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Deutschland – bunt und offen?

Museen sind selten aktuell. Das liegt in der Natur ihrer Aufgaben als Vermittler von Geschichte oder Kunst in deren ganzer Breite. Umso mehr Aufsehen erregt es, wenn tatsächlich einmal 5f06c5186beine museale Präsentation mit dem täglichen Geschehen auf unseren Straßen und innerhalb der Gesellschaft zeitlich nahezu auf dem Punkt zusammentrifft. Genau das ist der Fall bei der jüngsten Sonderausstellung im Bonner Haus der Geschichte (HdG). „Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland“! Ist das nicht das Thema, das – bei den einen als Losung, bei anderen aber als Schreckensruf – gegenwärtig zigtausende von Menschen hierzulande auf die Straße treibt? Enorme Hilfsanstrengungen für Menschen, die vor Kriegs- und Hungersnöten fliehen, stoßen auf zunehmende Ängste vor Überfremdung und Verlust der eigenen Identität und Lebensweise.

Von Gastarbeitern zu Bürgern

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Reklame für Internationale Küche

Jeder fünfte Bewohner in Deutschland hat mittlerweile ausländische Wurzeln. Längst haben sich zwischen Rhein und Oder, Flensburg und Konstanz Sitten, Gebräuche oder Essensgewohnheiten verändert, seit Mitte der 50-er Jahre die ersten italienischen Gastarbeiter ins Land kamen – angeworben wegen des Arbeitskräftemangels in der Wirtschaft. Danach waren es Spanier, Portugiesen, Jugoslawen und schließlich Türken. Lange hatte man sich vorgemacht, nach ein paar Jahren würden diese Leute schon wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Bei weitem nicht jeder erkannte die Wirklichkeit so frühzeitig wie der schweizer Schriftsteller Max Frisch, der bereits 1966 schrieb: „Wir haben Gastarbeiter gerufen, aber es kamen Menschen“. Natürlich ist Deutschland dadurch anders geworden. Pizza und Gyros, Espresso und Nasi Goreng, Kopftücher und die Fußballnationalmannschaft – alles ist ganz schön anders, aber auch vielfältiger als es etwa vor fünf Jahrzehnten bei uns war. Aus den Gastarbeitern sind im breiten öffentlichen Bewusstsein längst Bürger, Mit-Bürger, geworden.
Die Bonner Ausstellung im Haus der Geschichte beschreibt diese Entwicklung Deutschlands zu einem Einwanderungsland von den 1950-er Jahren bis in die Gegenwart und fragt nach den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Auswirkungen. Sie beleuchtet mit rund 800 Exponaten die verschiedenen Phasen der Zuwanderung, zeigt die Vielfalt der Alltagskulturen und Weltbilder, verschweigt aber auch nicht die Spannungen und Konflikte bis hin zu Gewalttaten wie den Brandanschlägen von Rechtsextremisten auf Asylbewerber-Heime und von Ausländern bewohnte Häuser und umgekehrt den versuchten Bomben- und täglichen Gesinnungsterror von religiös oder politisch total verblendeten Islamisten.

Nach Phasen geordnet

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Das Moped des 37-jährigen Zimmermanns Armando Rodrigues de Sá

Es ist eine muntere Ausstellung, welche die Besucher in leicht verständlicher Weise und mit Hilfe zahlreicher aus dem Alltag bekannter Exponate sowie Sprach- und Videosäulen durch die unterschiedlichen Phasen der Zuwanderung führt. Da besingt der traurige Schlager der jungen Conny Froboess von 1962 die „Zwei kleinen Italiener“, die so gern „nach Napoli“ möchten, und spricht damit das Heimweh und die Einsamkeit an, unter denen die ersten Gastarbeiter litten. Dann belächelt man möglicherweise das arg benutzte „Zündapp“-Moped, das am 10. September 1964, begleitet von einem riesigen Medien-Aufgebot, auf dem Köln-Deutzer Bahnhof der damals 37-jährige Zimmermann Armando Rodrigues de Sá aus dem kleinen nordportugiesischen Dorf Val de Madeiros als einmillionster Gastarbeiter als Willkommens-Geschenk bekam. Ganz eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang das neben dem Moped angebrachte, großflächige Foto, das den so plötzlich berühmt gewordenen Mann ganz verängstigt zeigt, weil er – der deutschen Sprache nicht mächtig – den ganzen Rummel nicht versteht.
Exotisch oder Beweis für eine total gelungene Integration: Wenn der Museumsgast an einer reich geschmückten Karnevals-Ausstattung stutzt, so wird er (vermutlich zu seinem größten Erstaunen) belehrt, dass in diesem Outfit während der Session 2011/12 der in Uganda geborene, zutiefst dunkelhäutige Balam Byarubanga (seit 1979 in Deutschland) die Farben des Aachen-Richtericher Vereins vertrat. Etwas abseits hinter Glas dann ein elegantes, türkisfarbenes Seidenkopftuch. Die türkischstämmige Emel Zeynelabidin hat es 2006 dem Haus der Geschichte vermacht. Als Tochter eines „bekennenden“ muslimischen Arztes 1960 in Istanbul geboren und „traditionell“ aufgewachsen, legte sie mit 30 Jahren das Kopftuch ab. Das Tragen eines Kopftuchs als Symbol und Demonstration, sagt sie heute, sei nicht zu unterschätzen. „Denn es schafft auch ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe und kann somit ein Integrationshindernis darstellen“. Emel Zeynelabidin ist Muslimin geblieben…

Die berühmte Türkenkutsche

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Die „Türkenkutsche“

Wer kennt ihn nicht, den berühmten Ford-Transit mit Dachträger. Als „Türkenkutsche“ war (und ist) er landauf, landab bekannt. So manche erfolgreiche Unternehmerkarriere eines osmanischen Zuwanderers gründet nicht zuletzt auf diesem Vehikel als Transportmittel zum Beliefern des eigenen Lebensmittelladens oder der Schreinerei und Schlosserei. Aber in dem Transit fährt noch immer auch nahezu jeden Sommer die in Deutschland lebende und arbeitende Großfamilie quer durch Südosteuropa ins ferne türkische Heimatland. Freilich: Auch sie gehören zur deutschen Wirklichkeit: die Gasflaschen vom – zum Glück gescheiterten – Attentat auf dem Kölner Hauptbahnhof.
Auch die DDR hatte (im Westen, wie so Vieles „drüben“, weitgehend unbekannt) ihre Gastarbeiter und die damit zusammen hängenden Probleme. Zehntausende Kubaner, Mosambiker, Polen, vor allem aber Vietnamesen waren in den 60-er, 70-er und 80-er Jahren angeworben worden, um mitzuwirken, die Ziele der Planwirtschaft zu erfüllen. Obwohl die sozialistische Partei- und Staatsführung diese Menschen möglichst „kaserniert“ von der eigenen Gesellschaft isoliert zu halten versuchte, kam es von Seiten der Bevölkerung immer wieder zu fremdenfeindlichen Übergriffen. Auch die Schicksale dieser Personen und die sich für sie im Zuge der deutschen Vereinigung ergebenden Schwierigkeiten sind Gegenstand der Bonner Ausstellung und regen zum Nachdenken an.

Die Geschichte geht weiter

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Vietnamesische Näherin in der DDR

Im Gegensatz zu vielen anderen musealen Veranstaltungen ist die hier beschriebene Entwicklung bei weitem noch nicht abgeschlossen. Zuwanderung, Flüchtlingsströme, Asylsuchende – eigentlich stecken wir mittendrin. Die weltweiten Krisen und Kriege haben die vielleicht größte Völkerwanderung in der menschlichen Geschichte ausgelöst. Einwanderungsland Deutschland? Das Boot ist voll? Gibt es Grenzen der Solidarität? Fragen und Schwierigkeiten, die in dieser Ausstellung nur gestellt und angesprochen werden können. Ein Besuch sei sehr empfohlen.
Gisbert Kuhn

Info:

Ort:
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Museumsmeile
Willy-Brandt-Allee 14
53113 Bonn
www.hdg.de

Ausstellungsdauer: bis 9. August 2015

Öffnungszeiten

Di – Fr 9 – 19 h

Sa, So und Feiertage 10 – 18 h

Eintritt frei

Parkplätze für Rollstuhlfahrer in der Tiefgarage Einfahrt Rheinweg.

 





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