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Der schöne Schein

Der Gasometer in Oberhausen glänzt mit einer spannenden Ausstellung

Was ist schön? Was scheint schön zu sein? Wie haben sich die Betrachtungsweisen der Schönheit im Laufe der Jahrhunderte verändert? Schönheit kann harmonisch sein, strahlendGasometer_Oberhausen_mit_Plakatmontage__DER_SCHOENE_SCHEIN_2014_Teaser_27ceb498ab und schlicht, elegant, verführerisch, aber auch prachtvoll oder gar erschreckend und verstörend. Die Menschen erleben die Wunder der Welt durch ihre Sinne als „schönen Schein“. Was haben die Menschen vergangener Jahrhunderte als Schönheit der Welt erlebt und wie haben die Künstler diese Schönheit festgehalten?

Genau diesen Fragen widmet sich die aktuelle Ausstellung im Gasometer Oberhausen, die den Bogen über die künstlerischen Betrachtungsweisen unter den Themen spannt: Himmlische Sphären, Goldenes Zeitalter, Urteil des Paris, Verklärung des Todes, Gestalt des Menschen, Antlitz des Menschen, Schönheit des Schreckens, Ruinenlandschaften und Erhabenheit der Natur.

Weltberühmte Museen zu Gast in Oberhausen

Der Pariser Louvre, die Berliner Nationalgalerie, das MoMa aus New York, die Londoner Tate Gallery, die Uffizien in Florenz – die großen Museen der Kunstwelt sind derzeit mit den beeindruckendsten Meisterwerken aus ihren Beständen im Gasometer Oberhausen zu Gast; freilich nicht mit den Originalen, sondern mit 200 qualitativ hervorragenden, großformatigen Fotografien und originalgetreuen Abgüssen. Erst seit einigen Jahren ist die Technologie so weit entwickelt, dass Kunstwerke in dieser Qualität und Größe gedruckt werden können, auf denen auch noch die kleinste Schattierung deutlich wird.

Original und Reproduktion

Ausstellungsszene "Der schöne Schein" im Gasometer Oberhausen

Venus-und-Aprhrodite © Thomas-Machoczek

Dabei ist es selbstverständlich, dass auch die beste Reproduktion nicht das Erlebnis der Originale ersetzen kann, und „Kunstpuristen“ werden wahrscheinlich ihre Vorbehalte gegen eine solche Ausstellung haben. Aber Reproduktionen gibt es bereits seit der Antike. Schon Goethe bewunderte auf seiner Italienreise nicht nur die originalen Werke der Antike, sondern auch die Kunstfertigkeit der Gipsformer, die berühmte Werke antiker Kunst originalgetreu zu kopieren wußten. Auf diese Weise, so schwärmte er, könnten überall in der Welt „vortreffliche Sammlungen von Kopien der schönsten Skulpturen der Antike“ entstehen und von vielen Menschen „mit Genuss und geistigem Gewinn“ betrachtet werden. Im 19. Jahrhundert sind zahlreiche solcher Sammlungen in vielen europäischen Museen und Akademien entstanden.

Als der französische Filmregisseur André Malraux im 20. Jahrhundert den Begriff „Imaginäres Museum“ prägte, ahnte er schon: Mithilfe der Fotografie kann man endlich alle Werke der Malerei, Skulptur und Baukunst – ganz unabhängig von ihrer Größe und ihrem Standort – reproduzieren und in Ausstellungen endlich miteinander kombinieren und dem Publikum zeigen.

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Mona Lisa und Nofretete © Thomas-Machoczek

Der Gasometer, dieses riesige Industriedenkmal in Oberhausen, hat nun alles versammelt, was in der Kunst Rang und Namen hat und sich im Laufe der Kulturgeschichte in unser kollektives Bildgedächtnis eingeprägt hat. Da sind u. a. die Nofretete, die Venus von Milo, da Vincis Mona Lisa, Botticellis Geburt der Venus, C. D. Friedrichs Mondaufgang und van Goghs Sternennacht auf eine ganz neue Weise miteinander kombiniert und außerordentlich gut präsentiert. So ist beispielsweise das monumentale Deckenfresko von Andrea Pozzo (1691 – 1694) „Apotheose des Heiligen Ignatius“, dessen Original sich in der Kirche Sant’Ignatio in Rom befindet, in Oberhausen unter einer Decke angebracht, sodass der Besucher in einem unten installierten großen Spiegel, das Bild betrachten kann, ohne sich den Hals zu verrenken. Die faszinierende Vielfalt der Schönheitsvorstellungen verschiedener Kulturen wird bei dem Gang durch die Ausstellung sinnlich erfahr- und vergleichbar. Die brillanten Vergrößerungen ermöglichen ungewohnte Einblicke in Technik und Detailreichtum der Originale. Wann hat der Besucher schon einmal Gelegenheit sich so nah und ungestört die weltberühmten Kunstwerke anzusehen?

Realität und virtuelle Räume — die Installation „320° Licht“ von URBANSCREEN

Das Highlight einer jeden Ausstellung im Gasometer, ist immer jener Moment, in dem der Besucher die letzte Treppe besteigt, sich der riesige Raum mit den über hundert Meter hohen Wänden öffnet und einem die Ausmaße dieser einstmaligen Kathedrale der Montanindustrie bewußt werden. Bisher hat es noch jedes dort angebrachte Exponat geschafft den Besucher zu verzaubern. Zuletzt war es die Installation von Christo. Wir berichteten darüber in rantlos.

Die gigantische Lichtinstallation der Bremer Künstlergruppe URBANSCREEN reiht sich nahtlos in die Reihe dieser Höhepunkte ein. Der Titel der Installation lautet: 320° Licht.Wieso 320 und nicht 360? – Die Differenz, also die 40 Grad, die zum totalen Surround-Gefühl fehlen, das sind genau die Treppenstufen des amphitheatralischen Zuschauerraums mit Aussicht auf 20.000 Quadratmeter Projektionsfläche. Das sind vier Fußballfelder, die im abgedunkelten Ausstellung "Der sch ne Schein"Kreisrund des Gasometers zunächst ein schwarzes Nichts sind. Der Betrachter erlebt ein Wechselspiel zwischen realem und virtuellem Raum, bei dem sich der Raum in seine eigenen, filigranen Strukturen aufzulösen scheint und schließlich doch immer wieder zu seiner klaren Form zurückfindet. Licht als solches, das ist die Strategie: Zwanzig Minuten dauert die Projektionsschleife. Man sieht, motivisch simpel, wie aus weißen Lichtpunkten Linien werden, dann Flächen. Und wieder Punkte. Alles weiß, bis grau. Man sieht vor allem auch: den Gasometer selber. Durch und durch auf diesen Raum bezogen akzentuiert „320 Grad“ die Zwiebelringe, die sich in der Architektur übereinanderschichten, hundert Meter hinauf bis zur industriekathedralen Kuppel. Raum und Licht, puristisch und elementar betrachtet.

Wer ist URBANSCREEN?

Urbanscreen ist ein Zehnmannteam aus Bremen: Bühnenbildner, Informatiker sowie der Kulturmanager und Musiker Thorsten Bauer. Für „320 Grad“ wurden 21 Hochleistungsbeamer zu einem Gesamtbild zusammengeschaltet, das erst einmal auf den runden Raum hin programmiert werden musste. Die Künstlerguppe nennt dies „Lumentektur“ – ein Begriff der auf ebenso einfache, wie poetische Weise widerspiegelt, worum es sich dabei handelt: Ein durch Licht (LUMIneszenz) verwandeltes Stück ArchiTEKTUR. Natürlich war es nicht einfach, die düsteren Wände des Gasometers in ein Kunstwerk aus Licht zu verwandeln; dazu benötigte es – außer der Kreativität der Künstler – jede Menge Know-how und zudem modernste Technik. International bekannt wurde Urbanscreen mit einer ähnlich komplexen Illumination der bekannt zackigen Silhouette des Opernhauses im australischen Sydney.

Thorsten Bauer: „Wir sehen ja nicht einfach so. Wir brauchen Licht zum Sehen. Licht konstruiert immer Raum, ist aber auch immer das Medium, welches wir nicht selbst sehen, sondern nur den Gegenstand, der es reflektiert. Die Lichtprojektion war schon immer ein mystisches Medium. Und gerade für uns halt, im digitalen Zeitalter repräsentiert es ganz stark diese Oberfläche zwischen realem und virtuellem Raum: Es ist ja nichts, was da real erscheint. Es sind Lichtquanten in der Materie.“
Und so passt diese beeindruckende Installation perfekt zu der sehr sehenswerten Ausstellung „Der schöne Schein“.

Ursa Kaumans

Noch ein paar praktische Hinweise:

Im Gasometer ist es immer recht kühl. Deshalb sollte der Besucher wärmere Kleidung mitnehmen. Um die Lichtinstallation ohne Nackenschmerzen genießen zu können, ist es gut, sich eines der Liegekissen (leider nicht so zahlreich!) zu ergattern.

Sehr gut und hilfreich sind der Audioguide und zum Nachlesen der ausgezeichnet gestaltete Katalog (ca. 20 €)
Adresse für den Navi:
Gasometer
Arenastr. 11
46047 Oberhausen
Bis 30. Dezember dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen 10 – 18 Uhr, letzter Einlass 17:30 Uhr
Montags geschlossen, in den NRW-Ferien an allen Wochentagen
Eintritt: Erwachsene 9 €, ermäßigt (Senioren) 6 €

 

URBANSCREEN im Gasometer:

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    Der 78jährige Künstler Christo hat erneut eine packende Installation geschaffen. Wieder ist es trotz ungeheurer Ausmaße eine zarte und fast zerbrechlich wirkende Schöpfung. Auf seltsame Weise erscheint sie flüchtig. Dennoch: Sie ist eine der größten Skulpturen der Weltkunst. Zu sehen und zu bestaunen im Gasometer in Oberhausen.
    Tags: christo, gasometer, installation, für, war, oberhausen, hat, menschen


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