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Der Mythos Richard Löwenherz

Legenden und Wahrheit um den vielleicht berühmtesten Ritter des Mittelalters in Speyer 

Von Gisbert Kuhn

Richard Löwenherz

Wenn die Frage nach den berühmtesten Figuren des Mittelalters gestellt wird, ist (neben Karl dem Großen, Friedrich Barbarossa, dem Minnesänger Walther von der Vogelweide und der gelehrten Nonne Hildegard von Bingen) mit Sicherheit ein Name immer dabei: Richard Löwenherz. Die Gestalt dieses Königs von England steht gleichsam verklärt für alles, was mit der Vorstellung von einem idealen Ritter verknüpft ist – Tatkraft und Mut, Großherzigkeit und Edelsinn. Zeitgenössische Berichte und die moderne Geschichtsforschung zeichnen freilich ein sehr viel differenzierteres Bild. Es ist das eines Mannes, der zwar tatsächlich Entschlusskraft und Courage besaß, aber auch vor Grausamkeiten nicht zurückschreckte. Gleichzeit hatte Richard ganz offensichtlich ein ausgeprägtes Talent für das, was man heute als „Öffentlichkeitsarbeit“ bezeichnet. Denn schon in jungen Jahren arbeitete er erfolgreich an seiner Glorifizierung, indem er sich mit zahlreichen Troubadouren umgab, die nicht müde wurden, seine ritterlichen Tugenden und den heldenhaften Kampfesmut zu besingen.

Ein besonders lebendiges Museum

Diese vielschichtige und wohl auch deshalb sogar 800 Jahre nach ihrem Tod noch unverändert faszinierende mittelalterliche Herrschergestalt in unsere Zeit zu holen, hat sich das Historische Museum der Pfalz in Speyer zur Aufgabe gemacht. Dieser Kulturtempel in der Nachbarschaft des mächtigen Doms der alten Kaiserstadt zählt nicht zu den größten in Deutschland und bedauerlicherweise wohl auch nicht zu den bekanntesten. Bei Kennern allerdings leuchten bei der Erwähnung die Augen auf. Mit großer Sachkunde und nahezu ungebremster Fantasie lassen sich die dortigen Ausstellungs-Macher immer wieder packende Themen einfallen, die sie dann in einer Weise umsetzen, die Geschichte und Geschichten für Jedermann be“greifbar“ macht, ohne dabei den inhaltlichen „Tiefgang“ aus den Augen zu verlieren. Ein Beispiel dafür war die Schau zum „Untergang der Titanic“ vor drei Jahren.

Blick auf das Historische Museum

Nun also der berühmte Richard Löwenherz. Erstmals überhaupt stellt eine große Ausstellung das Leben dieses legendären Monarchen in den Fokus. Schon das ist erstaunlich genug. Immerhin widmeten sich ihm 80 Kinofilme und 20 Fernsehproduktionen. Ganz zu schweigen von den ungezählten Comics und Romanen. Unvergessen sind zum Beispiel der 1938 gedrehte Streifen mit Errol Flynn als Robin Hood und Ian Hunter als Richard oder die Neuauflage von 1991 mit Sean Connery (Löwenherz) und Kevin Kostner (Robin Hood). Mit der historischen Wahrheit hatten all diese Bilder und die Literatur freilich nichts zu tun. So erwies sich im Lauf der Jahrhunderte als besonderer, das Image fördernder, Gag die Verknüpfung der Sage um Robin Hood, dem Rächer der Armen, mit der des auf der Rückkehr vom Dritten Kreuzzug gekidnappten „Löwenherz“. Tatsächlich geschah dies aber erst im 15.Jahrhundert.

Die Legende um den Sänger Blondel

Ähnlich verhält es sich mit der zu Herzen gehenden Geschichte um den Sänger Blondel, der angeblich rastlos von Burg zu Burg zog – in der Hoffnung, den Aufenthaltsort seines um viel Lösegeld willen gefangen gehaltenen Königs herauszufinden. Vor jeder Festung stimmte er ein Lied an, das er einst gemeinsam mit seinem Herrn verfasst hatte. So kam er eines Tages auch (und hier streiten sich die Gelehrten, ob es nicht die Feste Dürrnstein in der Wachau gewesen sei) auch zu der mächtigen Anlage Trifels in der Südpfalz. Er schlich sich zum Verlies und stimmte das Lied an, das außer ihm nur Richard kannte. Und als von jenseits der Mauer eine zweite Stimme mitsang, wusste Blondel, dass er seinen König gefunden hatte. Da er vorsorglich reichlich Bares mitgebracht hatte, konnte er bald mit dem freigekauften Regenten zurück nach England reisen.

Ritteraquamanile, Bronze, gegossen und ziseliert, 13. Jahrhundert. Kopenhagen, Foto: © The National Museum of Denmark.

Wahrhaftig – eine schöne Story. Bloß (abgesehen von der Tatsache, dass Richard Löwenherz tatsächlich 1193 einige Monate als Gefangener auf dem Trifels verbrachte) hat sie mit dem tatsächlichen Geschehen überhaupt nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine mittelenglische Romanze, entstanden um 1260. Also erst sechs Jahrzehnte nach des Königs Tod. Außerdem hätte damals niemand den Monarchen suchen müssen. Seine Gefangenschaft und sein jeweiliger Aufenthaltsort waren schließlich kein Geheimnis, im Gegenteil. „Löwenherz“ war auch in der Haft von einem kleinen Hofstaat umgeben, ging aus der Ferne – soweit dies möglich war – seinen Amtsgeschäften in England und Frankreich nach und lebte vermutlich einigermaßen komfortabel. Allerdings gibt es Berichte, nach denen die Haftbedingungen verschärft wurden, wenn Besucher von jenseits des Kanals nachdrücklich davon überzeugt werden sollten, das unerhört hohe Lösegeld von 100 000 Mark in Silber endlich aufzubringen.     

23 Tonnen Silber

100 000 Mark in Silber! Das waren, umgerechnet, mehr als 23 Tonnen reines Silber! Was wiederum drei königlichen Jahreseinkommen entsprach! Auch wenn später dem als Geisel genommenen Monarchen große Teile der Summe erlassen wurden, musste daheim dennoch vor allem das gemeine Volk bluten, dem zusätzliche Steuern und Abgaben abgepresst wurden. Aber auch Klöster und Kirchen wurden – durchaus ungewöhnlich für die damalige Zeit – zur Kasse gebeten. Das ist bis heute erkennbar: In englischen Gotteshäusern sind kaum silberne Preziosen zu finden, die aus der Zeit vor dem 13. Jahrhundert stammen. Am 4. Februar 1194 endlich konnte Königinmutter Eleonore ihren Sohn in Worms wieder in die Arme schließen.

Magna Carta von 1217 Foto: Bodleian Libraries, University of Oxford

Im Speyerer Pfalz-Museum sind knapp 200 Exponate aus sieben europäischen Ländern zu sehen – Prachtstücke aus Museen und Bibliotheken in Deutschland, Österreich, England, Frankreich, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz. Darunter kostbarste Handschriften, Reliquiare, beeindruckende Skulpturen und Waffen. So gehören zu den besonderen Schätzen eine frühe Ausgabe der Magna Charta (der praktisch bis heute noch geltenden englischen Verfassung), das vergoldete und mit Edelsteinen besetzte Kreuz Heinrichs des Löwen, historische Abgüsse der Grabmäler von Richard Löwenherz, seiner Mutter Eleonore von Aquitanien sowie Heinrich II. aus der Abtei Fontevraud (heute Departement Maine-et-Loire). Und, nicht zuletzt, eine Schatulle, nicht größer als ein Ziegelstein. Es ist das 1838 bei Grabungen in der Kathedrale von Rouen entdeckte Behältnis, in dem einst das „Löwenherz“ aufbewahrt worden war.

 „König, Ritter, Gefangener“

 Die Speyerer Schau trägt den Untertitel „König – Ritter – Gefangener“. Im Mittelpunkt steht Richards Lebensgeschichte – seine Herkunft, sein Aufstieg und sein tiefer Fall auf dem Höhepunkt seiner Macht beim Schauprozess, den der deutsche Kaiser Heinrich VI. gegen ihn am 23. März 1193 anstrengte und als Folge dessen er in Geiselhaft genommen wurde. Solche Art Kidnapping war in jenen Jahren keineswegs ungewöhnlich. Schon gar nicht, wenn es ein hohes Lösegeld versprach oder – wie im Fall des Löwenherz und des österreichischen Herzogs Leopold – gar mit persönlichen Affronts verbunden war. So gesehen konnte Richard eigentlich von seiner Festnahme gar nicht überrascht sein, und war es wohl auch nicht.

Panzerhemd aus dem 12./13. Jahrhundert © Oberösterreichisches Landesmuseum

Vermutlich hätte er ja umgekehrt genauso gehandelt. Denn das wissenschaftliche, von Mythen, Legenden und Sagen befreite Bild des königlichen Strahlemanns trägt durchaus hässliche Flecken. Nicht nur galt er in frühen Zeiten eigentlich als „schlechter König“. Als jemand, dem das Wohlergehen seines Volkes ganz und gar nicht sonderlich am Herzen lag. „Man muss ihn schon ein bisschen vom Sockel stoßen“, meint deshalb auch der Heidelberger Mittelalter-Experte Bernd Schneidmüller, der den Ausstellungsmachern in Speyer während ihrer vier Jahre dauernden Vorarbeiten als Berater zur Seite stand. Hatte Richard sich doch auf dem Kreuzzug ins Heilige Land als besonders gnadenloser Geiselnehmer entpuppt. Nach der Einnahme von Akko nahm er etwa 2 600 Menschen gefangen, um von Sultan Saladin ein Lösegeld zu erpressen. Als ein Ultimatum verstrich, ließ Löwenherz die Leute abschlachten. Darunter viele Kinder. „So wie es sich ziemt“, notierte er in einem Brief an den Abt von Clairvaux. Schon auf dem Weg in den Heiligen Krieg wurde geplündert, gemordet und vergewaltigt. Laut dem Historiker Schneidmüller lassen Chroniken vermuten, dass der König auch vor der Schändung adeliger Frauen nicht zurückschreckte; es gebe Hinweise darauf, dass er durchaus Gefallen daran gefunden hatte.

 Der Ruf nahm dennoch keinen Schaden     

Dennoch konnten diese Untaten dem tadellosen Ruf Richard Löwenherz´ nicht schaden. Seine Troubadoure  besangen die Mär, der Monarch sei Nachfolger des Sagenkönigs Artus und führe sogar dessen Wunderschwert Excalibur. Zu seiner Lobpreisung wurde munter drauflos gelogen und dick aufgetragen. Vielleicht liege das, vermutet Schneidmüller, daran, dass das Volk einfach Helden liebe. Möglicherweise aber auch an seinem frühen Tod. Als der König am 6. April 1199, nach nur zehn Regierungsjahren,  an den Folgen eines Armbrustschusses starb, war er nur 41 Jahre alt. Nach wie vor gilt in den Verherrlichungen der Ruhm dem „König von England“. Tatsächlich aber sprach er nur lückenhaft englisch verbrachte er insgesamt lediglich sechs Monate auf der Insel. Klar, das Imperium des Löwenherz war riesig und schloss vor allem große Teile des heutigen Frankreich ein; England war nur der kleinere Teil des „Angevinischen Reichs“, das damals von der Grenze zu Schottland bis an die  Pyrenäen reichte.

Abgüsse der Grabplatten Richards I. Löwenherz und Eleonores von Aquitanien, seiner Mutter, aus dem Jahr 1912. Bildnachweis: Cité de l’architecture et du patrimoine, musée des monuments français, Paris,

Da der untadelige Ruf des sagenhaften Richard Löwenherz trotz aller nachweisbaren Fehler und Sünden des Königs bis in die heutigen Tage weitgehend fleckenlos geblieben ist, bleibt zu vermuten, dass sich daran auch in Zukunft kaum etwas ändern wird. Macht nichts. Dem Speyerer Pfalz-Museum ist es auf jeden Fall gelungen, Mythos, Sagen und Wirklichkeit um diese berühmte Gestalt des Mittelalters voneinander zu trennen und spannend aufzubereiten. Für Freunde des Mittelalters daher eigentlich ein Pflichtbesuch.

 

 

Informationen

Historisches Museum der Pfalz Speyer

Domplatz 4

67346 Speyer

Tel: 06232 13250

mail: info@museum.speyer.de

Öffnungszeiten:

Di – So 10 – 18 h

Sonderöffnungzeiten:

Heiligabend 10 – 14 h

Silvester 10 – 16 h

An Feiertagen, Rosenmontag sowie in den rheinland-pfälzischen, hessischen und baden-württembergischen Schulferien auch montags von 10 – 18 h geöffnet.

Eintrittspreise:

Erwachsene 14,50 €

Generationenkarte 39,00 € (2 Erwachsene mit 2 Kindern, jedes weitere Kind € 4,50 zusätzlich) 

Gruppenführungen:

Dauer 60 Minuten (Gruppengröße max. 25 Pers.)

80,00 € Di – Fr

90,00 € Sa/So/feiertags

 




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