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Jogging-Point

Traumfrau Kleopatra

Tragik einer Macht-Frau in der Bundeskunsthalle Bonn

Kleopatra IV.
(Liz Taylor)
2009, Öl auf Leinwand
© 2012 BTOY

Schöne Verführerin, machtbewusste Politikerin, skrupellose Intrigantin, gottgleiche Herrscherin am Nil. Das alles beherrschte in der Fantasie der Nachwelt Kleopatra, die letzte Königin Ägyptens, die von 69 bis 30 v. Chr. herrschte und im Alter von 39 Jahren starb.

Ihr schillerndes Leben beschäftigte Historiker, inspirierte Künstler und machte sie zum Leinwandstar. Jedes Jahrhundert erschuf seine eigene Vision von Kleopatra, der gefährlich verführerischen Schönheit vom Nil. Verlässliche Hintergrundinformationen, wer und wie die sagenumwobene Königin war, gibt es wenig. Deshalb ist sie auch eine perfekte Projektionsfläche für alles, was man an ihr sehen möchte.

Kleopatra – Die ewige Diva

Nach „Karl V.“, „Dschingis Khan“ und „Napoleon“ ist es die vierte große Geschichtsausstellung, die die Bonner Kunst- und Ausstellungshalle zeigt. Hier geht es nicht um die Lebensgeschichte der letzten Herrscherin Ägyptens, hier werden keine Daten und Fakten aufgearbeitet.

Werke der Skulptur, Malerei, Fotografie, Film- und Videokunst zeigen die vielen Gesichter der Kleopatra von der Antike bis zur aktuellen Popkultur und schnell wird deutlich: jede Epoche schuf ihr eigenes Kleopatrabild. Die Neuzeit erhob Kleopatra zur Ikone der weiblichen Macht, zum ästhetischen Ideal, anziehend und beängstigend zugleich.

Ihre tragische Geschichte beflügelte die Fantasie zahlreicher Schriftsteller, Musiker und bildender Künstler. Wiederentdeckt wurde Kleopatra in der Renaissance, wundersam gewandelt als Abbild antiker Schönheit und Würde. Die allgegenwärtige Schlange war ein tragisches Accessoire. In der Barockzeit finden wir sie drall und rosa mit Rokkoko-Frisur auf Gemälden, Fresken und Wandteppichen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird Kleopatra zum exotischen und erotischen Gegenbild. Die Ägypten-Begeisterung bricht aus, prunkvoll, weltfremd und ein wenig unheimlich.

Andy Warhol, Blue Liz as Cleopatra
1962, Acryl, Serigraphie, Bleistift auf Leinwand
© Daros Collection, Schweiz

Die Bonner Ausstellung ist in 14 thematische Kapitel unterteilt. Die Kapitel „Modell Kleopatra“ und „In der Rolle der Kleopatra“ zeigen inszenierte Porträts von Damen der Gesellschaft sowie Rollenporträts von Theater-Göttinnen und Filmstars, lasziv dahingegossen. Die Bedeutung Kleopatras als Idol der Popkultur sowie als begehrte Werbeikone wird anhand von Werbekampagnen, Videoclips und Fotografien im Kapitel „Aneignungen und das Spiel mit Identitäten“ deutlich.

 Elisabeth Taylor – die Verkörperung der Diva

Nicht umsonst finden wir auf dem Plakat zur Ausstellung Elisabeth Taylor, die bereits zu Lebzeiten als die letzte große Diva der Leinwände gilt, und als scheinbar perfekte Verkörperung Kleopatras in unserem kulturellen Gedächtnis fest eingeschrieben ist. Wir erinnern uns an den Monumentalfilm von 1963, in dem Elisabeth Taylor als Kleopatra und Richard Burton als Caesar agierten. Sie gestaltete wie keine andere Darstellerin auch ihr Privatleben so, wie man sich dies bei Kleopatra oft vorstellte.

 Nichts ist wirklich sicher, was man über Kleopatra weiß, außer dass sie eine große Hakennase und ein eher spitzes Kinn hatte, und vermutlich war sie nicht halb so schön wie Liz Taylor. Als Geliebte Caesars und Marc Antons ist sie zum Synonym für Klugheit, Liebreiz und weibliche Verführungskunst geworden, mal wurde sie als Göttin verehrt, mal als Hure geschmäht.

Ein Ausflug in die Antike

Historiker und Archäologen versuchen schon seit langer Zeit Fakten und Legende voneinander zu trennen: Wer war die Königin vom Nil wirklich? Wer war sie, die mal als Kurtisane verteufelt wurde oder verklärt als Tragödin, die an ihrer Liebe scheitert und eine jahrtausendealte Kultur in den Abgrund reißt?

Hans Makart
Kleopatra
1874/75, Öl auf Leinwand
© Staatsgalerie Stuttgart

Kleopatra VII regiert im 1. Jahrhundert v. Chr. das reichste Land der Welt: Ägypten. Sie residiert in einem weitläufigen Palast- und Tempelbezirk in Alexandria. Eine halbe Million Menschen leben in dieser Metropole: Griechen, Römer, Ägypter und Nubier, Gallier und Juden. Alexandria ist auch eine Stadt des Geistes, in der die Elite der Wissenschaft forscht. Die Alexandrinische Bibliothek versammelt das Wissen der Zeit auf einer halben Million Papyrusrollen.

Seit 300 Jahren herrschen die Ptolemäer, ein kleiner hellenistischer Clan. Die Ptolemäer heiraten ihre eigenen Schwestern, damit kein fremder Lebenssaft die königlichen Blutbahnen stört. Doch der Familienfrieden leidet unter gnadenlosen Machtkämpfen.

Der Vater Kleopatras will die Unabhängigkeit seines Landes vor dem Zugriff der expandierenden römischen Großmacht bewahren, die schon Griechenland, Kleinasien und den Vorderen Orient unter ihrer Kontrolle hat. Er zahlt gewaltige Bestechungssummen an die Römer. So ruiniert er Ägyptens Staatsfinanzen, wird schließlich aus Alexandria verjagt und findet in Rom Asyl. Drei Jahre später helfen ihm die Römer, sein Reich mit Waffengewalt zurückzuerobern.

Als der Pharao 51 v. Chr. stirbt, ist Kleopatra 18 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Bruder Ptolemäus XIII. wird sie Königin von Ägypten. Die Vormundschaft hat der verstorbene Vater dem römischen Volk übertragen. Es dauert nicht lange, da liegen die Geschwister im Krieg, Kleopatra wird aus dem Palast vertrieben. Rom interveniert und sendet Julius Caesar, seinen besten Mann.

Caesar und Kleopatra

Porträtbüste, Imperator C. Julius Cäsar
1. Jh. v. Chr., Marmor
© Kunsthistorisches Museum Wien

Von allen Legenden, die sich um das Leben der Königin vom Nil ranken, ist die Geschichte ihrer ersten Begegnung mit Julius Caesar sicherlich die schönste.

Über der Stadt Alexandria liegt Dunkelheit, als ein kleines Boot unbemerkt im Hafen festmacht. Ein Mann trägt einen Teppich zum Königspalast, auf ein Zeichen hin wird er eingelassen. Kurz darauf rollt er das Bündel vor dem römischen Feldherrn aus, der mit der Absicht ins Land gekommen ist, den andauernden Streit um den ägyptischen Thron zu beenden: Zu Caesars Füßen liegt eine junge Frau von 21 Jahren. Ein unmissverständliches Angebot an den 52-Jährigen, der bekannt dafür ist, kaum einer Schönen widerstehen zu können. Es ist eine Nacht im Herbst des Jahres 48 v. Chr. Das berühmteste Liebespaar der Welt hat sich gefunden.

Kurz nach dieser ersten Begegnung ist Kleopatra schwanger. Sie nennt ihren Sohn Kaisarion, den Sohn Caesars. Im Jahr darauf bricht sie mit dem Baby nach Rom auf. Sie logiert in Caesars Haus rechts des Tiber und hält dort Hof, während Caesar seine Dienstwohnung im Stadtzentrum mit Ehefrau Calpurnia bewohnt.

Caesar steht zwischen zwei Frauen. Er will sich nicht scheiden lassen, denn die Ehe mit Calpurnia, der Tochter des einflussreichen Senators und Konsuls Piso, sichert seine Machtbasis in Rom. Seine Affäre macht ihm im Senat, den er wegen seines Strebens nach Alleinherrschaft ohnehin schon gegen sich hat, noch mehr Feinde. Man will auf keinen Fall die römischen Interessen in den Schoß einer fremden Macht legen. Am 15. März 44 v. Chr. geht Cäsar nichtsahnend in die Senatssitzung im Saal des Pompejustheaters. Dort stürzen sich die Verschwörer mit Dolchen auf ihn und töten ihn.

Nach der Ermordung Caesars gerät Rom in Aufruhr. Kleopatra verlässt überstürzt Rom und reist mit ihrem Gefolge nach Ägypten. Sie ernennt ihren kaum dreijährigen Sohn zum neuen Pharao an ihrer Seite, aus ihrer Sicht die gottgewollte Verbindung der beiden Reiche in einer Person.

Kleopatra und Marcus Antonius

Der beliebte Heerführer Marcus Antonius, zuständig für den Osten des römischen Imperiums, nimmt die Verfolgung auf. Kleopatra ist 29 Jahre, als Marcus Antonius sie zu sich zitiert. Er hat seine Flotte in Ephesos versammelt und lässt sich als Dionysos, als Gott der Lebensfreude, der freien Liebe und des Weines feiern. Kleopatra folgt seinem Wunsch vor ihm zu erscheinen nicht in Demut, sondern noch immer mit dem Stolz einer Herrscherin. Wenn er sie sehen wolle, so lässt sie ihn wissen, dann müsse er sie schon auf ihrem Schiff besuchen. Sie empfängt ihn bei Tarsos, hingegossen als Göttin Isis, es ist die berühmte Szene, die Poeten und Hollywoodregisseure nicht mehr hat ruhen lassen.

„Eines war allen Erscheinungsweisen der Gottheit gemeinsam: die Nacktheit“, schreibt der Althistoriker und Kleopatra-Forscher Manfred Clauss. „Auf ihrem Schiff umstanden junge Knaben als Eroten die Herrscherin der Liebe. Sie war die Göttin der Liebe, und daher war für sie Liebe gleich Leben, und Liebe und Sexualität gehörten zur Religion und alles zusammen zur Politik, die ebenso Teil ihres Lebens war.“

Artemisia Gentileschi
Kleopatra
1620–1626
© Collezione Cavallini Sgarbi

Die Bündnispolitikerin Kleopatra trägt nichts außer einer goldenen Krone, einem Perlencollier und einer Perlenkette, die sich über der Brust kreuzt, vielleicht auch noch ein Perlentanga. Kein Wunder, dass Marcus Antonius schwach wird. Kurz darauf ist Kleopatra wieder schwanger. „Sie schlief nicht mit den mächtigsten Männern ihrer Zeit, weil sie eine Hure war, sondern um Kinder von ihnen zu bekommen“, erklärt der Archäologe Berhard Andreae. Liebe war für sie ein Mittel dynastischer Politik.

Marcus Antonius ist 40, als er sich mit Kleopatra verbindet. Sie schenkt ihm drei Kinder. Nun ist sie Isis, die Gebärende, in Menschengestalt.

Anfang vom Ende

Bei den Römern zu Hause stößt die Verbindung nur auf Ablehnung. Octavian, der Rivale des Marcus Antonius, hat an Einfluss gewonnen. Geschickt bringt er die Römer gegen ihn auf. Als diese über eine lancierte Botschaft erfahren, daß Marcus Antonius neben Kleopatra in Alexandria begraben werden will, wächst die Sorge, dass Rom die Kontrolle über das Weltreich an Ägypten verlieren könnte. Die Stimmung wendet sich gegen Marcus Antonius. Rom erklärt Kleopatra und damit auch Marcus Antonius den Krieg.

Dieser aber stellt eine riesige Armee aus Römern, Ägyptern und 13 verbündeten Königen auf. Die Armada segelt über die Ägäis nach Athen. Er fühlt sich stark, aber er hat es mit einem militärischen Genie Agrippa im Dienst Octavians zu tun, der mit kleinen wendigen Schiffen früh angreift und die Städte, Stützpunkte und Häfen rund um das Lager Marcus Antonius‘ erobert.

Marcus Antonius sucht die Entscheidung auf See. Aber die Schlacht von Actium im Sept. 31 v. Chr. geht für ihn verloren. Octavian lässt sich Zeit und rückt erst ein Jahr später in Ägypten ein. Die Truppen Marcus Antonius laufen zu ihm über. Ihr Feldherr hat sein Charisma verloren, und sein Gegenspieler verspricht ihnen nicht nur Straffreiheit, sondern auch mehr Sold und besseres Essen, wenn sie die Seite wechseln. So fällt Alexandria fast kampflos in die Hände des Siegers.

Kleopatra zieht sich in den Isis-Tempel zurück und lässt den Eingang verschließen. Marcus Antonius nimmt sich das Leben, indem er sich in sein Schwert stürzt. Der Legende nach stirbt er in Kleopatras Armen. Offenbar trifft sich die Herrscherin Ägyptens bald danach mit dem siegreichen Octavian (später Kaiser Augustus). Sie hofft, den Thron für ihren Sohn zu retten. Beim Historiker Cassius Dio tritt sie als verführerische Schönheit auf, fällt vor Octavian auf die Knie. Der Römer aber lässt sie abblitzen. Sie merkt schnell, dass dieser Heerführer vor ihr nicht schwach wird.

 Der Selbstmord

Guido Cagnacci
Der Tod der Kleopatra
Ca. 1659/61–1662, Öl auf Leinwand
© Kunsthistorisches Museum Wien

Die Aussicht, als Kriegsbeute in Ketten durch Rom geführt zu werden, treibt die 39-Jährige wohl in den Tod. Lässt sie eine Kobra in einem Korb voller Feigen an den römischen Wachen vorbeischmuggeln, um durch ihr Gift aus dem Leben zu scheiden? Bei Plutarch heißt es, dass Octavian die Tür zum Isis-Tempel aufbrechen lässt. „Sie fanden Kleopatra schon tot im königlichen Schmucke im Bett liegen.“

Die Geschichte vom Selbstmord durch Schlangenbiss ist zu einer unverwüstlichen Legende geworden. Wahr ist sie vermutlich nicht. Guido Westhoff, Schlangenforscher am Institut für Zoologie der Universität Bonn sagt: „Der Biss einer Uräusschlange ist selten tödlich“. „Wahrscheinlicher ist, dass Octavian die Königin umbringen und den Selbstmord vortäuschen ließ, um in Alexandria keinen Aufstand zu riskieren.“

So endet das Leben der Frau, deren Name zur Chiffre für die Träume wie die Alpträume der Männer aller Zeiten geriet.

Ursa Kaumans

Info

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle ist noch bis zum 6. Oktober 2013 in Bonn zu sehen.

 

 

Sehenswert!

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Museumsmeile Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 4

53113 Bonn

T +49 228 9171-200

Öffnungszeiten:

Di, Mi 10 – 21 Uhr, Do – So 10 – 19 Uhr

Eintritt: 10 €

Audioguide: 3 € (sehr gut)

Kleopatra – Der orientalische Garten auf dem Dach der Bundeskunsthalle

Eintritt: 6 €

 

 

Literatur:

 Manfred Clauss

 Kleopatra,

 Verlag C.H. Beck, ISBN 978 3 406 39009 8, 8,95 €

 

 

 

 


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