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„Wenn dich die Bösen Buben locken…“

„Schamlos?“ – eine neue Schau im Bonner Haus der Geschichte

Wer kennt ihn nicht, den einst auf so viele Kalender gedruckten und auf ungezählte Leinentücher gestickten guten Ratschlag fürs Leben: „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen“? Im Bonner Haus der Geschichte, immer wieder gut für herausstechende Exponate, ist jetzt auch ein solch sanftes Schlaf-Utensil zu bewundern. Freilich kein nur virtuelles, an die Befindlichkeit des eigenen Pflichtbewusstseins geknüpftes Stück, sondern eine zwar innen weich abgefederte, dafür jedoch außen mit einer ebenso unübersehbaren wie unmissverständlichen Mahnung an Sitte und Moral versehene Kopf-Liege – „Wenn dich die bösen Buben locken, bleib daheim und stopfe Socken!“ Und sollte das junge Mädchen (denn nur einem solchen galt ja die Beschwörung) daraus noch immer nicht genügend tugendhafte Festigkeit gezogen haben, dann steht auf der Rückseite die zusätzliche Drohung zu lesen: „Gott sieht alles!“

Sex und Moral im Wandel der Zeiten

Ein Relikt zum Schmunzeln. Es könnte aus Uromas Zeiten stammen. Tut es aber nicht. Das Kissen ist ein Objekt von rund 900 Stücken aus der neuen Sonderausstellung im Bonner Haus der Geschichte mit dem Titel: „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“. Mit anderen Worten, es geht um die geänderte Sittengeschichte in Deutschland seit 1945. Wohlgemerkt , in Deutschland. Nicht allein in seinem westlichen Teil, sondern – genauso thematisch aufbereitet und jeweils spiegelbildlich gegenüber gestellt – zugleich auch in der DDR. Um es bildlich auszudrücken: Hier wird der Bogen geschlagen von einer Epoche, in welcher der zwei Sekunden lang schemenhaft sichtbare nackte Körper von Hildegard Knef im Film „Die Sünderin“ einen Skandal ausgelöst hatte, bis in die heutige Zeit, in der ein Buch wie „Shades of Grey“ mit seinen ungezügelten sadomasochistischen Schilderungen Millionenauflagen erzielt. Ob Senioren, ob Mittelalter oder Jugendliche – beim Schlendern durch die engen Gänge wird jeder Besucher, männlich wie weiblich, Geschehnisse oder auch nur Stücke aus seinem eigenen Leben wiederfinden.
Es ist ein Zufall, dass die Bonner Ausstellung praktisch zur gleichen Zeit stattfindet, in der im katholischen Irland die Bevölkerung die Gleichstellung der Homo- mit der normalen Ehe beschließt, was im Vatikan Empörung und in Deutschland eine ähnlich intensive Diskussion ausgelöst hat wie vor Jahren die Abschaffung des Homosexuellen-Paragrafen 175 oder des Abtreibungs-Paragrafen 218. Aber Prof. Walter Hütter, Chef des Hauses der Geschichte, freut sich natürlich über diese werbemäßige Steilvorlage. „Es sieht so aus“, sagt er, „als würden wir spontan auf das aktuelle Geschehen reagieren. Tatsächlich aber arbeiten wir bereits seit 2013 an diesem Projekt“. Wissenschaftlich gehe es darum, der Öffentlichkeit gesellschaftliche Trends und Entwicklungen der Gegenwart „aus historischer Sicht, aber auch mit Blick auf die Zukunft“ darzustellen.

Zwischen Kinderwagen und Kanzel

Die Ausstellungsmacher haben sich bewusst entschieden, die Spanne vom Kriegsende bis heute mit all den – zum Teil ja durchaus dramatischen – Veränderungen und Geschehnissen, sowie dem jeweiligen Zeitgeist mit seinen gesellschaftlich-moralischen Normen nicht chronologisch, sondern themenspezifisch aufzubereiten. Dabei spielen sie mitunter sogar mit der Verwendung symbolhaft wirkender Requisiten, um die Wirklichkeit von Sexualleben, Moral und (vorgeblicher?) Sittlichkeit in bestimmten Zeitabschnitten zu charakterisieren. So dient zum Beispiel der gleich am Eingang zentral postierte Kinderwagen mit hellgrüner Plastikhaut als Beweisstück für die in den 50-er Jahren weitgehend gültige Einheit von Geschlechter-Beziehung und Fortpflanzung. Oder die etwas weiter hinten aufgestellte Predigerkanzel als Demonstration für den seinerzeit ziemlich unvermindert existierenden kirchlichen Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen in Deutschland.
Es wird gewiss nicht ausbleiben, dass diese Ausstellung ganz unterschiedlich auf die unterschiedlichen Generationen wirkt. Wer heute im Rentenalter ist, dürfte vermutlich schmunzeln beim Lesen selbst höchstrichterlicher Urteile wie diesem noch aus der Mitte der 60-er Jahre: „Die Ehe fordert… von der Frau die Gewährung des Beischlafs und verbietet es, Gleichgültigkeit und Widerwillen zur Schau zu tragen“. Einem Teenie hingegen wird das eher vorkommen wie aus einer anderen, längst vergangenen Welt. Diese Generation der „20-er“, groß geworden bereits mit der „Normalität“ von homosexuellen Spitzenpolitikern sowie Fußballstars und bunten „Christopher-Street-Day-Paraden“, wird dagegen möglicherweise erschrocken vor einer weißen Ganzkopfmaske stehen, wie sie noch 1973 aus Angst vor schulischen Nachteilen bei einer Demonstration gegen die Entlassung eines homosexuellen Lehrers getragen wurde. Und wer, mit vielleicht sogar nostalgisch-verklärtem Blick, die Bilder aus der berühmten Berliner “Kommune 1“ von Rainer Kunzelmann betrachtet, wird unter Umständen noch im Nachhinein als Ausgangspunkt für dessen sexuelle Obsessionen von seiner Schulzeit in einem Internat lesen, in dem sich die Mädchen noch zuriefen: „Schwester, schlagt die Augen nieder, um die Ecke kommen Brüder“.

Nitribitt und Messehuren

Liebesbrief und Visitenkarte von Harald von Bohlen und Halbach an Deutschlands bekannteste Edelprostituierte der deutschen Nachkriegszeit, Rosmarie Nitribitt (1933-1957)

Was wäre eine Ausstellung über Moral, Sitte, Sexualität und deren Bild im Wandel der Zeiten ohne die Erinnerung an Rosemarie Nitribitt – jene Frankfurter Edel-Prostituierte, deren bis heute unaufgeklärter Tod (sie wurde im September 1957 in ihrem Appartement erstochen aufgefunden) damals zu einem Beben im Lande führte, weil zahlreiche Promis aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft um ihren Ruf zitterten. Es wurde, auch bei Polizei und Staatsanwaltschaften, vertuscht, verschwiegen, vernichtet. Ein Hauptverdächtiger war seinerzeit Harald von Bohlen und Halbach, der jüngere Bruder von Alfried Krupp, dessen Fingerabdruck an einer Weinflasche gefunden wurde. Die Behörden begnügten sich freilich mit der windigen Alibi-Aussage einer Haushälterin in der Essener „Villa Hügel“. Harald hatte (das weiß man inzwischen) die Nitribitt mit Geschenken überhäuft, zärtliche Briefe und Gedichte geschrieben. Im Haus der Geschichte ist – neben dem penibel geführten Notizbuch der „Lebedame“ – eine Visitenkarte des Krupp-Erben mit einer freundlichen Widmung auf der Rückseite zu bewundern.
Zu dem Kapitel „gehobene“ Prostitution gehört (weil die Schau ja gesamtdeutsch ist) das Geschehen auf der anderen Seite von Stacheldraht und Mauer. Also die Geschichte der sogenannten Messehuren von Leipzig, die sich – sei es „gewerbsmäßig“, sei es als willkommenes Zubrot – vor allem während der Frühjahrs- und der Herbstmesse vorzugsweise reicher westdeutscher Geschäftsmänner annahmen. Die meisten davon (in aller Regel gezwungen) als „Informelle Informanten“ (IM) im Dienste der Stasi. Auch diese Geschichte und der abrupte Abbruch der Verdienstmöglichkeit (an der durchaus auch „normale“ Hausfrauen partizipiert hatten) im Zuge der Wiedervereinigung ist in der Bonner Ausstellung zu sehen. Sie räumt, in diesem Zusammenhang, auch mit der Mär auf, im sozialistischen Deutschland sei es in Sachen Sexualität und Moral erheblich liberaler zugegangen als im Westen. Ein Beleg dafür – neben zahlreichen anderen – ist der säuberlich mit Schreibmaschine geschriebene Verweis eines SED-Parteischiedsgerichts an einen „Genossen Hundetruppführer“. Dieser habe sich – obwohl als Vorgesetzter zum Vorbild verpflichtet – bei einem Hochzeitfest an die Ehefrau eines im Dienst befindlichen „anderen Genossen“ herangemacht und dabei deren Trunkenheit ausgenützt…

Mehr Freiheit, neue Überforderung?

Die Ausstellung „Schamlos?“ stellt dar. Sie zeigt und erklärt die Entwicklungen und Veränderungen auf dem Gebiet der Sexualmoral in Deutschland. Aber sie enthält sich der Wertung, ob denn die neue Zeit mit der Aufhebung vieler – vielleicht sogar nahezu aller – früheren Grenzen und geschlechtsspezifischen Rollen den Menschen wirklich ein Mehr an Freiheit gebracht habe, oder ob damit nicht tatsächlich auch ein Werteverfall mit tiefgehenden Verwerfungen in den sozialen Ordnungsvorstellungen und im Selbstverständnis der Gesellschaft einher gehe. Aus diesem Grund wohl fehlt auch nicht ein Verweis auf Demonstrationen und Elternproteste gegen bestimmte Formen der Sexualaufklärung im Schulunterricht wie sie aktuell u. a. in Baden-Württemberg propagiert werden. Dazu hätte vielleicht auch die Erwähnung des im Verlauf der Jahrzehnte deutlich angestiegenen Faktors „Stress“ gepasst, der einst einfach als Ermüdungserscheinung nach anstrengender Arbeit bezeichnet wurde, inzwischen jedoch Heerscharen von Psychologen und Psychiatern ernährt, weil „Leistung“ und „Versagen“ längst massiv auch den intimsten Lebensbereich der Menschen beherrschen…
Gisbert Kuhn

Ort: Haus der Geschichte

Willy-Brandt-Allee 14

Tel: 0228 1650

Dauer: 30. Mai 2015 – 14. Februar 2016

Öffnung: Di – Fr. 9 – 19 h, Sa., So., Feiertage 10 – 18 h

Eintritt frei





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