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Kein Fleckenwasser für Leoparden

Aide Rehbaum

portraitDr.phil., seit 2004 ist die Archäologin/Historikerin selbständige Autorin und Illustratorin u.a. von Firmenfestschriften, Auftragsbiografien und Romanbiografien. Langjährige Wissenschaftsjournalistin für die historische Wochenendbeilage der Gießener Allgemeinen. Spezielles Interesse an Themen im Schnittpunkt von Kulturen: Deutsche im Ausland insb. Afrika, Deutsche auf der Flucht, Ausländer in Deutschland, Migrantenschicksale.

Seit 2006 Dozentin für Kreatives Schreiben an der VHS Bonn, leitet private Schreibgruppen, coacht Doktorarbeiten bzw. Menschen, die ihre Lebensgeschichte selbst schreiben wollen. Redakteurin beim Senioren-Medienforum, Sendungen für den Bürgerfunk.

komplette Publikationsliste: http://www.kreativ-schreibstudio.de/pub.htm

 

 

Katrin Okumafi (Pseud.), Kein Fleckenwasser für Leoparden, 2009, 276ff

Anfang der Neunziger Jahre bricht der junge nigerianische Betriebswirt Okoro Osazuwa von Lagos mit einem Touristenvisum und der Hoffnung auf, im fremden Land ein Studium absolvieren zu können. Aus allen Wolken fällt er, als er erfährt, dass er mit diesem Visum nur Asyl beantragen kann.

Diese Romanbiografie aus dem Blickwinkel des Zugereisten hält unserer Kultur den Spiegel vor. Afrikanische Lebensfreude reibt sich an deutscher Skepsis und Distanz. Okoro begegnet Sonja, die sich als weltoffen und tolerant einschätzt und trotzdem immer wieder auf eigene Vorurteile stößt. Aus der Gegenüberstellung von Realität und Reflexion in Tagebuchnotizen ergibt sich das Spannungsfeld einer binationalen Beziehung, in der alle Register der behördlich erwünschten Integration gezogen werden. Er erlangt die deutsche Staatsangehörigkeit, aber erreicht er damit sein Ziel?

weitere Leseprobe und Hörbeispiel: http://www.integration2009.de/hoerfunk.htm (Klicken Sie auf das Lautsprechersymbol)

Am Tag nach der Wohltat weiß man, wer ein Herz hat

Die Arbeitsmisere ließ sich nicht lange verdrängen. Drei Einsätze in Firmen, die Plastikfensterrahmen beziehungsweise Werkzeuge herstellten, mit zwölf Stunden Arbeitszeit auch samstags folgten aufeinander. Die Arbeitssklaven der Zeitarbeitsfirma durften nicht in der Kantine mit den regulären Arbeitern essen, sie hatten ihr mitgebrachtes Frühstück in einem Bauwagen zu verzehren. Der letzte Arbeitgeber, zu dem er eine kurvenreiche Strecke durch ein Waldgebiet fahren musste, hatte glücklicherweise keinen Bedarf mehr, als Eis und Februarnebel die Straßen in eine Geisterbahn verwandelten.

Während draußen die Schwaden alles wie mit einem Weichzeichner umhüllten und die Wartehäuschen der Haltestelle nur zu ahnen waren, vernebelte sichcover Okoro drinnen in der Küche mit dem blauen Dunst seiner ersten Morgenzigarette, untermalt von satirischen Liedern aus dem Kassettenrekorder über die Missstände unter Abachas Regime. Aber auch die Vorstellung der vollen Banksafes in der Schweiz, in denen die unterschlagenen Millionen der Hilfsprogramme für Afrika auf ihre Befreiung warteten, holte ihn an diesem Tag nicht aus seinem Tief. Sicher, die Zustände in seiner Heimat waren noch schlechter als hier, aber das war nur ein schwacher Trost.

Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ dudelten los. Ach, das Handy schon wieder. Das konnte nur ein Landsmann sein.

„Hallo, alter Knabe“, meldete sich sein Freund Shola. „Wie geht’s?“

„Klasse.“ Nur Germanen gestanden die wahre Lage gleich bei der ersten Frage. Erst im Laufe des Gesprächs ließ er die Maus aus der Tüte.

„Musste ausgerechnet meine Firma schließen? Diese Tussi vom Arbeitsamt hat großartig getönt, es wäre jetzt an der Zeit, mal von den Hilfsarbeiten wegzukommen und mein Diplom in Betriebswirtschaft zu nutzen“, berichtete Okoro. „Natürlich hat sie keinen Praktikumsplatz gefunden. Welche Firma verpflichtet sich schon, den Praktikanten hinterher zu übernehmen? Nur dann zahlt das Arbeitsamt den Einstieg.“

Shola grummelte statt einer Antwort.

„Die stufen mich einfach als Arbeiter ein. Für Arbeitgeber zählt nur, was du die letzten vier Jahre gemacht hast. Wenn ein ausländischer Studienabschluss überhaupt berücksichtigt wird, dann höchstens nachteilig als überqualifiziert für alles andere!“ Er zog hastig an seiner Zigarette. „Manche Leute, die viel kürzer da leben als ich, haben ihren Platz gefunden und mich treibt es noch herum wie ein Blatt im Herbststurm.“

„Geh doch nach England“, schlug Shola vor. „Hab schon von einigen Leuten gehört, dass es da keine Probleme gibt.“

„Bestimmt wollen sie da auch nur junge Leute. Die sind ja verrückt in Europa, sogar im Kindergarten beschäftigen sie sich mit dem Alter der Eltern.“

Shola schnalzte geringschätzig mit der Zunge über das ungehörige Benehmen. „Ach, Kopf hoch! Afrikaner haben schon ganz anderes überstanden. Es wird auch wieder bergauf gehen. Geduld ist der Kopf der Reichen. Take care, Okoro.“

Das Gespräch hatte nur wieder die alte Bitterkeit in Okoro aufgerührt. Er war nutzlos, unerwünscht, zermürbt und benachteiligt. Selbst auf der Toilette schimpfte er laut vor sich hin. Drei Absagebriefe auf Initiativbewerbungen lagen wieder auf dem Küchentisch.

Der Festnetzanschluss klingelte im Nebenzimmer, elektrisiert sprang er hoch, klemmte sich im Reißverschluss der Hose, es hämmerte und knisterte im Kopf, nur keinen Tinnitus jetzt. Das musste einfach ein Arbeitgeber sein. Früh um zehn. Die ideale Zeit im Büro. Gleich würde sich die Chance seines Lebens eröffnen. Ein dünner Schweißfilm bildete sich auf den Innenflächen seiner Hände. Erwartungsvoll griff er nach dem Hörer, ohne Tablettendämpfung hätte sein Blutdruck eine Heißmangel antreiben können. So dynamisch wie möglich meldete er sich.

Sofort erkannte er die Stimme, obwohl sie sich wie üblich nur mit einem lahmen „Hello, ko. Meno. Ich bin’s!“ meldete.

Es war Grace, seine Nichte, die sich im vergangenen August in Bad Godesberg angesiedelt hatte.

„Iyemwen, Uncle, letzte Nacht habe ich kein Auge zugetan. Mir tut alles weh, besonders die Hüfte. Seit zwei Tagen habe ich nichts gegessen. Von dem Reis, den ich gekocht hatte, kam alles wieder hoch. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Was sind das für Schmerzen?, fragte sich Okoro ratlos. Die Schwangerschaft der jungen Frau war jetzt bis zum siebten Monat gediehen. Hatte sie etwas Schweres getragen oder sich den Magen verdorben? „Wo tut es dir weh?“

„Überall, aber besonders der untere Bauch.“

„Osalóboa. Kannst du mit dem Bus hierher kommen? Ich kann dich nicht abholen. Sonja ist mit dem Auto weg.“ Hoffentlich schaffte sie es bis Tannenbusch. Was konnte er schon tun?

„Ich werd’s versuchen.“ Sie klang hoffnungslos niedergeschlagen.

Mist noch mal, wen sollte er fragen? Was könnte das sein? Niemand, der jetzt erreichbar wäre, hatte Erfahrung mit Schwangerschaft. Grace war aber auch verrückt. Seine Nachbarin würde sich ganz schön wundern, wenn er sie um Hilfe angehen würde, was in Nigeria das am Nächsten liegende wäre. Das war ein reines Frauenthema. Grace war beispiellos unwissend, nicht nur was Körperzustände und biologische Sachverhalte anging. Halt, Mama Otasuwe in Neuss war zu Hause. Eine Nur-Hausfrau, in seinem Fall ein Segen.

„Hör mal, Sandra, was würdest du jemandem raten, der schwanger ist und Schmerzen hat?“

„Obowie, Brother.“ Mama Otasuwe stockte der Atem über seine Frage. „Doch nicht Sonja?“

„Nein, Grace.“

„Was sind das für Schmerzen? Sind die kontinuierlich oder wiederholen die sich in Abständen?“

Er gab die kärglichen Informationen weiter, aber danach hatte er vergessen zu fragen. War das wichtig?

„Das könnte eine Infektion sein, wie ich sie auch beim letzten Kind hatte. Der Arzt gab mir ein Medikament und alles kam ins Lot. Da kann man was machen. Geh am besten zu einem Frauenarzt mit ihr.“

Na, immerhin nicht die schlechteste Idee.

Okoro vertrieb sich die Zeit mit einem Tee. Er ertappte sich dabei, wie er auf einmal die Filmmelodie zu einem nigerianischen Video vor sich hin trällerte. Die dramatischen Höhepunkte waren mit Sprechgesang unterlegt gewesen: „Oooh, Ooooh, what a disaster …“ Als er auf dem Balkon rauchte, schälte sich plötzlich Grace‘ ausladende behäbige Gestalt aus den Feuchtigkeitsschwaden an der Straßenbahnhaltestelle. Sie wirkte auf ihn wie ein durch die Wellen stampfender Lastkahn, der mit letzter Kraft die Mole erreicht.

Er rief runter: „Na endlich, hast du’s geschafft? Komm rauf!“

„Iyeh-wo.“

Wo blieb sie so lang? Sie kam nicht hoch.

Er streckte schließlich den Kopf zur Korridortür hinaus. Da zog sie sich schnaufend Stufe um Stufe am Geländer treppauf. Aufstöhnend ließ sie sich in den Sessel fallen und schilderte wieder ihre Schmerzen. „Mir ist unterwegs schwindelig geworden. Da habe ich schnell ein paar Erdnüsse gegessen, weil ich dachte, es kommt vom leeren Magen. Aber es ist nicht besser geworden.“

Die Schmerzen traten alle zehn Minuten in Wellen auf.

Okoro rätselte, was das bedeutete. Solche Variante hatte er an sich noch nicht erlebt.

„Wir gehen zu dem Frauenarzt um die Ecke. Bist du denn regelmäßig zur Vorsorge gewesen?“

„Überhaupt nicht.“

Verflixt, in diesem Land war doch für alles gesorgt, diese Chance hatte sie nicht genutzt, wie kann man nur? Sie verhielt sich so, als wäre sie noch in Nigeria, ärgerte sich Okoro. Sie hatten sich doch unterhalten darüber. It’s of no use now crying over spilt milk. Das weggeflossene Wasser geht nicht zurück in die Flasche, sagen die Alten.

„Hast du dein Versicherungskärtchen mitgebracht?“

„Ich bin nicht versichert.“

Seine Haare waren drauf und dran, sich wegen derartig viel Unverstand zu entkräuseln. Aber er hätte damit rechnen müssen. Das werde ja immer besser, dachte er. Sie hatte ihm erzählt, dass sie vor einem Jahr in Holland eine Abtreibung hatte, nachdem ihr Freund sie geschlagen und sie beschlossen hatte ihn zu verlassen. Eine erstaunlich reife Entscheidung für jemanden, dem Vorausplanung fremd war. Ob sie hinterher doch schwere Schuldgefühle gehabt hatte, spekulierte Okoro.

Er hatte ihr Männerbild wieder geradegerückt. Sie wollte sich woanders neu niederlassen, da bot sich Bonn doch an. Sonja war das Arrangement als Möglichkeit verkauft worden, im Notfall eine Kinderbetreuung zu haben und Gott wusste, was es noch für Möglichkeiten eröffnet hatte. Er war überrascht vom schnellen Erfolg und erfüllt von der Kraft seiner Lenden. Die Leichtigkeit der Verschleierung deutete er als Zeichen des Himmels.

„Bist du schwanger?“, fragte Sonja mehr scherzhaft, als Grace nach ihrem Kurztrip nach Spanien tagelang Gläser voller Oliven leerte.

Die Antwort war so lapidar gekommen, erinnerte sich Okoro, dass Sonja erst dachte, sie kontere schlagfertig mit einem Witz.

Grace machte einen schicksalsergebenen Eindruck, man merkte weder Stolz noch die viel beschworene besondere Innerlichkeit schwangerer Frauen, kein Mona-Lisa-Lächeln oder ähnliches. Lethargisch und gottergeben sah sie ihrer Niederkunft entgegen. Kommt Zeit, kommt Rat. God will show me the way out-o.

Nun musste aber klarer Tisch gemacht werden: „Ich hab dir doch gesagt, wenn du illegal in Europa sein solltest und nach Bonn ziehen willst, dann stell Asylantrag. Hast du das nicht gemacht?“

Der Vater des Kindes habe in Spanien Schwierigkeiten mit der Polizei. Deshalb wolle sie damit warten, bis das Kind da sei, damit man sie nicht vorher abschieben könne, erklärte er Sonja auf ihre Frage. Oh, er hatte gute Antworten, sehr, sehr.

Okoro hatte wohl vermutet, dass sie illegal hier war. Da er auf solche Fragen meist nur leicht durchschaubare Lügen aufgetischt bekommen hatte, sprach er das Thema mit Landsleuten überhaupt nicht mehr an.

„Jetzt gehen wir einfach zu dem Frauenarzt um die Ecke. Der soll dich erst mal anschauen.“

Grace war alles egal, sie wollte bloß die Schmerzen loswerden.

„Okay, Uncle.“ Trotz aller Intimität traute sie sich nicht, ihn beim Vornamen zu nennen.

„Wie viel Geld hast du noch? Du weißt, ich bin zurzeit ohne Einsatz, da kann ich nicht viel aushelfen.“

„Dreißig Euro. Ob das reicht?“

„Wir werden sehen. Hoffentlich nimmt der Bargeld.“

Die Sprechstundenhilfe verlangte zuerst die Versicherungskarte und den Mutterpass.

„Sie ist nicht versichert. Aber wir haben dreißig Euro. Reicht das für eine Untersuchung?“

Der Arzt stimmte zu.

Durch den Warteraum schwebte kaum merkbar der Geruch nach Tannenharz von einem der Duftbäumchen, die Zigarettenrauch neutralisieren sollten. Okoro unterdrückte den Wunsch nach einer Entspannungszigarette und schob sich stattdessen einen Kaugummi zwischen die Zähne.

„Der Muttermund ist schon halb geöffnet“, erklärte der Doktor nach der Ultraschalluntersuchung. „Es ist jederzeit damit zu rechnen, dass die Fruchtblase platzt. Dann wären Mutter und Kind in Gefahr, denn das Kind liegt noch quer. So schnell wie möglich in die Klinik“, war sein Rat.

Der Arzt sah anscheinend die Dollarzeichen in ihren Augen. „Denken Sie jetzt nicht ans Geld. Wenn den beiden etwas passiert, dann wird die Staatsanwaltschaft einen Schuldigen suchen. Am besten fahren Sie sofort in die Uniklinik auf den Venusberg.“

Okoro mietete mit dem letzten Geld ein Auto. Seine Gedanken überschlugen sich: Sollte er nicht doch erst auf der Autobahn nach Köln fahren und schnell noch Asyl beantragen? Dann wäre sie versichert. Nein, wenn unterwegs ein Stau war, konnte alles zu spät sein.

Auch im Bonner Talweg ging es quälend langsam vorwärts. Alle fünf Minuten jammerte inzwischen die Schwangere. Am Pförtnerhaus der Uniklinik signalisierte Okoro den Notfall und wurde gleich durchgewinkt.

„Das geht ja wie geschmiert“, murmelte er erleichtert. „Da wären wir schon mal.“

Die Schwestern fragten gar nicht lange herum, sondern krempelten augenblicklich die Ärmel hoch, als sie Grace durch die Schwingtür der Station schwanken sahen. Im Nu war sie auf eine fahrbare Liege bugsiert und wurde von einem Ärzteteam umringt, das die Möglichkeiten diskutierte. Die weißen Kittel allein wirkten schon Vertrauen erweckend und beruhigend an sich – zumindest auf Okoro.

„Eventuell könnten wir ein Mittel zum Wehenstopp spritzen“, schlug einer vor.

„Nach meinem Dafürhalten zu spät, schauen Sie hier, Herr Kollege. Wie soll sich der Muttermund wieder schließen? Der ist schon zu weit geöffnet.“

„Das Kind ist soweit okay“, meinte ein anderer, „die Herztöne sind kräftig.“

„Wir machen einen Kaiserschnitt“, bestimmte der Chefarzt. „Frau Sauer, bitte bereiten Sie die Patientin vor.“

Grace lag mit schreckgeweiteten Augen da. Sie war kaum in der Lage, die Einverständniserklärung zu unterschreiben.

„Du hast keine Ahnung, wie viel Schwein du hast“, versuchte Okoro ihr klar zu machen. „Weißt du, wie das daheim ablaufen würde? Hey, dort würden die erst etwas unternehmen, wenn du eine Anzahlung von 1000 Euro gemacht hast, ansonsten ist denen der Patient egal. Die würden eine Schwangere in deiner Lage direkt vor die Tür setzen.“

Grace hatte sichtlich Schwierigkeiten ihr Glück zu fassen, vielmehr schlotterte sie vor Angst.

Hinter dem grünen Tuch, das den Oberkörper der Patientin vom Operationsgebiet trennte, übersetzte Okoro für die örtlich betäubte Nichte, was die schnippelnden Ärzte jenseits der Barriere erklärten, und drückte ihre Hand.

Es roch scharf nach Desinfektionsmitteln, Schweiß und Blut, schauderte er. Gottlob war nichts davon zu sehen. Sonst hätte er für nichts garantieren können. Nur diesen metallisch salzigen Geschmack im Mund kannte er schon als Kind, wenn er jemanden bluten sah.

Die Hebamme erwartete das Baby mit einem großen Tuch, in dem es sofort verschwand. „Ein Mädchen. 1080 Gramm schwer. Herzlichen Glückwunsch.“

Die frisch gebackene Mutter reagierte unerwartet: „Auch das noch. Hätte wenigstens ein Junge sein können. Nur Mädchen in unserer Familie.“

Na, das war doch die geringste Sorge, dachte Okoro schwer ausatmend und froh, dass er das Schlimmste überstanden hatte. Das hätte er doch prima geregelt. Wenigstens etwas Sinnvolles geleistet heute.

Die Kleine landete sofort im Brutkasten. In der Atmosphäre gelassener Professionalität auf der Station hörte man keinen lauten Kommandoton. Alle Handgriffe spielten reibungslos ineinander. Aber natürlich war der Moment unvermeidlich, in dem auch diese Ärzte nach der Krankenkasse und den Personendaten fragten. Klar.

Dann kam die Frage, für die er schon gewappnet war: „Sie sind nicht der Vater? Wer sind Sie?“

„Die Kontaktperson. Wir haben uns nur als Landsleute getroffen und weil sie niemand anderen kannte, kam sie zu mir.“

Jetzt hieß es vorsichtig taktieren. Jemand, der keine Probleme will, wird seine Yams mit einer Schnur umwickeln, wenn er sie mit anderen im selben Topf kocht. Wenn er zugäbe, dass sie seine Verwandte war, käme er womöglich noch in Verdacht, sie eingeschleust zu haben. Würden sie ihm unter Umständen die Kosten aufhalsen?

„Können wir Sie registrieren als solchen?“, fragte die beflissene Oberschwester. „Wir müssen jetzt die Formalitäten erledigen. Das ist nicht der erste Fall einer Mutter ohne Versicherung. Hat sie eine Aufenthaltsgenehmigung?“

Das Personal blieb freundlich, obwohl sie nichts von alledem vorweisen konnte. Überraschend. Keine vorwurfsvollen Hinweise auf Dokumente, Paragraphen oder Vorschriften wie sonst überall. Wahnsinn, dass die hilfsbereiten Ärzte und Schwestern sich in keiner Weise anmerken ließen, wie sie über dieses besonders arme Würstchen urteilten. Okoros Vorstellung von deutschen Institutionen kam ins Wanken. Sollte es doch auch in Europa Menschlichkeit geben?

„Das Mädchen hat gute Überlebenschancen“, erklärten die Ärzte. „Sie braucht kaum Sauerstoff. Sie wird drei Monate in der Klinik bleiben müssen, bis die normale Tragezeit zu Ende wäre und das übliche Geburtsgewicht erreicht ist. Die Mutter bleibt etwa zehn Tage hier.“

Mit dem seelischen Beistand war seine Rolle keineswegs beendet. Bei jedem Besuch wurde Okoro schon vom Personal erwartet. Er hatte nun Termine mit dem Professor, der ihn respektvoll und höflich behandelte, fühlte sich endlich gebraucht und anerkannt, er war aktiv und alles ging ihm leicht von der Hand. Er war der Macher, der den Laden schmiss. Was bedeutete es da schon, dass er sich jeden Morgen die Bestätigung anhören musste, dass kein Arbeitgeber ihn haben wollte? Hier zauberte er jemandem ein Lächeln aufs Gesicht.

Auf der Intensivstation meinte eine Schwester: „Sie dürfen ruhig Ihre Tochter auch mal wickeln. Schauen Sie mal, wie schön Herr Kaufmann das schon macht“, und zeigte auf einen Riesen von Mann, dessen dicke Wurstfinger am Nachbarkasten mit den Klettverschlüssen der Mini-Pampers kämpften.

Das fehle noch, dachte Okoro amüsiert, diese Hand voll Mensch im Brutkasten zu wickeln. Er schüttelte den Kopf. Der Umgang mit so Kleinen war nun wirklich nicht Männersache. Unnötig, das Missverständnis der Schwester aufzuklären.

„Besser nicht, ich habe Bronchitis“, winkte er ab.

Grace beherrschte nur ein paar Worte Deutsch. Die Lehrbücher hatte sie nicht benutzt. Lesen war auch in günstigeren Zeiten nicht ihr Ding, geschweige denn alleine lernen.

„I bring you breakfast now?“, radebrechte eine junge Schwester auf Englisch. Es war elf Uhr.

Barsch erwiderte die Wöchnerin: „I am not hungry now. I have visitor. Later.“

Als der Besuch verschwunden war, schlug es zwölf. Nun hätte sie etwas Warmes vertragen können. Richtiges Essen. Gekochtes. Nur das zählte.

„Ich jetzt Frühstück.“ Sie kannte kein anderes deutsches Wort für Essen.

Später klagte sie Okoro: „Ich denke, die wollen mich verarschen, da bringen sie mir Brötchen, Marmelade, Ei und Kaffee. Aber die Bettnachbarin bekommt Kartoffeln und Fisch!“

„Du bekommst wenigstens etwas“, entgegnete Okoro. „Obwohl du nicht zahlen kannst. Warst du schon mal in Benin City im Krankenhaus?“

„Ja, doch“, gab sie kleinlaut zu, „da gibt’s zwar kein Krankenhausessen. Aber die Verwandten verwöhnen eine Wöchnerin. Ach, hätte ich jetzt scharfe Peppesoup!“, seufzte sie.

Das sollte ihm erst mal ein deutscher Mann nachmachen, brummte Okoro abends. Jetzt kochte er auch noch ein spezielles Wöchnerinnenessen: Reis mit Huhn und Fisch in Tomatensoße. Kein Gemüse. Kein Salat. Wie es die Dame gewohnt war. Seine Mutter würde sich ganz schön wundern, wenn sie ihn so sehen könnte. Undenkbar, dass er dort in so eine Lage gekommen wäre. Die erstbeste Frau der Sippe hätte ihm selbstverständlich die ganze Angelegenheit aus der Hand genommen.

Fest mit Tüchern umwickelt transportierte er die Mahlzeit in einem Korb ins Krankenhaus, erklärte aber auch die Bedeutung des Wortes „Mittagessen“. Grace war leidlich beruhigt. Ohne Fernseher oder Gespräch verging sie vor Langeweile. Auf die Ärzte war sie nicht gut zu sprechen, weil die sie aufgeschnitten hatten. Nach Hause hatte sie die Neuigkeit noch nicht berichtet. Von der kleinen Itohan erfuhren sie dort noch früh genug.

 

Vier Tage später stand Sonja mit ihrer Reisetasche in der Tür. Sie merkte sofort, dass ihr Mann eine viel lebhaftere Ausstrahlung hatte als zum Zeitpunkt ihrer Abfahrt. Fasziniert war sie drauf und dran, sein Organisationstalent zu bewundern, als er Schritt um Schritt das Vorgefallene schilderte.

„Was hypnotisierst du mich? Ich bin dein Ehemann, das gehört sich nicht“, murrte er etwas gereizt. „Ich werde mich als Vater des Kindes registrieren lassen, damit das Kind als deutsch gilt und nicht ausgewiesen werden kann. Dann werden sie die Mutter auch nicht wegschicken. Beim Vaterschaftstest wird nichts auffallen, da wir ja ohnehin nah verwandt sind.“

Das schien ihm die geeignete Basis für ein abgerundetes Leben, schließlich gehörten doch alle zu seiner Familie. Ein Afrikaner, der seinen Samen nicht verstreue, sei nur ein halber Mensch.

Alles war ganz legal. Sollte seine Frau überlegen, die glücklichen Eltern auffliegen zu lassen, dann würde sie höchstens bemitleidet, dass sie sich als betrogene Frau noch irgendwelche Märchen zurechtspann, um die schlichte Tatsache verleugnen zu können. Mit etwas Glück würde es so weit nie kommen.

Produktinformation

  • Taschenbuch: 328 Seiten
  • Verlag: Greifenverlag zu Rudolstadt & Berlin; Auflage: 1 (16. September 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3869394048
  • ISBN-13: 978-3869394046
  • EUR 19,90


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