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Christo allein in Oberhausen

Christo und Jeanne Claude

Christo and Jeanne-Claude 2005

Christo und Jeanne Claude
© Wolfgang Volz

Wir betreten den Gasometer in Oberhausen und stehen zunächst vor einer wunderbaren Fotografie von Christo und Jeanne Claude, und Wehmut über den plötzlichen Tod Jeanne Claudes im Dezember 2009 überkommt uns. Kaum ein Künstlerpaar war gemeinsam produktiver, ausdauernder und in der Arbeit enger verbunden. Aber auch nach dem Tod seiner langjährigen Partnerin scheint die unbändige Schaffenskraft von Christo ungebrochen.

Beide wurden am 13. Juni 1935 geboren, Christo als Sohn einer Industriellenfamilie in Gabrowo, Bulgarien, Jeanne Claude als Tochter einer französischen Militärfamilie in Casablanca. Sie wuchs in Frankreich und in der Schweiz auf.

1958 lernten sich die beiden in Paris kennen. 1960 kam ihr gemeinsamer Sohn Cyril zur Welt, der heute als Schriftstellter und Poet lebt.

1961 schufen sie ihre erste gemeinsame Arbeit im Kölner Hafen. 1964 siedelten sie nach New York über.

In den nachfolgenden Jahren haben Christo und Jeanne Claude in verschiedenen Städten und Landschaften der Erde faszinierende Projekte geschaffen, die Millionen Menschen bewegten Zwischen 1961 bis 2013 verwirklichten sie 21 temporäre Projekte und großräumige Installationen. Jede dieser Arbeiten war eine neue Herausforderung; unlösbar erscheinende technologische Probleme mussten bewältigt, Bürgerinitiativen in langwierigen Diskussionen überzeugt und bürokratische Schranken überwunden werden, um alle Genehmigungen für die Realisierung zu erhalten.

Die " 5.600-Cubicmeter-Package" auf der Documenta IV in Kassel 1968

Die ” 5.600-Cubicmeter-Package” auf der Documenta IV in Kassel 1968
© Dr. Ronald Kunze

Gesichert werden musste die Finanzierung durch den Verkauf von Christos Zeichnungen und Collagen, denn die Projekte sollten ohne kommerzielle Unterstützung entstehen. Allein bis zur Verwirklichung des Wrapped Reichstag in Berlin 1995 vergingen 24 Jahre.

Schon immer waren die Arbeiten von Christo und Jeanne Claude hochgradig umstritten. Doch gerade darin liegt ja auch ihr Reiz. Die Möglichkeit des Scheiterns war und ist immer inbegriffen. Umso spektakulärer ist ihre Umsetzung in der Realität. Als „Gigantomanie“ und „Kunstperversion“ verspottet und schließlich als „Sieg der Phantasie“ gefeiert wurde 1968 ihre erste 5.600 Cubicmeter Package (Luftpaket) auf der documenta in Kassel. Obwohl diese Arbeit in künstlerischer und ästhetischer Hinsicht ein voller Erfolg war, verließ das Künstlerpaar die documenta mit Schulden in Höhe von 70.000 Dollar.

Niemals zuvor hatten Künstler in solchen Dimensionen städtische und ländliche Lebensräume in Kunsträume verwandelt und die Bewohner dieser Orte zu Mitwirkenden gemacht. Und dann erlebten Millionen Menschen, wie Gebäude, Plätze, Brücken und Parks, die sie im Alltag zuvor kaum wahrgenommen hatten, in den Tagen ihrer Verhüllung jeden erstaunten, verzauberten und begeisterten.

Der Gasometer

Der Gasometer am Rhein-Herne-Kanal

Der Gasometer am Rhein-Herne-Kanal
© Sven Siebenmorgen

Zwischen 1927 und 1929 wurde der Gasometer errichtet. Mit einem Speichervolumen von 347 000 m³, 117 Meter Höhe und knapp 68 Meter Durchmesser ist er Europas größter Scheibengasbehälter. Er speicherte zunächst das Gichtgas, ein Abfallprodukt der umliegenden Hochöfen der Gutehoffnungshütte, das anschließend in den Walzwerken wieder verfeuert wurde. Später wurde das energetisch höherwertige Kokereigas zwischengespeichert.

Nach schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg legte man den Gasometer 1945 zun ächst still, um ihn von 1949 bis 1988 doch wieder in Betrieb zu nehmen. 1993/94 schließlich wurde er für 16 Millionen D-Mark zu Europas höchster Ausstellungshalle umgebaut. Das Gasometerdach ist Besichtigungsplattform und zu Fuß oder per Panoramaaufzug innerhalb des Gasbehälters zu erreichen.

Der Gasometer erinnert als Industriedenkmal an die Schwerindustrie, die mehr als ein Jahrhundert lang das Ruhrgebiet geprägt hat, und gilt heute als eines der bedeutendsten Wahrzeichen dieser Region. Gleichzeitig bietet er als Veranstaltungsort Raum für kulturelle Erlebnisse unterschiedlichster Art: Ausstellungen, Konzerte, Theatervorstellungen und Kunstprojekte.

Big Air Package

Innenansicht von Big Air Package © Wolfgang Volz

Innenansicht von Big Air Package
© Wolfgang Volz

1999 errichteten Christo und Jeanne Claude im Gasometer die Installation The Wall bestehend aus 13.000 Ölfässern, die mit ihren Ausmaßen von 26 Metern Höhe, 68 Metern Breite und 7 Metern Tiefe die gewaltigen Raumdimensionen des ehemaligen Gasspeichers erlebbar machten. Erstmals nahm auch die internationale kulturinteressierte Öffentlichkeit den Gasometer als eines der außergewöhnlichsten Ausstellungsgebäude Europas wahr.

Mit der Installation Big Air Package hat Christo jetzt zum zweiten Mal ein Projekt für den selben Ausstellungsraum geschaffen. Die Installation ist mit einer Höhe von 90 Metern, einem Durchmesser von 50 Metern und einem Volumen von 177.000 Kubikmetern eine der größten Skulpturen der Weltkunst. Sie besteht aus 20.000 Quadratmetern Gewebe, das durch 4.500 Meter Seile geformt wird.

Jeder, der die Arbeiten von Christo und Jeanne Claude selbst erlebt hat, weiß: alle Statistiken und Zahlen sagen nichts aus über den überwältigenden Eindruck, den ihre Werke auslösen. Es sind trotz der ungeheuren Ausmaße Schöpfungen, die auf seltsame Weise flüchtig, zart und fast zerbrechlich erscheinen. Das Big Air Package setzt der streng geometrischen Architektur des Gasometers einen Raum entgegen, der ein Angriff auf die Sinne ist – ohne optischen Bezugspunkt, ohne Größenverhältnis, getaucht in ein diffuses Licht und eine gedämpfte Akustik. Das Gewebe ist durchsichtig, so dass das Licht von außen ins Innere dringt und eine transparente Wirkung entfaltet. Big Air Package verwandelt den Gasometer in eine Kathedrale des Lichts und der Luft.

Christo - BIG AIR PACKAGE - Gasometer Oberhausen 2013(c) Wolfgang Volz

Innenansicht von Big Air Package
© Wolfgang Volz

Bei unserem Besuch waren neben vielen Gruppen Erwachsener auch zahlreiche Schulklassen anwesend. Auf Liegekissen kann man in die Kuppel schauen. „Hammergeil“ entfuhr es einem  12-Jährigen, der auf dem Kissen neben uns lag, voller Bewunderung. Die Installation begeistert nicht nur ein kunstinteressiertes Publikum, sondern auch junge Menschen, die sonst der Kunst eher ferner stehen.

Ein Besuch lohnt sich! Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Dezember 2013 zu sehen.

Gasometer Oberhausen

Geöffnet dienstags bis freitags von 10 – 18 Uhr.

Eintrittspreise: 9 €, ermäßigt ab 60 J. (mit Nachweis) 6 €.

Für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer steht ein Treppensteiger-Rollstuhl zur Verfügung, um in das Innere des Big Air Package zu gelangen.

An kühlen Tagen sollte der Besucher sich unbedingt wärmere Kleidung mitbringen, da der Gasometer nicht beheizbar ist.

Ursa Kaumans

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    Die Schönheit hat viele Gesichter, lautet eine chinesische Spruchweisheit. Der Gasometer in Oberhausen geht der faszinierenden Vielfalt der Schönheitsvorstellungen in einer unterhaltsamen und sinnlich erfahrbaren Ausstellung nach.
    Tags: gasometer, oberhausen, hat, menschen, installation, war, für, christo




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