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Sechs Jahre – Charlotte Link

Der Abschied von meiner Schwester

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Charlotte Link ©blanvalet

Sie ist Deutschlands bekannteste Krimi-Schriftstellerin und die wohl erfolgreichste Bestsellerautorin: Charlotte Link, 50. Ihre psychologischen Spannungsromane sind internationale Bestseller, von denen allein in Deutschland über 24 Millionen verkauft wurden. Unter anderem wurde ihre Trilogie „Sturmzeit“, „Wilde Lupinen“, „Die Stunde der Erben“ vom ZDF in dem Fünfteiler „Sturmzeit“ verfilmt.

Mit ihrem neuesten Buch verlässt die Autorin zum ersten Mal ihr gewohntes belletristisches Terrain. In „Sechs Jahre“ erzählt sie sehr persönlich von der Krebserkrankung ihrer geliebten jüngeren Schwester Franziska, dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben, wie sie sagt. Sie veröffentlicht ein Buch, das zu schreiben sie viel Überwindung gekostet hat, denn sie dokumentiert einen sehr privaten und schmerzvollen Einblick in ihr eigenes Leben und Fühlen.

Warum dieses Buch?

Wenn das alles hinter uns liegt, musst du darüber schreiben!“ So hat ihre krebskranke Schwester Franziska sie immer wieder gebeten. Charlotte Link hat diesen Satz als Auftrag verstanden: 2014 wäre ihre Schwester Franziska 49 Jahre alt geworden; sie starb 2012 nach sechs Jahren Kampf gegen den Krebs. Nach ihrem Tod begann die Autorin mit dem Buch, das ihr half, mit dem Verlust des über alles geliebten Menschen umgehen und weiterleben zu können.

Charlotte Link:Ich habe 48 Jahre meine Schwester an meiner Seite gehabt. Wir waren nicht nur Schwestern, wir waren auch beste Freundinnen, die sich alles erzählt haben, alles geteilt haben, voneinander Kraft geholt haben, Kummer bei der anderen abgeladen haben. Für mich ist es so: Vom ersten Tag an war sie immer da. Ich kenne das Leben ohne sie nicht, und es ist schon ein ganz anderes Leben.“

So offen und unverfälscht wie Charlotte Link hat selten jemand über die Verzweiflung angesichts einer unheilbaren Krankheit geschrieben. Schonungslos schildert sie nicht nur, wie es ist, als Angehörige immer wieder zu hoffen und zu bangen. Sie erzählt auch von der Ohnmacht gegenüber einem durchrationalisierten Gesundheitssystem, in dem für die Kranken und ihre Angehörigen wenig Zeit und Empathie bleibt.

Die Hiobsbotschaft

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Charlotte Link ©blanvalet

Mit 23 Jahren erkrankte Franziska an Lymphdrüsenkrebs. Nach Chemotherapien und Bestrahlungen galt sie als geheilt. Doch was heißt „geheilt“ bei Krebspatienten? 17 Jahre später werden bei einer Routineuntersuchung zufällig Metastasen in ihrer Lunge entdeckt und kurz darauf der Primärtumor im Darm. Zu diesem Zeitpunkt ist sie gerade 41 Jahre und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern – die Jüngste ist gerade zwei Jahre alt – am oberbayerischen Ammersee.

Die Onkologin, der Franziska gegenüber sitzt, teilt ihr schonungslos mit, dass es keinerlei Hoffnung gibt. Man werde mit einer Chemotherapie und der operativen Entfernung des Tumors einen geringen Aufschub erreichen. Dann sei Schluss und die Monate bis dahin würden grauenvoll sein. Nach dieser Hiobsbotschaft rät sie der geschockten Frau, doch sofort mit der Dokumentation ihres Sterbens zu beginnen, ihre Gedanken und Gefühle aufzuschreiben und Fotos zu machen. „So, wie Sie heute sind, werden Sie ja dann nicht mehr aussehen. Und das alles stellt dann Ihr Vermächtnis an Ihre Kinder dar. Die können sich das immer wieder anschauen.“

Charlotte Link:Das Schlimme bei Ärzten, bei schlechten Ärzten ist – sie können maximalen Schaden anrichten. Sie können einen schlechten Arzt haben, der kann so viel kaputtmachen – auch in der Seele des Patienten, dass fünf Ärzte hinterher, die alle gut sind und ihren Beruf sehr gut ausüben, das gar nicht ausgleichen können, was der eine kaputt macht. Auf solche Ärzte war ich sehr, sehr wütend.“

Diagnose Krebs

Charlotte Link beschreibt eindringlich, wie sie ab der Diagnose Krebs ständig in Gedanken bei ihrer Schwester mit im Krankenhaus ist, bei all ihren Untersuchungen und Behandlungen, wie sie sich vollständig identifiziert mit dem Leiden ihrer Schwester, obwohl ihr eigener Familienalltag weiter funktionieren muss.

Charlotte Link:Man steckt eigentlich in ganz anderen Lebensproblemen bis dahin – Beruf, Schule der Kinder, Alltagssorgen. Das tritt alles plötzlich in den Hintergrund. Das Leben ist vollständig vom Krebs und vom Kampf gegen den Krebs beherrscht. Es verändert die Wirklichkeit von einem Moment zum anderen. Wir haben alle funktioniert – bis wir dann besiegt waren.

Im Buch beschreibt sie, wie die gesamte Familie verzweifelt versucht, Franziska zu helfen. Sie erzählt bemerkenswert offen, dass sie auf der Suche nach Heilung auch Fehler machen, 04300521Link_Jahre_RZ.inddalternative Methoden nutzen und dabei an vermeintliche Wunderheiler geraten, die ihre Verzweiflung ausnutzen, sich teuer bezahlen lassen und die Kranke zusätzlich noch extrem belasten. Aber kurz vor Franziskas Tod finden sie zumindest für ihre letzte Lebensstation eine gute Klinik.

Ein Mutmacher – trotz allem!

Auch den Leser kostet es einige Überwindung sich an dieses Buch zu wagen und den scheinbar endlosen Kampf zwischen Hoffnung und Niederlage der noch so jungen Frau mit zu erleben. Aber es ist auch die Geschichte einer Familie, die nicht aufgibt, die sich aufreibt im Widerstand gegen eine gnadenlose Krankheit und einen teilweise unmenschlichen Klinikalltag. Das Buch gibt einen Einblick, welche Auswirkungen eine Krebserkrankung auf eine normale Familie und ihr soziales Umfeld haben. Es ist ein Plädoyer, nie aufzugeben, sich nicht dem Urteil von „Experten“ widerstandslos auszuliefern, sondern zu kämpfen und so lange es geht einen Ausweg zu suchen. Auch der ärztliche Umgang mit Schwerstkranken hinter der Fassade der Hochleistungsmedizin und der Krankenhausalltag in Deutschland gerät in den Fokus ihrer Betrachtung. Das Buch ist auch ein Appell an Ärzte und Krankenhauspersonal einfühlsamer mit totkranken Patienten umzugehen.

Charlotte Link:Dass man trotzdem wahrgenommen wird als ein Mensch, der mit all den Rechten ausgestattet ist, die er als vollwertiger Mensch hat. Auch das Recht auf eine zuvorkommende höfliche Behandlung, nicht von oben herab, sondern immer noch gleichwertig – auch im Zustand größter Schwäche.“

Aber auch großartige und engagierte Ärzte und Pflegekräfte, die oft an den Rand ihrer Kräfte geraten, gibt es in der Geschichte. Es ist eine Geschichte voller Verzweiflung, Fehldiagnosen und Rückschläge, aber auch voller Hoffnung und Erfolge, die trotz ihres tragischen Endes Mut machen soll.

Freu dich doch einfach, dass Du atmen kannst,“ dieser Satz wird für Charlotte Link zum inneren Mantra, wenn sie sich dabei ertappt, dass sie sich über Nichtigkeiten aufregt. Franziska stirbt im Februar 2012.

Charlotte Link hat mit ihrem berührenden und sehr lesenswerten Buch den letzten Wunsch ihrer Schwester erfüllt.

Ursa Kaumans

Charlotte Link
Sechs Jahre
Der Abschied von meiner Schwester
ISBN 978-3-7645-0521-9
19,99 € Blanvalet Verlag


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