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Petite Messe solennelle

Schätze russischer Kirchenmusik neu entdeckt

Chor

Der Tscheljabinsker Kammerchor

Drei Konzerte des Tscheljabinsker Kammerchors mit den schönsten Kirchen- und Volksliedern aus Russland und der selten aufgeführten „Petite Messe solennelle“ von Gioachino Antonio Rossini als Höhepunkt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt bereichern das Berliner Weihnachtsprogramm in diesem Jahr.

Es ist kein Zufall, dass der Tscheljabinsker Kammerchor die „Petite Messe solennelle“ als besonderen Punkt seines Programms in Berlin zur Weihnachtszeit 2014 ausgewählt hat und dafür aus dem fernen Ural in die deutsche Hauptstadt gekommen ist. Am 14. März 2014 hat der Chor aus der Stadt, die über eine Million Einwohner zählt und an der Strecke der transibirischen Eisenbahn liegt, seinen 40. Geburtstag gefeiert. An diesem Tag vor 150 Jahren fand die Premiere der berühmten „Petite Messe solennelle“ von Gioachino Rossini statt. Dieses Werk wurde als besonderes Geschenk an die Berliner für das große Weihnachtskonzert im Konzerthaus Berlin ausgewählt.

Professioneller Status

Im Mittelpunkt der Tournee stehen allerdings Schätze altrussischer Kirchenmusik, die zu neuem Leben erweckt werden.
Das „Geburtsjahr“ 1974 des Kammerchors war eine Zeit, in der die Bildung von Kammerchören und selbst der Begriff „Kammerchor“ in ganz Europa entstanden ist und sich rasch verbreitet hat. Der wichtigste Meilenstein für den Tscheljabinsker Kammerchor aber war das Jahr 1989. Der schon sehr erfahrene und gut etablierte Amateurchor hatte einen professionellen Status bekommen und gehört seitdem fest zum Ensemble der Philharmonie Tscheljabinsk. Dieses Ereignis in der Entwicklung des Chores traf zusammen mit den grundlegenden Veränderungen in allen Lebens- und Kulturbereichen Russlands. Insbesondere betraf das die russische Sakralmusik, die seit mehr als tausend Jahren existierte und die höchst dramatische, mitunter tragische Phasen durchlebt hat. Ununterbrochene religiöse und politische Umwälzungen haben erheblich in ihre Entwicklung eingegriffen.

Eine besonders brutale Unterdrückung erfuhr sie durch die Oktoberrevolution 1917. Dabei hatte die russische Sakralmusik gerade um diese Zeit ihre Blüte erreicht, als sie – wie die ganze russische Kultur am Anfang des 20 Jahrhunderts – von der „Neuen Russischen Renaissance“ (Alexander Block) geprägt wurde. Die systematische Erforschung und Wiedergabe der altrussischen Gesangskunst, die Entwicklung neuer Aufführungsformen, die Entstehung einer ganzen Reihe hervorragender Kirchenkompositionen, vor allem der Komponisten der sogenannten „Moskauer Schule“ – Kastalski, Rachmaninow, Gretschaninow, Tschesnokow u.v.a. – bescherten damals der russischen Kirchenmusik nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch im Ausland große Anerkennung.

Renaissance durch Perestroika

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Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte

Viele Jahrzehnte vergingen, ehe die russische Kirchenmusik ihre zweite Renaissance erleben sollte, die erst durch Glasnost und Perestroika möglich wurde. Das größte geistliche Ereignis, das in diese Zeit fiel oder ihr sogar vorauseilte, war freilich die Tausendjahrfeier der Christianisierung Russlands im Jahre 1988. Die letzten 25 Jahre sind von einem erheblichen Aufschwung im geistlichen Leben des Landes gekennzeichnet: In kürzester Zeit entstanden zahlreiche Chöre und Ensembles, die sich der wiederentdeckten alten russischen Gesangskunst widmen. Zu den ersten Künstlergruppen dieser Art zählt auch der Tscheljabinsker Kammerchor. Er hat viele Meisterwerke des russischen und weltweiten Chorrepertoires uraufgeführt oder aufs Neue entdeckt.

Ein wichtiger Platz gehört in seinen Konzertprogrammen der Musik eines weiteren Jubilars, Alexander Gretschaninow (1864-1956). Seit Ende der 20er Jahren lebte der Komponist in Frankreich, seit 1939 in den USA und wurde in seiner Heimat verboten. Erst in den letzten Jahrzehnten ist die Vollkommenheit seines Schaffens bekannt geworden. Gretschaninow ist der Verfasser von mehr als 1000 Werken in ganz verschiedenen Gattungen, und der wertvollste Teil davon ist die sakrale Musik. Gretschaninow würdigte gleichermaßen sowohl die westliche als auch die östliche christliche Tradition.

Gegen die Regel

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Olga Selesnjowa

Am 15. Dezember (Die schönsten Kirchenlieder aus Russland, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) werden im ersten Teil des Programms seine katholische „Cantate Domino“ und „Et in terra pax“ für Chor und Klavier sowie im zweiten Teil die orthodoxe „Liturgia Domestica“ aufgeführt. Der Letzteren liegt der schon im Titel des Werkes angekündigte sogenannte „demestwennyj raspev“ (ein altrussischer feierlicher Formel-Gesang) zugrunde. Das hinderte Gretschaninow aber nicht, die Begleitinstrumente (Flügel, Orgel) einzuführen, was gegen die Regeln der russischen Kirchenmusik ist. „Warum nicht? – hat er einmal gesagt, – nicht umsonst heißt es im Davids Psalm: ’Halleluja! Singet dem Herrn ein neues Lied! (…) Sie sollen loben seinen Namen im Reigen, mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen.’“ (Ps. 149/150).

Rossinis Angst vor dem Saxophon

Am 17. Dezember (Weihnachtskonzert des Tscheljabinsker Kammerchors, Konzerthaus Berlin, Großer Saal) wird in ähnlicher Besetzung – Chor mit Klavier und Harmonium (es ist zu vermuten, dass diese Besetzung für Gretschaninow als Vorbild diente) – die schon erwähnte „Petite Messe solennelle“ von Gioachino Rossini (1792-1868) aufgeführt. Drei Jahre nach der Uraufführung schrieb Rossini noch eine Orchesterfassung, hauptsächlich aus der Sorge heraus, die Messe könnte nach seinem Tode durch die Bearbeitung eines anderen entstellt werden: „Findet man dieselbe nun in meinem Nachlass, so kommt Herr Sax mit seinen Saxophonen oder Herr Berlioz mit anderen Riesen des modernen Orchesters, wollen damit meine Messe instrumentieren und schlagen mir meine paar Singstimmen tot, wobei sie auch mich glücklich umbringen würden. Denn ich bin nur ein armer Melodist! Das ist der Grund, warum ich für meine Chöre und Arien nur eine bescheidene instrumentale Begleitung schaffe (…)“.

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Gioachino Rossini

Rossini bevorzugte dennoch die Version mit Klavier und Harmonium und verfügte, dass die Orchesterfassung erst nach seinem Tode aufgeführt werden durfte. Im Einklang mit der Meinung des Komponisten bevorzugt auch der Tscheljabinsker Kammerchor die ursprüngliche Fassung.
Das Programm am 18. Dezember (Die schönsten Kirchen- und Volkslieder aus Russland, Heilig-Kreuz- Kirche) wird zum Andenken an Waleri Michaltschenko mit seinem „Vater unser“ eröffnet. Ihm folgen die Gesänge von Klassikern der russischen Kirchenmusik aus der schon erwähnten „Moskauer Schule“: Sergei Rachmaninow (1873-1943) und Pawel Tschesnokow (1877-1944), sowie ihrer Petersburger Kollegen – Konstantin Wargin (1876-1912) und Alexander Archangelski (1846-1924). Zum Schluss wird die „Große Doxologie“ von dem bulgarischen Komponisten Apostol Nikolajew-Strumski (1886-1971) gesungen. Im zweiten Teil des Konzerts gibt es dann auch noch manch klassisch Russisches zu hören.

Geleitet wird der Kammerchor von Olga Selesnjowa, die 2013 den Dirigentenstab vom Gründer und langjährigen Chorleiter des Tscheljabinsker Kammerchors Waleri Michaltschenko (1941-2013) neu übernommen hat.

Sepp Spiegl (Quelle: Mediaost Events und Kommunikation GmbH )




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