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Jonathan Safran Foer: „Hier bin ich“

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Foer ist für seine früheren Bücher preisgekrönt und wird vom Verlag zu den profiliertesten amerikanischen Autoren der Gegenwart gezählt. Das schraubt natürlich die Erwartungen des Lesers hoch.

Jonathan Safran Foer

Der Autor schreibt offenbar für eine spezifische Leserschaft: Menschen jüdischen Glaubens, Psychologen, Jugendliche? Jedenfalls stellt der umfangreiche Roman an den Leser besondere Anforderungen. Ohne gute Kenntnisse über jüdische Sitten und Gebräuche bleiben Andeutungen und Bezüge unverständlich. Wer diese Religion nicht kennt, kann die Konflikte der Familie nur teilweise nachvollziehen. Darüber hinaus sollte man in Internet-Rollenspielen, dem digitalen Aufbau fiktiver Welten etc. zuhause sein. Jugendliche Leser, die davon angesprochen sind, interessieren sich vermutlich weniger für eine kaputte Ehe oder Politik.

Hauptthema des Buches ist nämlich der Zusammenbruch der Ehe von Jacob (mäßig erfolgreicher Autor) und Julia (verhinderte Architektin). Wir erleben das Auseinanderdriften in zermürbenden Dialogen nach banalen Auslösern. Die Familie lebt in Washington D.C. in Erwartung einer religiösen Feierlichkeit des ältesten Sohnes. Die Feier soll dem Opa zuliebe stattfinden. Die Verwandtschaft aus Israel kommt deshalb zu Besuch. Während des Besuchs führt ein katastrophales Erdbeben im Nahen Osten zu einer politischen Krise, alle Flüge sind gestrichen, so dass der Besuch auch nicht abreisen kann, bis ein Aufruf die in der Welt verstreuten Juden zum Kampf in die „Heimat“ ruft. Im letzten Drittel des Buches erfahren wir kursorisch, teilweise auf Telefondialoge reduziert, was aus den Akteuren geworden ist.

Der Autor, der deutlich aus dem Teenageralter heraus ist, beschreibt typisch amerikanische Jugendliche. Während das muffige, vorlaute Verhalten gut getroffen ist, wirken die Dialoge stellenweise unpassend reif und philosophisch.

Beschreibung realen Lebens wirkt literarisch langweilig. Der Rat Konflikte und Charaktere deshalb zu überspitzen, hat Foer übereifrig umgesetzt. Möglicherweise ist die Darstellung amerikanisch-jüdischer Befindlichkeit auch nicht authentisch. Der Stil ist mit Metaphern überfrachtet, deren Sinn sich Amerikanern vermutlich erschließt (Er kreischte als wäre er zum ersten Mal in einem Flagshipstore…). Unter American-Apparel-Werbung oder Percy-Jackson-Fan-Fiction kann sich nicht jeder etwas vorstellen. Das macht die Lektüre zum Lückentext, deren Ausfüllung dem ausländischen Leser überlassen bleibt. Dem Holocaust entnommene und auf den israelischen Konflikt angewandte Bilder sind weit hergeholt.

Jemand, der sich für Ehekonflikte interessiert, wird eventuell die Passagen über die fiktive Nahostkrise überspringen. Interessant fand ich den Minderwertigkeitskomplex des in Amerika lebenden und auf hohem Niveau klagenden Jacob gegenüber seinen in Israel lebenden Verwandten, die, obwohl ständig den Tod vor Augen, erfolgreicher ihr Leben meistern.

 

Kiepenheuer&Witsch
Titel der Originalausgabe: Here I Am
Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens
ISBN: 978-3-462-04877-3
Erschienen am: 10.11.2016
688 Seiten, gebunden mit SU
Lieferbar

Preis: Deutschland 26,00 €, Österreich 26,80 €

 

© Jeff Mermelstein

Jonathan Safran Foer wurde am 21. Februar 1977 in Washington D.C. geboren und wuchs dort als Mittlerer von drei Söhnen auf. Als Enkel von Holocaust-Überlebenden kam Foer früh mit jüdischen Traditionen, der Kultur und dem jüdischen Glauben in Berührung und zeigte besonderes Interesse für Literatur jüdischer Autoren, wie Joseph Roth. 1995 begann er das Studium der Philosophie in Princeton, wo er einen Kurs in Creative Writing bei der US-amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates belegte, die sein Talent entdeckte und ihn ermutigte weiter zu schreiben. Schon in dieser Zeit entstand die Idee zu seinem Debüt. Mit 19 Jahren reiste Jonathan Safran Foer in die Ukraine, um, wie der Protagonist seines Romans Alles ist erleuchtet, nach der Frau zu suchen, die seinen Großeltern zur Flucht verhalf.

Seit seinem Debütroman Alles ist erleuchtet zählt er zu den wichtigsten US-amerikanischen Schriftstellern seiner Generation. 2010 wurde er neben Literaturstars wie Chimamanda Ngozi Adichie und Nicole Krauss in die angesehene Liste »20 Under 40« aufgenommen. Darin listet das Magazin The New Yorker etwa alle zehn Jahre junge vielversprechende Autorinnen und Autoren auf.


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