- Anzeige -

Glühwein lässt die Kassen klingeln

Weihnachtsmärkte als Wirtschaftsfaktor und Exportschlager

Köln

Blick auf den Weihnachtsmarkt in Köln

Alle Jahre wieder in der Adventszeit durchzieht Städte und Gemeinden, alte Burghöfe und moderne Shopping-Zentren jener Duft von Glühwein, Bratwurst, Reibekuchen und Zuckermandeln, der signalisiert: Die Weihnachtsmärkte haben geöffnet. Mehr als 2 500 sind es in Deutschland; wobei nur die Orte mit über 10 000 Einwohnern gezählt wurden. Und der Drang in die schmalen Gassen zwischen den diversen, mit Lichtern und Tannengrün geschmückten Holzbuden und Schauständen ist bei den Menschen nicht nur ungebrochen, sondern wächst von Jahr zu Jahr weiter an. Im vorigen Jahr waren es – geschätzt – 85 Millionen. Vor zwei Jahrzehnten zählte man noch noch 50.

Imageprägend für die Städte

Dortmund

45 m hoch ist der Weihnachtsbaum in Dortmund

„Der Run auf die Weihnachtmärkte ist immens“, sagt denn auch Hans-Peter Arens, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Schausteller und Markkaufleute (DSM). Bei dieser Aussage braucht sich der 70-Jährige nicht einmal nur auf die jährlich erhobenen Untersuchungen seiner Organisation zu stützen, sondern kann aus eigener Erfahrung sprechen. Seine Familie betreibt auf dem Dortmunder Markt, rund um den aus 1 700 Fichten zusammen gebastelten und mit 45 Metern höchsten Tannenbaum im Lande, insgesamt sieben große, unterschiedlich bestückte Stände.
An sich ist die einstige Kohle- und Stahl-Metropole nun wirklich nicht gerade ein touristisches Ziel. Doch in der Adventszeit, und zwar speziell zum Weihnachtsmarkt, werden in diesem Jahr rund 600 Busse aus der näheren und weiteren Umgebung sowie aus den benachbarten Staaten erwartet. Aus dieser Tatsache ergibt sich zweierlei: Die deutschen Weihnachtsmärkte sind – erstens – längst nicht mehr nur Orte individueller Gemütlich- und Geselligkeit, sondern ein ganz wesentlicher Wirtschafts- und sogar Exportfaktor geworden. Zweitens können die Städte gar nicht mehr auf sie verzichten. Und zwar keineswegs bloß wegen der damit natürlich auch verbundenen zusätzlichen Steuereinnahmen, sondern (vielleicht sogar mehr noch) weil die Märkte in hohem Maße das Image der Kommunen prägen. Nach den Worten von Matthias Rothemund, Geschäftsführer der Dortmunder Tourismus GmbH, „planen nicht nur deutsche Gäste oder solche aus dem grenznahen Ausland, sondern auch Besucher aus Großbritannien und der Schweiz speziell zur Adventszeit Übernachtungen bei uns ein“.

Zwischen drei und fünf Milliarden Euro Erlös

Arens-Hans-Peter

Hans-Peter Arens ©WAZ

Ähnliches hätten vermutlich auch Rothemunds Kollegen aus vielen anderen Städten gesagt. Längst hat sich nämlich die Tourismus-Branche auf den „Markt mit den Märkten“ eingestellt. Bus-Unternehmen, die Deutsche Bahn, Reisebüros – sie alle möchten teilhaben und bieten Gruppen- oder Individual-Ausflüge mit und ohne Übernachtung zu diesem oder jenem als besonders schön oder stimmungsvoll bewerteten Weihnachtsmarkt an. Kein Wunder, dass die Städte ebenfalls in den Wettbewerb eingetreten sind und mit „weihnachtlichen“ Werbebudgets arbeiten, die zwischen 40 000 und mehr als 150 000 Euro liegen. In diesem Rennen beiseite zu stehen, kann sich keine deutsche Stadt mehr erlauben.
Das gilt freilich noch viel stärker für das beteiligte Gewerbe – also für die Marktbeschicker. Nach einer Erhebung des zuständigen Verbands erwirtschaften die Weihnachtmärkte in den drei oder vier Wochen vor dem Christfest mittlerweile zwischen drei und fünf Milliarden Euro. Das hört sich imposant an und ist es, ohne Zweifel, auch. Allerdings relativieren sich die Zahlen gleich wieder angesichts der Tatsache, dass die Schausteller und Budenbesitzer in diesen wenigen Wochen der kalten Zeit ein Drittel, mitunter sogar die Hälfte ihres Jahresumsatzes erzielen. Oder, um noch einmal DSM-Chef Hans-Peter Arens zu zitieren, nur noch dieser kurze Boom „macht es überhaupt möglich, dass es bei uns noch eine Kirmes gibt“.

Alte Tradition und junges „Business“

gluhwein_trinken

Glühwein, der absolute Renner auf den Weihnachtsmärkten

Die Weihnachtsmärkte haben in Deutschland einerseits eine lange Tradition, verkörpern jedoch gleichzeitig auch ein junges „Business“. Viele, vor allem die auch heute großen, haben ihre Wurzeln noch im Mittelalter oder etwas später: Der „Striezelmarkt“ in Dresden 1434, Nürnbergs Christkindlesmarkt Anfang 17. Jahrhundert, Augsburg 1498, Frankfurt (Main) 1393. Natürlich hatte der berühmte Nürnberger Markt auch in den vergangenen Jahrzehnten schon Besucher aus Nah und Fern angezogen. Doch so richtig losgegangen in der Art der heutigen Massen-Marktgestaltung ist es in Deutschland eigentlich erst vor etwa 30 bis 40 Jahren. Und es erfolgte ziemlich parallel zur Einrichtung der Fußgängerzonen in den Städten – zunächst nur im Westen der Republik, nach der Wiedervereinigung jedoch auch im Ostteil mit so wunderbaren Orten wie Dresden, Leipzig, Erfurt, Bautzen usw. Tatsächlich hat kein anderes Gewerbe einen derart rasanten Aufschwung genommen.
Kein Wunder daher, dass viele Stadtverwaltungen und der Markthändlerverband nicht müde werden, auf einen (auf den ersten Blick) in der Tat positiv erscheinenden Tatbestand hinzuweisen – auf den Beschäftigungsfaktor. Die Weihnachtsmärkte, sagen sie, sei geradezu ein Jobmotor. Bis zu 170 000 Personen erhielten dort, wenigstens als Teilzeitkräfte, eine Anstellung. Was dabei allerdings unerwähnt bleibt, ist die Entlohnung. Nach Recherchen des online-Wirtschaftsdienstes „wofan“ (world of finance and money) werden von den Buden- und Standbetreibern mitunter wahre Dumpinglöhne bis hinunter auf 1,30 Euro gezahlt. „wofan“: „Oft ist ein Glühwein teurer als der Stundenlohn dessen beträgt, der ihn ausgeschenkt hat“.

Der absolute Renner

Bratwurst

Neben dem Glühwein der zweite Renner: Eine Bratwurst

Dabei sind die Glühweinbuden und –stände überall der absolute Renner, gefolgt von den Bratwurstgrills und Reibekuchenbrutzeleien. Nichts lässt die Kassen lauter und damit in den Ohren der Wirte süßer klingen als der süße Heiße. Mit dem Getränk wird ein doppelt bis dreifach so großer Umsatz gemacht wie es etwa Kunsthandwerker, Spielzeug- oder Kleiderverkäufer tun. Klar, dass bei den zuständigen Ämtern der Städte der Ansturm auf diese Plätze am stärksten ist. Um hier eine wenigstens einigermaßen erträgliche Mischung herzustellen, sind daher nicht wenige Kommunen dazu übergegangen, den von den trinkfreudigen Besuchern „benachteiligten“ Ausstellern entgegen zu kommen. So verlangt die Stadt Nürnberg, zum Beispiel, für einen Glühweinausschank ein Standgeld von knapp 550 Euro, von einem Handwerker dagegen nur 85 Euro. Dass die Nürnberger Verantwortlichen das Geschehen so aufmerksam verfolgen, ist angesichts der Bedeutung des Christkindlesmarktes für die Franken-Metropole nachvollziehbar. Im Grunde ist der an Tradition reiche Markt ein Selbstläufer. „Er ist“, sagt Helmut Nordhardt vom Marktamt, „sozusagen das Schaufenster der Stadt“. 2,4 Millionen Besucher ließen sich 2013 zum Christkindlesmarkt locken – praktisch aus der ganzen Welt. Die Umsätze durch Übernachtungstouristen, Tagesgäste und Einheimische wurden für das vergangene Jahr allein dort auf bis zu 150 Millionen Euro geschätzt.
Längst, freilich, hat sich der „German Christmas Market“ auch jenseits der deutschen Grenzen etabliert. Eigentlich war es nur eine als freundschaftliche Geste der Frankfurter Stadtoberen für ihre englische Partnerstadt Birmingham gedachte Idee, dass sie Mitte der 90-er Jahre zur Vorweihnachtszeit jenseits des Kanals einige geschmückte Holzhütten mit allerlei Weihnachtsartikeln aufstellen ließen. Inzwischen ist in der zweitgerößten britischen Stadt mit circa 2,5 Millionen Besuchern der größte Weihnachtsmarkt außerhalb Deutschlands entstanden. Und auch in London oder York läuft in diesen Tagen die Bratwurst mit Sauerkraut wieder dem ur-britischen fish and chips deutlich den Rang ab. In New York waren zwar Anfangsschwierigkeiten zu überwinden. Inzwischen aber weiß man auch dort die wärmende Wirkung von „muled wine“ zu schätzen. Allerdings darf in Big Apple der Glühwein im Freien nur alkoholfrei ausgeschenkt werden.
Gisbert Kuhn

mehr zu dem Thema:

  • 48
    Was um Himmels willen treibt die Menschen sich zu Tausenden durch enge Budengassen zu schieben, ungesunde Dinge zu essen und zu trinken und dafür auch noch viel Geld auszugeben?
    Tags: glühwein, nur, id="attachment, caption, width, weihnachtsmärkte, millionen, für, noch, weihnachtsmarkt
  • 35
    Alle Jahre wieder dasselbe Thema - "Wie, du gehst auf den Weihnachtsmarkt? Mich bringen da keine zehn Pferde hin." Nun bin ich bekennender Weinhnachtsmarkt-Geher. Einmal im Jahr schön krosse Reibekuchen mampfen, einmal im Jahr (egal wie fett) Backfisch mümmeln, einmal im Jahr (auch wenn er vorgefertigt und zu süß ist)…
    Tags: jahr, weihnachtsmarkt, so, nur, nürnberg, renner, allerdings, haben, mehr, für




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden