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Frauen-Power in Schwarz-Weiß

Spannende Biographien aus der Lebensmitte

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Werben mit dem Alter.

Eine Essener Fotografenmeisterin präsentiert im Bonner Frauenmuseum „Selbstbewusste Weiblichkeit“. Das auffällig unauffällige Weiß der kompletten Koje mit aufgehellten Schwarz-Weiß-Fotos zieht Besucher magisch an. Jedes der ausgestellten Tafeln enthält drei Fotos von 37 Frauen. So unterschiedlich sie sich dem Betrachter vorstellen, so verbinden sie doch alle irgendwie ähnliche biografische Besonderheiten. Sie alle haben ihren Weg gefunden. Sind auf unterschiedliche Weise stark.

Sibylle Stengel-Klemmer (49) hat das Projekt komplett durchgezogen. Sie versteht die Bonner Exposition als „Appell an das Bewusstsein der Frauen und ihre Eigenverantwortung.“ Das Ganze hat sie zudem in einem Buch zusammengefasst. Seit 17 Jahren ist die Foto- und auch Zeichenkünstlerin in vielen Sujets wie Mode, Akt oder Familie unterwegs. Ihre besondere Stärke und Leidenschaft: Das Porträt. Das kommt zweifelsfrei auch diesem Frauenprojekt zugute.

Fast bei jeder hier gezeigten Frau zieht die fotografische Gestaltung den Betrachter an die Biographie heran. Immer beginnt der motivische Dreierkanon mit einem gerasterten (biometrischen) Porträt, es folgt eine halb- oder ganzfigürliche Ablichtung (sich selbst bewusst wahrnehmen). Abgeschlossen wird dieser Einblick zumeist durch ein Foto, das die Frau jeweils in einer von ihr bevorzugten Beschäftigung zeigt – oft unterstützt durch entsprechende Assessoirs (größte Ambitionen).

Start mit Modellen aus dem Alltag

Die Idee entstand Anfang 2011. In einem anregenden Gespräch mit einer Freundin (Sabine Gerstendorf-Müller; auch im Buch zu sehen) wurden die Wurzeln zu  Sibylle Klemmers Idee gelegt.  Daraus entstand das Projekt, die Lebensgeschichten der Frauen zu dokumentieren. Es ging ihr dabei auch um Verlangsamung. Sie will sich immer voll und ganz auf die Menschen vor der Fotolinse konzentrieren – zu hundert Prozent – wie sie sagt. Die Modelle stammten zunächst mitten aus dem Alltag des Lebens in ihrer unmittelbaren Umgebung. Nach einem Artikel in der WAZ erweiterte sich der Radius. Rückblickend sagt Klemmer: „Mir gingen in vielen Fällen die Lebensgeschichten sehr nahe.“

RosiNEUDie Mehrzahl der vorgestellten Frauen befindet sich in der Lebensmitte. Rosi Rotter ist mit ihren 89 Jahren die Älteste. Die Mutter von zwei Kindern lebt mit ihrem Mann in Essen und wurde in der klassischen Frauenrolle erzogen. Mit 49 Jahren befreite sie sich aus dem Rollen-Kreislauf und flog mit dem heimlich gesparten Haushaltsgeld und ohne Erlaubnis ihres Mannes nach Mallorca. Für sie war es eine aufregende „Befreiungsreise“ mit viel Herzklopfen. Mit 76 Jahren sprang sie zum ersten Mal Fallschirm. Regelmäßig spielt sie kleinere Rollen in einem Kölner Filmpool.

Die 38jährige Gemeindeschwester und Hausfrau Miriam Langer ist die Jüngste , wenn man von einer 19jährigen Studentin absieht. Die MiriamNEuRemscheiderin sagt von sich: „Ich bin eine schlechte Putze und gute Köchin.“ Sie lebt geradlinig und will grundehrlich durchs Leben gehen. Ganz wichtig ist es ihr, Vertrauen zu anderen zu haben und nicht zu versuchen diese zu ändern oder zu manipulieren.

Drang nach Wissen und Stärken durch Entblößen

Ausstellung MöllerNEUAltersmäßig im Mittelfeld liegt die 48jährige Zahntechnikerin Anett Möller. Den Drang nach Wissen sieht sie als Bestätigung für ihr Ego. Und da hat die zweifache Tankstellen-Inhaberin schon einiges zu  bieten. Ausgebildet ist sie als Gastronomwirtin, Industriekauffrau, Versicherungskauffrau, Bankfinanzkauffrau, Psycho-Physiognom, Betriebswirtin und Sterbebegleiterin. Ihre Tankstellen führt sie fast komplett mit weiblichen Angestellten. Sie selbst ist auch von Anfang an nicht in der klassischen Frauenrolle erzogen worden. Ihr Leitspruch: „Wenn ich etwas haben will, dann muss ich dafür arbeiten.“ Ganz offensichtlich gilt das auch für ihre Hobbys: Ralleys fahren, Schwimmen und Waffensport.

53 Jahre alt ist die Verwaltungsangestellte Anne Arntz. Sie kommt aus einem klassischen Elternhaus mit fünf Kindern. Eine Wende nimmt ihr Leben, als sie sich entschließt, sich aus der Selbstständigkeit mit ihren Freundinnen zu lösen. Sie fühlt sich in festen Verhältnissen freier als in der Selbstständigkeit. Ein weiterer Einschnitt folgt imAnneNEU Mai 2012. Sie zieht nach 24 Jahren Ehe in eine eigene Wohnung, um mit ihrem Mann eine neue Form des gemeinsamen Lebens auszuprobieren und die Beziehung weiterzuentwickeln. Grundgefühl: Die Entscheidung ist richtig. Sie hat im Shooting auch  erfahren, dass „Entblößen“ sie nicht schwächt, sondern stärkt. Ihr Wunsch ist es, sich mit anderen Menschen freimütiger und offener zu zeigen.

Das Projekt verändert Sichtweisen

rantlos.de besuchte die Fotografin Klemmer in ihrem Essener Studio und erfuhr Hintergründe zu ihrem Frauen-Projekt und Sichtweisen zur erotischen Fotografie.

rantlos: Wie sind Sie in das Frauen-Projekt hinein gegangen?

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“Für mich ist das Frauenprojekt sehr wichtig gewesen.”

Klemmer: Ich habe gedacht, dass der Bedarf an Bewusstseinsmachen bei Frauen besonders hoch ist. Das denke ich immer noch. Für mich war es aber beruhigend zu sehen, dass viele Frauen einen Prozess des Wandels ohne großes Aufheben umsetzen.

rantlos: Sehen Sie sich darin auch ein wenig selbst?

Klemmer: Bei mir war das auch ein langer Prozess. Teilweise habe ich gesagt: Okay, ich stelle meine Selbstständigkeit zurück, weil mein damaliger Partner eine andere Ausbildung hatte. Das ist bei mir im Denken auch immer noch verankert. Deshalb ist für mich das Frauenprojekt sehr wichtig gewesen.

rantlos: Hat sich für Sie persönlich in der Sicht und Lebensweise etwas verändert?

Klemmer: Das denke ich schon. Ich unterstütze stärker die Wünsche von Kunden. Für mich sind auch unseren Klischees unterworfene Darstellungen der Frau als Objekt in Ordnung, solange sie bewusst eingesetzt werden. Mittlerweile habe ich Kundinnen, die erotische Fotos möchten. Sie möchten auch weibliche Sexualität umgesetzt haben und nicht nur männliche Fantasien. Bei den Shootings unterstütze ich den aktiven Anteil der weiblichen Sexualität, die mir mehr und mehr als wichtiger Bestandteil bewusst wird und ich dieses auch in den Bildern umsetze.

rantlos: Gilt das auch für Männer?

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“Die Fantasie gerät leider immer weiter in den Hintergrund.”

Klemmer: Der Bedarf an erotischen Darstellungen des Mannes ist minimal. Das reflektiert auch unsere Gesellschaft, wie ich sie wahrnehme. Es gibt kleine Tendenzen, den Mann erotisierend zum Beispiel in die Werbung mit einzubeziehen.

rantlos: Wo sehen Sie als Fotografin die Grenzen erotisierender Darstellungen?

Klemmer: Bei uns werden viel zu viele Sachen ausgesprochen. Die Fantasie gerät dadurch leider immer weiter in den Hintergrund. Ich finde es wichtig, dass genügend Fantasie verbleibt. Deswegen unterstütze ich es auch nicht, wenn das Erotische bis ins letzte Detail geht. In der Fotografie schon gar nicht. Dann besteht die Gefahr, dass der Mensch nichts mehr hat, was in seiner Fansasie stattfindet und er satt/uninteressiert/unsensibel/fantasielos wird. Ich möchte den Menschen immer mehr Platz lassen, sich selber zu formulieren.

rantlos: Kommen Kunden zu Ihnen, gerade weil Sie Frau sind?

Klemmer: Ich geh´ erneut in den erotischen Bereich. Ich denke, dass es auch ein Aspekt ist, entweder zu einem Fotografen oder einer Fotografin zu gehen. Auch beim Shooting kann ein wie auch immer gearteteter erotisierender Reiz entstehen. Das kann sich der Kunde oder die Kundin eben einfach selbst bestimmt aussuchen.

rantlos: Nochmals zum Frauen-Projekt. Tauschen Sie sich mit den Frauen, die an dem Projekt beteiligt waren, noch aus und was hat sie am meisten beeindruckt?

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“Jeden Tag kämpfen – das möchten die meisten Männer nicht.”

Klemmer: Wir hatten ein großes Treffen hier bei uns im Garten. Fast alle sind gekommen. Das ganze Projekt war für mich sehr bereichernd. Sehr beeindruckt hat mich Anna. Aus der Selbstständigkeit wieder in das Angestelltenverhältnis zurückzugehen. Und das vor dem Hintergrund der Wertstellung der Selbstständigkeit in unserer Gesellschaft. Dass man bewusst sagt: Nein, das ist nichts für mich.

rantlos: Was waren weitere Highlights innerhalb des Projektes?

Klemmer: Insbesondere eine ältere Dame: Rosie Rotter ist ganz klassisch groß geworden. Sie hat sich mit 40 Jahren Haushaltsgeld heimlich gespart, um ohne die Erlaubnis ihres Mannes nach Mallorca zu fliegen. Da habe ich gedacht: Das kann nicht sein, so etwas passierte doch nur im vorigen Jahrhundert. Doch das ist so nahe. Es erinnerte mich auch an das aktuelle Buch von Bascha Mika “Die Feigheit der Frauen” Die schreibt darüber, dass sich gar nicht so viel großartig geändert hat. Da haben die modernen Frauen nach dem Studium einen exklusiven Kinderwagen und die Exklusiv-Einrichtung. Sie haben nicht mehr den röhrenden Hirsch über der Couch. Aber sie bleiben im ganz klassischen Frauen- Modell. Das ist unglaublich.

Ich glaube, dass es auch Männer gibt, die eine starke und selbstbewusste Frau toll finden. Aber die möchten sie nicht zu Hause haben. Das verkaufen die nach draußen zwar als erstrebenswert. Aber eine solch widerborstige Frau, das ist auch mit Kämpfen verbunden. Aber jeden Tag kämpfen, das möchten die meisten Männer nicht.

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“Alter darf in unserer Gesellschaft nicht nackt existieren.”

rantlos: Hat es vor dem Hintergrund dieses klassischen Frauenbildes Probleme mit dem Motiv des nur halb bekleideten Aktes in ihrem Projekt gegeben?

Klemmer: In meine Ausstellung im Bonner Frauen-Museum kam eine Gruppe junger Mädchen (zwischen 12 und 14 Jahre alt). Sie rasten durch die Bilderschau und blieben vor dem Bild mit der einen Dame stehen, die als Akt mit einem Tuch nur ihren linken Körperteil verdeckt. Sie standen davor und sagten laut hörbar: Das ist ja widerlich. Dann sind sie rausgerannt. Das hat mich getroffen. Ich hätte nicht geglaubt, dass das so tief in unserer Jugend verankert ist. Die Mädchen hatten für ihre reifere Geschlechtsgenossin nur einen verächtlichen Kommentar: Altes Fleisch. Sicherlich wollte sie auch nicht alte Männer sehen. Denn Alter darf in unserer Gesellschaft nicht nackt existieren. Es muss verhüllt sein. Somit ist die Offenheit nur eine Schein-Offenheit, genauso wie bei der Sexualität oder der Homosexualität.

Die Fotografin begleitet uns an die Haustüre und empfiehlt den Besuch der aktuellen Ausstellung “Karl Lagerfeld – Parallele Gegensätze Fotografie – Buchkunst – Mode” im Folkwang-Museum, Essen.

Dieter Buchholtz

Link passend zum Thema Fotografie und Alter: Der “Klassik-Kalender”




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