich immer gleich gut, attraktiv, funktional und gestylt aus… Als General der Luftwaffe gehöre ich sicherlich zur Elite; wir verkörpern eine andere Kultur als das Heer oder die Marine… In der Uniform falle ich auf, jeder weiß, wer ich bin…“

Während der Textbeitrag im Magazin Fragen wie „Warum sind Menschen so verschieden?“ oder Aussagen wie „Wer sich ändern will, muss sich zwingen, aus seiner Komfortzone auszubrechen“, oder Feststellungen wie „Gene bestimmen unser Wesen weitaus machtvoller als lange gedacht“ bearbeitet, assistieren die fotografischen Gegenüberstellungen von Koelbl unaufgeregt, farbig, nie aber bunt, dennoch immer nah am Menschen, stets Raum lassend für Distanz in Rollen-Ausstrahlungen: Hier die Form, die Uniform, der funktionale Habitus auf dem Körper, dort die Jeans, das TShirt, die Turnschuhe, barfuß oder eben einfach nackt. Und genau das kennzeichnet das fotografische Werk der 73jährigen Fotoautodikaktin in professioneller Dimension.

„Spurenlese“ im Bonner Haus der Geschichte

Aus der Serie „Haare“, 2002/2004
© Herlinde Koelbl

Gerne taucht die Fotografin tief in eine Thematik ein – verfolgt diese über oft lange Zeit – dokumentiert Befindlichkeiten – bis in die Offenlegung von Blößen – den Tod nicht aussparend – nie aber verletzend, indiskret. Ein schönes Beispiel dafür ist der Berliner Rechtsanwalt und Kunstliebhaber Peter Raue (71): „Ich verlasse mein Haus grundsätzlich nie ohne Fliege, da fühle ich mich angezogen und sicher. Gleichgültig, ob ich ins Büro, auf ein Gartenfest oder mit den Enkelkindern in den Zoo gehe. Freizeitkleidung besitze und brauche ich nicht. Entweder Fliege oder gar nichts.“ Und das hat der gutaussehende schlanke ältere Herr mit Anzug, grauer Weste, roter Fliege und rotem Einstecktuch auch für Herlinde, die Fotografin, wörtlich genommen. Er ließ für ein seitliches Halbkörper-Porträt die Hüllen fallen – alle. Es macht eine unbeschwerte und ästhetische Freude ihm zuzuschauen, wie er sich in seiner Haut immer noch lachend wohl fühlt.

Um Haut und Freuden geht es auch bei der Domina Nana Wilmore. Sie zeigt sich in ihrer Studio-Kleidung, hautenge Erotik in Schwarz und Rot. Privat dann in lose fließendem Schwarz, ein Hauch von Hausanzug. Die gegensätzlichen oder sich ergänzenden Muster setzen sich fort bei der Luftwaffenpilotin Susanne Siegenthaler, der Kaminkehrerin Pia Behnisch und dem Bergmann Milan Dirk Pajonnkowski. Oder auch die Nonne Philippa Rath. Ihre Tracht sei ein Symbol für Werte, die nicht mehr gängig sind.

Und weil die Werke von Koelbl Geschichten erzählen, menschliche Werte visualisieren, Geschichte auch der Bundesrepublik Deutschland sind, Zeitgeschichte eben, ist ihre präzise beobachtende Fotokunst in der gesamten Schaffensbreite auch gut in der Ausstellung „Spurenlese“ im Bonner Haus der Geschichte (HdG) aufgehoben. Die Präsentation wurde am 4. Juli 2012 eröffnet, zeigt sich jetzt in der zweiten Halbzeit und endet am 27. Januar 2013. Zeit also, eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Die Bilderschau fesselt wohl eher ein Publikum, das hauptsächlich Interesse an der Kunst steht. Der Pressesprecher des HdG, Peter Hoffmann, findet somit auch die derzeitig erreichte Besucherzahl von knapp 60.000 zwar „nicht so bemerkenswert“, aber angesichts der besonderen Form dieser Foto-Präsentation „doch sehr erfreulich“. Sicherlich ist der Erfolg auch den vielfältigen Raummöglichkeiten des Museums zu verdanken. Darüber hatte sich Gerlinde Koelbl bereits bei der Ausstellungseröffnung sehr positiv geäußert. Einen Teil der Ausstellung, nämlich die jüdischen Porträts, wird das HdG in eine Wanderausstellung bringen und diese ab 2013 auf Reisen schicken. Darüber hinaus hat das Haus einen Teil der Fotos erworben.

Von Joschka Fischer bis Angela Merkel

London-Koebl

Aus der Serie „Schlafzimmer“, 2002
© Herlinde Koelbl

Die Ausstellung mit ihren über 400 Exponaten veranschaulicht in vielfältiger Weise, dass es der Fotografin „wirklich immer um das Wesentliche geht.“ Sie will „etwas wahrnehmen, was außerhalb des Normalen liegt…“. Mit Alter, Leid, Vergänglichkeit, Tod, Sexualität, Kindheit Lebensfreude oder Macht taucht sie ein in den Kreislauf des Lebens.

In besonderer Weise folgt sie über Jahre den Veränderungen der 15 mächtigsten Deutschen. Sie sieht und fotografiert das Reifen dieser Akteure, das Altern. Es geht ihr darum, den Blick dafür zu schärfen, wie Macht den Menschen innerlich und äußerlich verändert. In gleich großen quadratischen Rahmen fügen sich dann auf großen Wandscheiben synoptisch Zustandsbeschreibungen von Gesichtern zu einem Entwicklungsmosaik. Fixiert werden auf diese Weise beispielsweise Außenminister a.D. Joschka Fischer, Altbundeskanzler Gerhard Schröder oder eben auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Herlinde Koelbl bleibt ihrer Vorgehensweise über Jahrzehnte treu. Sie beobachtet in feiner Ironie die „Feinen Leute“, blickt in deutsche Wohn- und Schlafzimmer. Es ist nicht die voyeristische Neugier. Es geht der Frage nach: Was sagen Gestaltung, Assessoirs, Möbel, Dekoration über die Bewohner aus? Einen wichtigen Platz nehmen die „Jüdischen Porträts“ ein. Zusammen mit Auszügen aus Interviews werden Persönlichkeiten, die die Shoah überlebt haben wie Bruno Bettelheim, Grete Weil (Plakat)oder Lord Arthur Weidenfeld und Simon Wiesenthal vorgestellt. Angesichts der stillen Eindringlichkeit der Werke ist Harald Martenstein Recht zu geben, der bereits im Tagesspiegel 2001 schrieb: „Herlinde Koelbl schreibt, Werk für Werk, die Chronik einer Epoche, wie früher die Romanciers, wie Zola oder Balzac, nur mit anderen Mitteln.“

Info

Die Ausstellung im Haus der Geschichte Bonn ist noch bis zum 27. Januar 2013 zu sehen.

bu

 

Zeitgleich ist in Bonn zu sehen

Schuhtick – Von der Ötzi-Sandale zum High Heel

Eine Erlebnisausstellung im LandesMuseum Bonn

Zita Attalai, Virgin, 2001
©LVR-LandesMuseum Bonn,
Jürgen Vogel

Die Schuhe des Ötzi, vor ca. 5.300 Jahren
© LVR-Bonn

Was haben Ötzi, Lady Gaga und der Papst gemeinsam? Welche Schuhgröße hat Arnold Schwarzenegger und mit welchen Schuhen lief Pablo Picasso in seiner Freizeit herum? Solche Fragen klärt „Schuhtick“, eine Ausstellung im LandesMuseum Bonn. Präsentiert wird Schuhgeschichte der letzten 40.000 Jahre, darunter die älteste Sandale Europas, Biedermeierstiefel bis hin zu Schuhen von Sophia Loren oder Jürgen Klinsmann.
Mit 400 Ausstellungsstücken spannt „Schuhtick“ einen Bogen durch die Epochen und über die Kontinente. Dabei wird das scheinbar so alltägliche Kleidungsstück in all seinen Facetten gezeigt: im historischen Rückblick, als Zeichen von Status und Macht aber auch als Kunst- und Designobjekt, als erotisches Signal oder Glücksbringer. Die Ausstellung gibt Einblicke in die Entwicklung der Schuh-Kultur, Schuhherstellung und Gestaltung. Sie zeigt sich wandelnde Trends durch die Jahrhunderte. Ein umfangreiches Rahmenprogramm reicht von der Prosecco-Führung über das Cat-Walk-Training, von der Einkaufstour mit dem Personal Shopper bis zum Tanzkurs.

Die Ausstellung entstand als interdisziplinäres Projekt des LWL-Museums für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum Herne, des Überseemuseums Bremen und der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim in Kooperation mit dem LVR-LandesMuseum Bonn.

lmb

 

Begleitbuch zur Ausstellung kostet 14,90 Euro.

Dauer: bis 10. März 2013

 

 

 

 

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