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Araber, Russen – und Blondinen

Die neue Ausstellung „Targets“, Fotografien von Herlinde Koelbl, im Deutschen Historischen Museum Berlin

Das erste Pappmodelltarget212

Ihr erstes Foto zu dem Thema „Targets“ entstand vor 30 Jahren, mitten im Kalten Krieg. Es zeigt eine zerlöcherte deutsche Zielscheibe in einem Acker. Das Motiv hat die Fotografin einfach nicht losgelassen. Sie war fasziniert von der aufgehenden Sonne, die im kalten Winter durch die Schusslöcher schien. Diese Szene hatte für sie einerseits eine eigentümliche Schönheit und war zugleich Symbol für Schrecken, Gewalt und Tod. Weil ihr die Militärwelt sehr fremd war, beschloss sie vor sechs Jahren, dem nachzugehen. Sie wollte wissen, wie die Schießziele aussehen, auf die Soldaten in der ganzen Welt konditioniert werden und wie der Feind aussieht. Ist er abstrakt, hat er ein Gesicht? Weil Herlinde Koelbl zeigen wollte, dass jeder ein anderes Feindbild hat, fotografierte sie weltweit.

Als sie bei den Militärs der verschiedenen Länder anfragte, ob sie ihre Pappkameraden fotografieren dürfte, reagierten diese verwundert darauf, dass jemand nur Schießziele fotografieren wollte – keine Action, keine martialischen Soldaten, nicht die Panzer, nicht das Waffenarsenal.

Die Fotografien, die in einem Zeitraum von sechs Jahren in über 25 Ländern entstanden, sind jetzt erstmals im Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg 2014 im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen. Für ihr Projekt besuchte Herlinde Koelbl Truppenübungsplätze u. a. in den USA, China, Russland, Afghanistan, Brasilien, Äthiopien, Norwegen oder der Mongolei. Entstanden sind Fotografien zerfetzter menschlicher Silhouetten aus Pappe, von Schüssen durchlöcherter Plastikpuppen oder von Patronen durchsiebter Metallplatten. Sie zeigen gleichzeitig unterschiedliche Kriegstechniken und -topografien: In von Bühnenbildnern Hollywoods entworfenen Wüstenstädten trainieren amerikanische Soldaten den Häuserkampf, in surrealistischen Betonschluchten bereiten sich japanische Militärs auf Kriege an unbekannten Orten vor.

„Feindbilder“ aus dem Katalog

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Zielscheiben in Brasilien

Im Libanon fand sie heraus, dass eine spärlich bekleidete Frau mit tiefem Dekolleté und Waffe als Zielscheibe dient, in Frankreich eine Blondine mit Jeans. Die Erklärung dafür war simpel: Es gibt einen Katalog, aus dem man „Feindbilder“ bestellen kann, bedruckte Plakate, mit denen vor allem die Spezialeinheiten trainieren, weil sie gezielt bei Geiselnahmen eingesetzt werden und sich von nichts überraschen lassen dürfen – auch nicht von bewaffneten Frauen. In armen Ländern oder bei der PKK bestanden die Zielscheiben meist nur aus einem Papier, auf das mit Filzstift ein Kreis gemalt worden war. In der Westsahara schossen sie auf kleine Dosen. In Amerika gab es bis vor kurzem eine grüne Figur, Iwan genannt, mit dem roten Stern am Helm, mit dem die Soldaten noch bis vor einiger Zeit trainiert wurden. Jetzt sind manche der Figuren orientalisch gekleidet, mit arabischem Tuch.

In der Berliner Ausstellung sind besonders beeindruckende Porträts von Soldaten aus allen Ländern zu sehen. Herlinde Koelbl erfuhr auf einem der großen Schießplätze, dass dort mit dem Simulationssystem gearbeitet wird, d. h. der Soldat und die Waffe sind elektronisch vernetzt. Man sieht sofort, ob jemand verletzt ist. Die eigenen Kameraden agieren als Feind und sind somit lebende Ziele. Aus diesem Grund hat sie auch Soldaten aus allen Ländern porträtiert.

HerlindeKoelbl

Herlinde Koebl

Natürlich war es schwierig für sie, die Fotoerlaubnis zu bekommen, denn das Militär – eine geschlossene Gesellschaft – reagierte immer sehr misstrauisch. Die Genehmigungen zu bekommen, war daher für die Fotografin ein langwieriger Prozess, der über Diplomaten und Attachés lief. Allein auf das Okay für die Vereinigten Arabischen Emirate wartete sie vier Jahre, für Russland zwei, auch bis sie in China fotografieren durfte, dauerte es ewig. Aber sie blieb hartnäckig, wollte unbedingt alle Regionen der Welt erfassen, um einen Eindruck davon zu geben, wie der Stand der Dinge heute überall beim Militär ist.

Pappkühe bei der Bundeswehr

Bei der Bundeswehr fand sie heraus, dass sie immer noch das Modell nutzt, das Herlinde Koelbl in den Achtzigerjahren fotografierte und dazu Pappmodelle, die so ungelenk aussehen wie von Drittklässlern gebastelt. Kriegstraining des 21. Jahrhunderts?

Als sie diese Pappzielscheiben und Pappkühe sah, empfand sie das als surreal. Diese Schablonen werden heute noch von Handwerkern in der Werkstatt hergestellt, wo sie die Ziele nach Umrissen ausfräsen und dann gestalten. Das Ergebnis erinnerte die Fotografin eher an naive Malerei.

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Soldat der US-Army

Bei ihrem langjährigen Fotoprojekt gewann sie den Eindruck, dass der Krieg asymmetrisch geworden ist, denn häufig wird er in Städten und Dörfern ausgetragen. Deshalb gibt es in vielen Ländern Übungsplätze mit Häusern und Straßen. So wurde in den USA ein Dorf von Hollywood-Designern entworfen, ganz realistisch mit Moscheen samt goldener Kuppel, einem Metzger, in dessen Laden Lämmchen am Haken hängen, mit Gemüsehändlern und allem, was in einem moslemischen Dorf zu finden ist.

Die Absicht der Fotografin war zu zeigen, wie die Soldaten auf den Krieg vorbereitet werden. Ein Kommandeur sagte: Sie sollen nicht lernen zu schießen, sondern zu treffen, zu töten und zu überleben.

Die Fotografien und Porträts werden in der Ausstellung ergänzt von Video- und Soundinstallationen. Zitate aus Interviews geben einen sehr persönlichen Einblick in die Situation der Soldaten auf den Übungsschießplätzen der Welt. In letzter Konsequenz sind sie ja die Ziele in bewaffneten Konflikten. Herlinde Koelbl gelingt es mit ihren Fotografien ohne jegliche Effekthascherei die reale Grausamkeit von Tod und Krieg spürbar werden zu lassen.

Eine sehr sehenswerte und hochaktuelle Ausstellung, die unter die Haut geht.

Ursa Kaumans

Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2, 10117 Berlin (Mitte)
Preise: Ermäßigt: 4,00 €, normal: 8,00 €
Öffnungszeiten: Mo – So 10:00 -18:00
Bis 05.10.2014
Zu der Ausstellung gibt es auch ein Buch
Herlinde Koelbl: „Targets“, Prestel 2014, 240 Seiten, 49,95 Euro.

Die Fotografin

Herlinde Koelbl, 74, arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Fotografin und Dokumentarfilmerin und lebt heute in München. Geboren wurde sie in Lindau am Bodensee und nahm 1960 ein Modestudium in München auf. Erst 1976 kam sie als Autodidaktin zur Fotografie und arbeitete unter anderem für renommierte Zeitschriften und Zeitungen wie Stern, Die Zeit und New York Times. In der Fachwelt machte sie sich mit diversen Ausstellungen im In- und Ausland einen Namen.
Typisch für die Fotografin ist, dass sie an ihre Themen konzeptionell herangeht und diese mit ihrem ganz eigenen Blick realisiert. Dabei arbeitet sie bevorzugt und unabhängig an Projekten, die von unter einem bis zu mehreren Jahre dauern können, und beschäftigt sich dann sehr ausführlich nur mit der gewählten Thematik. Parallel zu ihren Büchern und Ausstellungen veröffentlicht sie häufig auch themengleiche Dokumentarfilme.

Erster großer Erfolg in der breiten Öffentlichkeit war der Bildband Das deutsche Wohnzimmer (1980). Es folgten weitere Bildbände wie Männer (1984) und Starke Frauen (1996), die sehr mutige und ehrliche Aktporträts enthalten – sowohl aus Sicht der Fotografin wie auch aus Sicht der Porträtierten. Sehr bemerkenswert ist Koelbls preisgekröntes Werk Jüdische Porträts (1989), dessen eindringliche Ergebnisse mit großem Erfolg auch im Jüdischen Museum Frankfurt, im Spertus Museum in Chicago und zahlreichen anderen Museen ausgestellt waren. Ihr Werk „Haare“ erschien 2007 parallel zur Ausstellung der Bilder in Hamburg.

Ihr bislang größtes Projekt ist eine Langzeitstudie, für die sie von 1991 bis 1998 jährlich 15 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft fotografierte und interviewte. Unter dem Titel: Spuren der Macht – Die Verwandlung des Menschen durch das Amt erschien 1999 ein Bildband, der u. a. die Veränderung von Joschka Fischer, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Arnold Vaatz, Frank Schirrmacher, Renate Schmidt, Monika Hohlmeier und Irmgard Schwaetzer darstellt, sowie ein Dokumentarfilm dazu, der auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde. 1999 wurde dieser Fernsehfilm mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Die gleichnamige Ausstellung war in Berlin (Deutsches Historisches Museum), in München (Haus der Kunst), in Bonn (Haus der Geschichte) und auf der Art Frankfurt 2002 zu sehen.

2003 drehte sie über Benjamin von Stuckrad-Barre den Dokumentarfilm Rausch und Ruhm, der dessen Weg durch den Drogenentzug zeigt.

mehr zu dem Thema:

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    Der durchlöcherte Pappkamerad als Kunstobjekt. Angepackt hat dieses ungewöhnliche Thema die bekannte Fotografin Herlinde Koelbl (74). In ihrem Langzeitprojekt analysiert sie durch die Fotolinse Feindbilder von Soldaten. 200 Fotos von Schießzielen aus 30 Ländern sind derzeit in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen. "Target" wirkt beklemmend.
    Tags: soldaten, herlinde, koelbl, für, ausstellung, war, fotografin, ländern, sehr, sehen


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