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Jogging-Point

Aus dem Odenwald Süßes für die Welt

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Das Weltmeister-Cafe in Michelstadt

Das Haus in Michelstadt, Braunstraße 17, ist – keine Frage – hübsch anzusehen. Das Fachwerk fein herausgeputzt, farblich harmonisch abgestimmt. Aber das sind viele Gebäude im Zentrum des pittoresken 12 000-Einwohnerstädtchens im Herzen des Odenwalds rund um das berühmte, jährlich hunderttausendfach fotografierte Alte Rathaus aus dem Jahre 1484. Auch die Tatsache, dass die Mauern ein Café umschließen, ist nicht ungewöhnlich für einen Ort, in dem sich während des Sommers und um die Weihnachtszeit Touristen aus nah und fern drängeln. Neugierig hingegen machen zwei Dinge – ein sogenannter Straßen-„Reiter“ am Eingang zum umzäunten Freiluftbereich vor der Fassade und ein metallenes Schild über der Haustür. „Frühstücken beim Weltmeister“ steht mit Kreide geschrieben auf der Stellwand, „Weltmeistercafé Siefert, 1793“ auf der Tafel weiter oben.

Längst kein Geheimtipp mehr

Natürlich ist diese Hausnummer längst kein Geheimtipp mehr. Spätestens 1997, mit dem Gewinn des Weltmeisterschaftstitels beim alle zwei Jahre ausgeschriebenen Wettbewerb der Internationalen Konditoren-Vereinigung, ging der Stern des damals gerade mal 30 Jahre alten Bernd Siefert auf. Der Concours muss gigantisch gewesen sein. Gefordert waren der Bau einer Riesen-Eisbombe, die Kreation von unterschiedlichen Pralinensorten und petit fours, eine gewaltige, mehrstöckige Torte, eine Schokoladenskulptur sowie ein ausgefallenes, ebenso mächtiges Eiscreme-Kunstwerk. Dem Championat folgte eine Zuckerbäcker-Karriere, die ihresgleichen sucht – national wie jenseits der Grenzen. Heute, mit 47 Jahren, kann der nahezu JPG_1492 KopieZwei-Meter-Mann unwidersprochen von sich behaupten, der am höchsten dekorierte Tortenbäcker, -erfinder und –„konstrukteur“ sowie einer der gefeiertsten Pralinen-Dreher der Republik zu sein.
Wer Süßes liebt, dem gehen beim Betreten des Ladens (und nun mag sich jeder selbst aussuchen, welches Sprachbild ihm mehr zusagt) die Augen über, bzw. es läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Da drängt sich eine bombastische Schwarzwälder Kirschtorte in das Blickfeld. Dort erheischt ein erst jüngst in dieser Kombination „entwickelter „ Käsekuchen Aufmerksamkeit – mit Renecloden gespickt, oder auch Ringlotten, wie diese Edelpflaumen im Süddeutschen heißen. Weiter vorn locken ganz unterschiedliche Plätzchen (Siefert: „Ich kenne nichts ´Deutscheres´ im Backgewerbe als Plätzchen“), und hinten ist ein Apfelkuchen ebenso wenig zu übersehen wie die benachbart postierte Sachertorte. Daneben – ach was, genug der Aufzählung.

80 Sorten Pralinen und 130 verschiedene Marmeladen

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Zwischen 80 Sorten Pralinen kann man wählen

Denn längst hat sich der Kunde ohnehin den sorgsam drapierten Pralinen zugewandt. Man mag es glauben oder nicht, zwischen 70 und 80 Varianten umfasst das Sortiment. Der maitre weiß es selbst nicht genau. Vereinfacht gesagt, teilt er das Angebot in eine „klassische Linie“ und eine zweite ein, die eher von kulinarischer Experimentierfreude und schier grenzenloser Phantasie geprägt ist. Hier findet der neugierige Feinschmecker auch schon mal von Schokolade überzogene Kugeln mit Gorgonzola- oder Thymian-Füllung. Und noch ein Stück weiter links an der Wand biegen sich schier die Regale unter der Menge der Konfitüren. An die 130 verschiedene Marmeladen werden hier angeboten – allesamt Kreationen von Sieferts Schwester Alice („Das ist Lady Marmelades Steckenpferd“).
Bernd Siefert hat sich nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1997 als „Aktiver“ aus den Wettbewerben zurückgezogen. Aber natürlich nicht aus dem Berufsleben. Im Gegenteil! Wo soll man bei einem „workaholic“ wie diesem mit der Aufzählung all dessen beginnen, was er und was ihn bewegt? Da steht zuvorderst das „Coachen“. Das bedeutet zum Beispiel: Wenn die deutsche Konditoren-Nationalmannschaft ihr Können mit internationaler Konkurrenz misst, dann wird sie von Siefert „trainiert“. Daneben führt er regelmäßig besonders talentierte Nachwuchskräfte zum Gewinn des Titels „Konditor (auch Konditorin) des Jahres“. 2003, beispielsweise, war es eine Siegerin; sie hieß Isabel Over. Freilich hatte der „Meister“ sie schon 1997 bei seinem großen Erfolg kennengelernt. Mittlerweile lautet ihr Nachname ebenfalls Siefert; sie ist seine Ehefrau und Mutter der drei Söhne. Und, na klar, auch sie arbeitet im weltmeisterschaftlichen Unternehmen mit.

In Japan ein Superstar

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Bernd Siefert

Eigentlich hatte Bernd Siefert Künstler oder Pilot werden wollen. Stattdessen trat er als Lehrling im väterlichen Café ein. Heute (nach Lehr- und Wanderjahren in Zürich, Paris und London) und mit all den internationalen Erfolgen im Rücken, sagt er: „Künstler bin ich geworden, schauen Sie sich nur meine Kreationen an. Und außerdem besitze ich die Vielfliegerkarte der Lufthansa. So gesehen, haben sich doch meine Kindheitsträume erfüllt.“ Tatsächlich ist der Zuckerbäcker-Champion von 1997 („Der Titel bleibt einem sein Leben lang“) seit Jahren schon ein viel gefragter Mann in der Welt. Denn die Welt möchte an seinem Wissen und Können teilhaben – in Argentinien wie in Australien, in Japan wie in China, in Amerika wie in Russland, ja selbst in kulinarischen Spitzenländern wie der Schweiz oder Österreich. In Japan ist er sogar ein wahrer Superstar wegen seiner Schokoladen-Spezialitäten. „Die Japaner“, sagt er, „sind ganz verrückt nach Schokolade – besonders am und um den Valentinstag. Da schenkt man sich Schokolade, Schokolade, Schokolade…“ Während er „in Deutschland vielleicht drei Autogramme pro Jahr schreibe, sind es in Japan rund 7 000 in drei Tagen“. Fast logisch daher, dass Michelstadt seit geraumer Zeit schon nicht nur wegen des schönen Alten Rathauses auf dem Reiseplan japanischer Touristen steht.
Keine Frage – Bernd Siefert ist mächtig stolz auf seinen Status und auf das von ihm Geleistete. Das soll jeder ruhig merken. Auch dass es ihn immer wieder richtig freut, wenn Gäste hereinkommen und sagen, man habe ihn „gestern Abend im Fernsehen gesehen“. Denn es ist ihm klar: „Ich bin nun mal die Galionsfigur im Haus“. Deshalb geben sich im Haus Braunstraße 17 ja auch TV-Teams buchstäblich die Klinke in die Hand, um den „Oudewäller Borsch“ (für nicht Südhessen: „Odenwälder Jungen“) abzulichten, der nicht wegen seiner Körpergröße in der Welt als „Großer“ gefeiert wird. Während unseres Treffens reicht ihm seine Mutter Karin den Telefonhörer: „Hier ist Singapore Airlines, die wollen Dich sprechen“. Normal – schließlich bereitet die 28-köpfige Belegschaft des „Cafés Siefert“ die Desserts für die First Class des asiatischen Carriers zu. Wenn man so weit und zu derart vielen unterschiedlichen Anlässen in der Welt umher kommt, bleiben dann überhaupt noch irgendwelche, außergewöhnlichen Erlebnisse in Erinnerung? „Na klar“, schmunzelt Siefert. Da habe er einmal im Auftrag des Robinson-Clubs an der türkischen Ägäisküste ein „Schokoladenpainting“ gemacht. „Die schöne Dame aus dem Club sah wirklich zum Anbeißen aus – wie eine glänzende Skulptur aus braunem Marmor“. Allerdings, bevor sie dahin schmelzen habe können, „musste sie unter die Dusche“.

Promis rauf und runter

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Berndt Siefert mit seinen Pralinen

Noch weitere Referenzen? Mehr als Namen sagen die Urkunden, Pokale und Wettbewerbs-Preise, vor allem aber die Fotos an den Wänden im schmalen Durchgang zwischen Gastraum und Backstube aus. Da tummelt sich Prominenz geradezu rauf und runter – politische von Angela Merkel bis Franz Müntefering, aus dem Showbizz ganz vorn Robbie Williams. Doch wirklich eindrucksvoll sind die Fotografien von einem ganz speziellen Hobby Bernd Sieferts. Nämlich von meisterhaften, konditorischen Nachbildungen berühmter Bauwerke. Der aus Zucker- und Backwerk entstandene Ozeanriese „Queen Elizabeth“ gehört dazu. Aber auch König Ludwigs Märchenschloss Neuschwanstein als Torte für 5 000 Personen. Zwei Wochen dauerte die Fertigstellung; Kostenpunkt: 15 000 Euro. Eigentlich schwer vorstellbar, dass es vor solchem Hintergrund Reklamationen geben könnte. Doch, doch, antwortet Zucker/Sahne/Kuchen-Künstler. Da sei erst jüngst eine ältere Dame gewesen, die habe ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte bestellt – um anschließend lauthals zu protestieren: Hören Sie mal, die schmeckt ja, wie Schwarzwälder Kirchtorte…“
Wenn Siefert nicht an einer neuen Kreation bastelt („Im Moment probiere ich gerade Veganer-Rezepte aus“), ist er in aller Regel auf Vortragsreise irgendwo in der Welt. In vier verschiedenen Sprachen hält der Ausnahme-Konditor Seminare vor höchst unterschiedlichen Zuhörern. Das kann heute ein interessierter Kreis im Berliner Hotel Adlon sein und morgen im Mittleren Westen der USA eine Gruppe von MacDonalds-Managern. Aber es kann genauso gut daheim im Odenwald eine Schar besonders begabter Lehrlinge der hessischen Bäcker- und Konditoren-Innung sein, die demnächst an einem Landesentscheid teilnehmen sollen und gerade in einem zweieinhalb Tage währenden Kurs dafür fit gemacht werden. Denn, erstaunlich genug, es gibt offenbar Nachwuchssorgen. „Konditor“, sagt jedenfalls Bernd Siefert, „ist in Deutschland ein aussterbender Beruf“. Das sei in den USA ganz anders, dort boome das Gewerbe.

Entspannung auf der Harley-Davidson

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Bernd mit seiner Harley

Mitunter erscheint einem der 47-Jährige wie ein Getriebener. „Es stimmt“, räumt er ein, „ich wollte schon immer ganz vorne sein und will das heute noch. Und mein Ehrgeiz ist es auch, etwas anderes zu sein und zu machen“. Umso mehr verwundert Sieferts Antwort auf die Frage, ob er denn nie daran gedacht habe, ganz in die weite Welt hinaus zu gehen und etwa in einem Superluxus-Hotel in Asien oder einem arabischen Emirat mit seinen Begabungen ganz viel Geld zu machen. Keine Sekunde habe er an einen solchen Gedanken verschwendet. „Ich liebe den Odenwald, diese Stadt, diese Landschaft, diese Hügel und Täler – das ist meine Heimat“. Und dort kann er, nach eigenem Bekunden, auch am besten entspannen. Zum Beispiel auf seinem Motorrad. Allerdings – logisch – muss auch das etwas Besonderes sein. Unter einer Harley-Davidson geht da gar nichts.
Gisbert Kuhn

 

Info

Kontaktadresse:
Café Astrid und Bernd Siefert
Braunstraße 17
64720 Michelstadt
Tel.: 06061 3068
e-mail: kontakt@cafesiefert.de
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Darmstadt und Heidelberg je ca. 50 Km.

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