- Anzeige -
Jogging-Point

Historische Werke und Schatzkammer

In der Martinus-Bibliothek von Mainz lagert das Wissen der Menschen vom Mittelalter bis heute

Martinus

Die Martinus-Bibliothek, ehemals Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars, im Arnsburger Hof in der Mainzer Altstadt

In der Grebenstraße 8, einem Gässchen mitten in der malerischen Altstadt von Mainz und nur wenige Schritte hinter dem mächtigen Dom St. Martin, befindet sich ein Ort voller schier unermesslicher Schätze.  Zwar lagern hier nicht Gold, Silber und Edelsteine  – aber dennoch unersetzliche und daher unbezahlbare Kostbarkeiten. Es sind Bücher, von Hand geschriebene und gedruckte. In Form und Gestaltung Kleinodien, verkörpern sie inhaltlich das menschliche Wissen vom frühen Mittelalter an bis in die Neuzeit. Der Ort? Die St-Martinus-Bibliothek – vor ziemlich genau 350 Jahren gegründet, hat sie seither (ungeachtet aller Kriege, Brände oder Plünderungen) nie aufgehört, zu existieren. Der Besuch und die Nutzung der Bücherei sind prinzipiell kostenlos und jedermann gestattet. Die Besichtigung der historischen Werke und der „Schatzkammer“ ist allerdings nur nach Voranmeldung möglich; am besten mit dem Nachweis eines besonderen wissenschaftlichen Interesses.

_JPG5159

Dr. Helmut Hinkel mit einer Ausgabe von Johann Jacob Winckelmann, Antike Monumente, 2.Aufl. 1821

Immer wenn Helmut Hinkel mit sicherem Griff nach einem der in Reih´ und Glied auf  langen Regalen sortierten Bücher fasst und es mit energischem Ruck herauszieht, möchte der Besucher rufen: „Um Gottes Willen, Vorsicht!“. Man kennt das ja aus diversen Ausstellungen in Museen. Da liegen alte Bücher oder Stahlstiche in abgedunkelten Räumen unter dickem Sicherheitsglas. Und der Betrachter riskiert meistens schon misstrauische Blicke des Wachpersonals, wenn er sich bloß über die Vitrine beugt.  Doch der Mainzer Bibliotheks-Direktor bleibt ganz gelassen: „An und mit diesen Bänden haben viele Jahrhunderte lang Generationen von Studenten, Wissenschaftlern und Geistlichen intensiv gearbeitet. Da werden sie doch wohl auch diese Präsentation noch aushalten“.

Eine der bedeutendsten Büchereien in Deutschland

_JPG5087

rantlos-Redakteur Gisbert Kuhn und Direktor Dr. Helmut Hinkel im Lesesaal

Der Weg zu der in dieser Art wahrscheinlich interessantesten Bücherei Deutschlands ist nicht ganz leicht zu finden. Vom malerischen Mainzer Marktplatz aus gesehen, hinter dem alles beherrschenden Sandsteinbau des Martins-Doms, biegt in Höhe des idyllischen „Kirschgartens“ von der Augustinerstraße nach links die Grebenstraße (in Wirklichkeit nur ein schmales Gässlein) ab.  Eingerahmt und gegenüber von gemütlichen Weinstuben, befindet sich dort das langgestreckte, weiße Barockgebäude mit der Hausnummer 8 an der gotischen Türfassung. Von der kühlen Vorhalle aus führt ein breiter Treppenaufgang zum Lesesaal mit Rezeption im 1. Stock. Dieser Raum gehört, zusammen mit noch etlichen anderen Zimmern, zum öffentlichen Bereich der Martinus-Bibliothek. Allein der Lesesaal birgt rund 10 000 Bücher, die auch bis zu vier Wochen lang ausgeliehen werden können. Es sind meistens Nachschlagewerke, sehr stark (aber keineswegs  nur) ethisch-moralisch-theologisch-philosophischen Inhalts. Alles zusammengezählt, indessen, verfügt das Haus über rund 300 000 Bände aus über acht Jahrhunderten und 200 laufende Zeitschriften, davon etwa 80 in der ständigen Ausleihe.

_JPG5099

Der Wormser Weihbischof Stephan Alexander Würthwein

Heute gehört die Bücherei dem Bistum Mainz. Als sie freilich am 8. November 1662 vom damaligen Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn (einer der zweifellos bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit und nicht zufällig „deutscher Salomon“ genannt) gegründet wurde, geschah dies im Zusammenhang mit der Installierung des Priesterseminars. Es waren vor allem Schenkungen, die den Bücherbestand über die Zeiten stetig anwachsen ließen. Die erste kam von Johann von Heppenheim, einem Vertrauten und Vetter des Erzbischofs und Kurfürsten. Eine weitere, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, vom Wormser Weihbischof Stephan Alexander Würthwein, einem großen Historiker. Ein Konterfei von ihm hängt im Lesesaal und könnte eine eigene, groteske Geschichte erzählen. Es zeigt den Geistlichen in Chorherrengewandung mit einem Buch in der rechten Hand. Das Bild war zufällig (und deutlich verändert) entdeckt worden – auf der Herrentoilette von Schloss Herrnsheim bei Worms. Dem Mainzer Buchwissenschaftler Pelgen war es aufgefallen, und der hat es auch restauriert. Seit 2012 befindet es sich nun als Wormser Dauerleihgabe in der Mainzer Grebenstraße 8.

Goethe-Werke als Original, Parodie und Handschriften

Werthers__Erstdruck

„Die Leiden des jungen Werthers“ lautet der Titel eines von Johann Wolfgang Goethe verfassten Briefromans, 1774

Die Bücherbestände sind, im Wesentlichen nach Sachgebieten geordnet, über fünf Etagen in Magazinen gelagert. Je wertvoller und seltener, desto weiter oben. Dazu kommt, hinter einer mächtigen Stahltür und klimatisiert, die „Schatzkammer“. Doch schon bevor sich diese öffnet, stockt dem Besucher mehr als einmal der Atem angesichts der Masse an bibliophilen Prachtstücken, die der 69-jährige Pfarrer und Herr über 300 000 Bücher scheinbar so ganz nebenbei aus den Regalen fischt. Darunter die größte Sammlung an Goethewerken außerhalb Weimars. Die vorwitzig-gespannte Frage nach einem Original der berühmten Goethe´schen Farbenlehre beantwortet Hinkel mit einem nachsichtigen Lächeln und einem kurzen Griff ins papierne Volle: „Hier, bitte sehr“. Ob man denn vielleicht auch einen Erstdruck von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ sehen und in die Hand nehmen möchte? „Bitteschön, hier. Dort ist übrigens auch gleich noch ein ganz früher Raubdruck des Werks; dieses üble  Geschäft ist schließlich nicht eine Erfindung unserer Zeit. Und das hier werden Sie gewiss nicht kennen – es ist eine sehr bald erschienene Parodie auf die Goethe-Dichtung: ´Die Leiden der jungen Wertherin`“. Damit der Gast auch in aller Ehrfurcht die Handschrift des Dichterfürsten betrachten kann, gleich noch ein Originalbrief von ihm an seine Mutter Catharina Elisabeth (genannt Aja) in Frankfurt.

_JPG5154

Weltliteratur: Walter Scott, Lord Byron

Dass die Martinus-Bibliothek heute über solche Raritäten verfügt, verdankt sie nicht zuletzt Johann Friedrich Heinrich Schlosser, einem entfernten Neffen Goethes (verheiratet mit dessen Nichte Cornelia).  Schlosser war nicht nur ein vielsprachiger Jurist (16 Sprachen), rundum allgemein gebildet und selbst Schriftsteller, sondern – nach einer reichen Erbschaft 1820 – ein eifriger Sammler, Kunstmäzen und bedeutender Goethe-Übersetzer. Kurz: In dem von ihm und seiner Frau erworbenen ehemaligen Stift Neuburg (bei Heidelberg) entstand so eine der wertvollsten und größten Privatbibliotheken der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie umfasste praktisch alle Wissensgebiete. Angefangen von (ab Beginn 16. Jahrhundert) deutscher über Weltliteratur bis hin zu Geschichte. Diesen Schatz vermachte Schlossers Witwe 1862 dem damaligen Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler: circa 35 000 Bücher. Drei Handelsschiffe, vergisst Bücherein-Chef Hinkel nie zu erwähnen, seien seinerzeit nötig gewesen, um die Schlosser´sche Schenkung von Heidelberg nach Mainz zu transportieren.

Die Weimarer Geistesheroen Rücken an Rücken

_JPG5143

Dr. Helmut Hinkel mit dem ersten in Deutschland gedruckten arabischen Koran, 1694

Die gedruckten Werke des dichtenden  Geheimrats aus Weimar befinden sich übrigens im Martinus-Magazin in bester Gesellschaft – nämlich Rücken an Rücken mit denen seines ebenfalls mit zahlreichen Dichtungen vertretenen Kollegen aus gemeinsamen Weimarer Zeiten, Friedrich Schiller. Daraus ein kleines Schmankerl: „Historischer Calender für Damen für das Jahr 1793“. Klar, Schiller musste Geld verdienen und wusste, was gefragt war, um sich literarisch dem weiblichen Geschlecht in wohlbetuchten Häusern andienen zu können. Aber auch andere deutsche Klassiker sind vorhanden. Herder, Wieland, Kloppstock: alle da, und noch viele mehr. Helmut Hinkel hat recht: „Das gesamte alte, bürgerliche Wissen ist bei uns versammelt!“. Ein paar Schritte weiter wieder ein Clou. Es istder erste in Deutschland gedruckte Koran (Al-Corams) – gedruckt 1694 in Hamburg und mit dem Einfügsel „Pseudo-Propheta“ versehen, damit das Werk in Deutschland überhaupt auf den Markt gebracht werden durfte. Kein Wunder, standen doch ein Jahrzehnt zuvor noch die Türken vor Wien und bedrohten das christliche Abendland. Sagt jemandem der Name Georg Forster noch etwas? Erst in jüngeren Jahren erinnerte man sich in Deutschland wieder des Mannes, der von 1772 bis 1775 James Cook auf dessen zweiter Weltumsegelung begleitete und darüber den Reisebericht schrieb. Forster war vielseitig – Naturforscher, Journalist, Revolutionär, Mitbegründer der kurzlebigen Mainzer Republik und – eben – Autor von „The voyage to the pacific ocean“. Die Erstausgabe liegt zum Anfassen und Anschauen in der Mainzer Martinus-Bibliothek.

_JPG5261

Stephan Fridolin, Schatzbehalter, Nürnberg 1491, Mainzer Kolorierung, Moses und Aaron (Inkunabl)

Wo soll man noch verweilen, bevor sich die Tür zur eigentlichen „Schatzkammer“ öffnet? Bei dem „Kleinen Stundenbuch“ für wohlhabende und (damals eine große Seltenheit) des Lesens kundige  Damen vielleicht, geschrieben 1430 in winziger, zierlicher und eigentlich nur mit einer Lupe zu entziffernder Perlschrift? Die Besitzerin trug es, sicher mächtig stolz, in einem Ledertäschchen am Gürtel zur Messe in den Dom. Oder doch eher bei dem Sammelband aus dem 15. Jahrhundert, der sich mit dem beschäftigt, was man zu jener Zeit möglicherweise unter Sex and Crime verstand? Neben anderen Geschichten ist darin der erste deutsche Bericht über den rumänischen Fürsten Vlad Tepes enthalten, dem historischen Vorbild des literarischen Grafen Dracula. Illustriert u. a. mit schaurigen Darstellungen gepfählter Menschen. Nicht wenige Bücher tragen Brandspure. Möglicherweise wurden sie im letzten Moment bei Feuersbrünsten gerettet. Oder einen Blick werfen in ein Buch, das regelmäßig spanischen, besonders aber katalanischen Sprachforschern Tränen in die Augen treibt? Es stammt von Ramón LLull, dem „Erfinder“ der katalanischen Sprache; geschrieben hat es das Universal-Genie um 1300 auf Mallorca. Allein in Mainz ist dieses Kleinod noch zu finden.

 Die Haut von 120 Kälbern für ein Buch

_JPG5217

Direktor Hinkel mit dem Mainzer Sakramentar, um 880, Kanonbild, Handschrift

Nicht das älteste (das sind Pergament-Fragmente aus etwa 820), sondern „nur“ das zweitälteste Exponat unter Helmut Hinkels Schätzen dürfte gleichwohl das schönste und wahrscheinlich auch wertvollste sein: Ein nacheinander auf der Insel Reichenau und in Fulda geschriebenes und verziertes Sakramentar (heute würde man sagen: Messbuch) des Mainzer Stifts St. Alban aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Es ist damit sogar 100 Jahre älter als der Dom. Ein halbes Jahrtausend hatte es bis zu seiner Wiederentdeckung unbeachtet auf dem Dachboden der Gotthart-Kapelle gelegen und befindet sich trotzdem in einem erstklassigen Zustand. Ein Kunstwerk, zu Gottes Lob geschaffen und wahrscheinlich nur für den Gebrauch bei ganz außergewöhnlichen Anlässen wie dem Besuch des Kaisers oder des Papstes bestimmt. Mit feinster Goldschrift auf Pergament (für das wohl gut und gern 120 Kälber ihre Haut opfern mussten) und selten schönen Zeichnungen. Die Farben zum Ausmalen der Initialen und Zeilen farbiger Großbuchstaben wurden mit gemahlenen Edelsteinen gemischt. Allein eine bestimmte Seite, das „Purpurblatt“, hatte schon bei der Herstellung den relativen Wert „von drei Bauernhöfen“.

Mainzer Sakramentar: um 880, Oration vom 1.Januar (Handschrift)

Mainzer Sakramentar: um 880, Oration vom 1.Januar (Handschrift)

Gern zeigt der Hinkel auch ein aus dem 13. Jahrhundert stammendes Psalterium – ein liturgisches, sich auf die Psalmen gründendes Textbuch zum Chorgebet. Ursprünglich gehörte es zu St. Peter in Mainz. Die Seiten des über Jahrhunderte erkennbar viel benutzten Werks konnten von den Studierenden offensichtlich nur mit angefeuchteten Fingern umgeblättert werden. Womit sich angesichts der Gebrauchsspuren an den Seitenrändern „der Wissenschaft die seltene Gelegenheit böte, die DNS von ungezählten Mainzer Stiftsherren der Vergangenheit zu nehmen“ (Hinkel).  Und noch eine Gelegenheit lässt sich Helmut Hinkel nicht entgehen. Nämlich ein Buch zu öffnen, „bei dessen Anblick nicht selten für protestantische Besucher eine Welt zusammen bricht“. Kein Wunder, vermag der katholische Priester und Bücherfreund damit doch die allgemein verbreitete Annahme zu widerlegen, Martin Luther habe 1522 auf der Wartburg bei Eisenach die erste vollständige Bibel-Übersetzung ins Deutsche geleistet.  Die Martinus-Bücherei besitzt eine der bereits 1483 in Nürnberg gedruckten „Koberger Bibeln“ – eine zweibändige deutsche Ausgabe der Heiligen Schrift. Tatsächlich existierten „vor Luther“ mindestens 19 Übersetzungen. Wasfreilich ganz gewiss nicht das Verdienst des Reformators hinsichtlich neuer, sprachgewaltiger Wortschöpfungen für die deutsche Sprache schmälert.

 Pesttraktat und eine Reise nach Jerusalem

_JPG5246

Christus und die minnende Seele, Frauenmystik, Illustration von Rudolf Stahel, Konstanz 1496 (Handschrift)

Es vergeht kaum ein Jahr, in dem entweder Mitarbeiter der Bibliothek selbst, auswärtige Wissenschaftler oder private Forscher in der Grebenstraße 8 nicht neue, sensationelle Entdeckungen machen. Dazu gehört zum Beispiel ein winziges Fragment, abgefasst in aramäischer Sprache. Diese Sprache hatte Jesus benutzt. „Da gerät der Wissenschaftler in Wallung“, erzählt der Direktor. Eine weitere Entdeckung war das im 15. Jahrhundert von dem Mainzer Arzt Appolonius verfasste Pesttraktat. Und nicht fehlen darf in der Aufzählung der Einmaligkeiten der um 1486 verfasste Reiseführer eines Bernhard von Breidenbach, in dem dieser detailliert seine Pilgerfahrt nach Jerusalem beschreibt. Einzigartig aber ist das Buch wegen der beigefügten Zeichnungen des Reisewegs in Leporello-Form, also in einem schier endlosen, immer wieder gefalteten Papierstreifen – „des ersten bekannten Leporellos in der Druckgeschichte“, wie Helmut Hinkel sagt.

Gisbert Kuhn

 

Info:

Martinus-Bibliothek

Grebenstraße 8

55116 Mainz

Postanschrift:

c/o Bischöfliches Priesterseminar

St. Bonifatius

Augustinerstraße 34

55116 Mainz

Telefon:

06131 266222

E-Mail:

martinus.bibliothekSymbol für den elektronischen Schriftverkehrbistum-mainz.de

Web-Seite:

www.bistum-mainz.de/martinus-bibliothek

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag

09:00 – 12.30 h und 13.30 -18:00 h

Eintritt und Nutzung der allgemeinen Bücherei sind kostenlos.

Wer jedoch die besonders wertvollen Bestände, insbesondere die Schatzkammer, besichtigen möchte, muss sich anmelden und einen gesonderten Termin vereinbaren.

 


Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden Diese Seite drucken Diese Seite drucken