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Kunst, Courage, Katastrophen, Komik, Träume, Weltraum

„Outer Space“ – eine faszinierende Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle

Ausstellung "Outer Space", Bundeskunsthalle Bonn

Auf dem Museumsplatz ein Modell der Ariane 5 (Maßstab 1:5), der europäischen Trägerrakete. Seit 1996 im Einsatz ©seppspiegl

Mit ihrer neuen Ausstellung „Outer Space. Faszination Weltraum“ hat die Bonner Bundeskunsthalle wieder einmal einen echten Kracher gelandet. Gott sei Dank. Als Teil der (von der vor 15 Jahren nach Berlin abgewanderten „Politik“ als schmerzlinderndes „Pflaster“ hinterlassenen) „Museumsmeile“ an der Adenauerallee ist nicht zuletzt dieser Bau eine echte Attraktion in der einstigen Hauptstadt. Das ist zugleich eine Verpflichtung, der nach anfänglich zahlreichen Clous in den vergangenen Jahren allerdings immer weniger nachgekommen worden war.

Was will man überbringen?

Umso erfreulicher die jetzige Schau. Wobei freilich die Frage nicht unberechtigt ist, was denn die Verantwortlichen den Besuchern im Kern nahebringen, ihnen sagen wollen. Wissen? Neue Einblicke? Kultur (was immer darunter verstanden wird)? Erfüllung von Träumen? Spaß und Überraschungen? Es ist von Allem etwas und nichts davon ausschließlich. Die Kuratoren haben Hightech mit klassischer Malerei verknüpft, Wissenswertes und Hintergründe aus der Geschichte der Raketenentwicklung und der Raumfahrt mit Science Fiction und Comic, technische und menschliche Höchstleistungen mit furchtbaren Katastrophen. Die Frage ist vor allem auch deshalb berechtigt, weil die Ausstellung der Bundeskunsthalle gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geplant und zusammengestellt wurde.
Reine Wissensvermittlung ist also nicht der tiefere Sinn der Veranstaltung. Trotzdem – wer gekommen ist, um etwa zu lernen oder Neues zu erfahren, für den hält der Medienraum jede Menge virtueller Informationen bereit, die per Fingertippen abgerufen werden können. Dabei deutet der erste Eindruck durchaus auf ein mehrheitlich auf Hochtechnik ausgerichtetes Happening hin. Warum sonst stünde auf dem Museumsplatz vor dem Gebäude, wie zu einer imposanten Einstimmung, ein zwölf Meter hohes Modell der europäischen Trägerrakete „Ariane 5“? Warum sonst schwebte drinnen, im Foyer, ein Modell der bemannten Raumstation ISS von der Decke? Und warum sonst zeigt daneben der amerikanische Künstler Tom Sachs, ebenso modellhaft, wie ein US-Spaceshuttle auf einem gewaltigen, speziell dafür konstruierten „Traktor“ zur Abschussrampe befördert wird?

Eintauchen in Traumwelten

Ausstellung "Outer Space", Bundeskunsthalle Bonn

Die Himmelsscheibe von Nebra, Ende 3./Anfang 2.Jahrhundert v. Chr., Bronze, Gold ©seppspiegl

In Wirklichkeit sind das nur Vorgeplänkel – Beobachtungsübungen für das Eintauchen des Besuchers in eine Art Traumwelten. Dort trifft er, in zwölf farbig und mitunter kunterbunt bis sphärisch gestalteten Themenräumen, auf wahre Kaleidoskope von Exponaten. Da steht der „Gruß“ aus dem All neben der Kunst, dort das Zeugnis einer Beinahe-Katastrophe neben dem Absurden. Im Klartext: Hat man gerade eben noch mit Staunen auf den 1492 auf das Elsass-Örtchen Ensisheim nieder gegangenen „Donnerstein“ – einen ordentlichen Meteoriten – geschaut, so wendet sich der Blick alsbald über die Kopie der erst vor wenigen Jahren in Sachsen-Anhalt gefundenen, rund 4000 Jahre alten, Himmelsscheibe von Nebra (dem ältesten bekannten Abbild des Sternenhimmels) hin zu Peter Paul Rubens prallem Historiengemälde von der Entstehung der Milchstraße. Das normalerweise im Madrider Prado hängende Werk des in Siegen geborenen Künstlers war übrigens mit Polizei-Eskorte zur Bundeskunsthalle gebracht worden.
Realität und Absurdität. Einer der Höhepunkte von „Outer Space“ ist zweifellos die als US-Leihgabe über den Atlantik geholte „Mercury“-Raumkapsel „Liberty Bell“. Jüngere Betrachter mögen sich staunend fragen, wie ein ausgewachsener Mann in einer solchen räumlichen Enge Platz finden und sich zudem mit den (im heutigen digitalen Zeitalter) geradezu antik anmutenden Knöpfen und Kippschaltern ins All trauen konnte. Viele Ältere jedoch werden sich vermutlich noch an die Dramatik erinnern, als es 1961 der im Atlantik gelandete Astronaut Virgil Grissom in allerletzter Sekunde schaffte, die Kapsel zu verlassen, bevor diese absoff und auf 4800 Meter Tiefe sank. Sie wurde erst 1999 geborgen und restauriert.

Tod und Traumwelt

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Skulptur des russischen Künstlers Ilja Kabakow: “The man who flew into space from his apartment“ ©seppspiegl

Auch Tod und Traumwelt liegen hier nah beisammen – letztere sogar bis zur Absurdität geschaffen. Der in Berlin lebende Künstler Via Lewandowski widmet beispielsweise sein Werk „Last Call“ dem sowjetischen Kosmonauten Wladimir Komarow, der 1967 im Raumschiff Sojus 1 verbrannte. Pikanterie am Rande: Ausgerechnet ein US-Spionagesatellit fing damals die letzte Kommunikation zwischen Komarow und der Bodenstation auf. Der Kosmonaut beschwerte sich, Schmuck und Dekor seien nur gefährlicher Ballast. Antwort: „Der Idiot hat doch keine Ahnung…“
Nur um die Ecke – ein winziger Raum, primitivst ausgestattet mit Holzbrettern an den Wänden und einer ärmlichen Pritsche in der Ecke, dazu Leninbilder und alle möglichen Propagandaplakate. In der Mitte ein an Gummibändern hängendes und mit Sprungfedern versehenes Sitzbrett. Darüber, in der Decke, ein riesiges Loch. Was der russische Künstler Ilja Kabakow damit überbringen will? „“The man who flew into space from his apartment“ – der Mann, der von seinem Zimmer aus ins Weltall flog.

Raumschiff-Klo und Astronauten-Anzug

Ausstellung "Outer Space", Bundeskunsthalle Bonn

Toilette für Raumfahrer. Das erste, was Astronauten tun, wenn sie die Toilette betreten, ist, sich anzuschnallen. ©seppspiegl

Natürlich kommen in der Schau auch all jene auf ihre Kosten, die Raumfahrt und Raketen, Weltall und Entwicklung nüchtern sehen wollen – technisch, politisch, historisch, militärisch und – nicht zuletzt vielleicht sogar – mit Blick auf die natürlichsten menschlichen Bedürfnisse. Da gibt es, zum Beispiel, tatsächlich ein klug durchkonstruiertes, mit Anschnallgurten und Absaugstutzen versehenes Space-Klo einschließlich Filter- und Wiederverwendungs-Vorrichtungen zu bestaunen. Da ist, ferner, der königsblaue Trainingsanzug ausgestellt, den Siegmund Jähn aus dem vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz, der DDR-Jagdpilot und erste Deutsche überhaupt im All, während seines Raumflugs trug; ein geradezu rührend-ziviles Exponat im Vergleich zu den unförmigen russischen und amerikanischen Raumanzügen daneben.
Fehlt die Erwähnung der deutschen V-2-Rakete, mit der sich ihr Konstrukteur Wernher von Braun eigentlich seinen Lebenstraum als Weltall-Pionier erfüllen wollte, in Wirklichkeit im Pakt mit Hitler eine furchtbare Vernichtungswaffe schuf? Fehlt der dramatische Wettlauf während des Kalten Krieges um die Eroberung des Raums? Nein, alles zu besichtigen und nachzuvollziehen in der Bundeskunsthalle. Aber, darüber hinaus, werden auch all jene Wissbegierigen in den Ausstellungsräumen in ein Dorado eintauchen können, die der Science Fiction huldigen oder vor Jahren im Kino heimlich Tränen wegwischten, weil sie Mitleid empfanden mit E.T., dem krötenartigen Alien mit dem Leuchtfinger, der so sehr an Heimweh litt und „nach Hause“ wollte. Und sie werden ein Wiedersehen feiern können mit dem goldenen, dauerquasselnden Kommunikationsroboter C3PO sowie den kleinen, praktisch veranlagten R2D2 – ein Komikerpaar wie einst Laurel und Hardy – nur eben, dass sie Maschinen sind. Allerdings mit viel Herz.
Gisbert Kuhn

Info
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Tel: 0 (049) 228 91710
Fax: 234154
www.bundeskunsthalle.de
Ausstellungsdauer: 3. 10. 2014 – 22. 02. 2015
Öffnung:
Di. u. Mi. 10 – 21 h
Do. bis So. 10 – 19 h
Freitags für angemeldete Gruppen ab 9 h geöffnet
Eintritt:
Regulär/ermäßigt/Familienkarte 10 / 6,50 / 16 €
Happy-Hour-Ticket 6 €
Di. u. Mi. 19 – 21 h
Do. bis So. 17 – 19 h (nur für Individualbesucher)
Informationen zum umfangreichen Rahmenprogramm und
Anmeldung zu Gruppenführungen Tel. 0 (049) 228 9171243
Fax. 9171244
Allgemeine Informationen dt./engl. Tel. 0 (049) 228 9171200




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