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Herr Kato spielt Familie

Rezension von Dr. Ade Rehbaum

Milena Michiko Flasar: Herr Kato spielt Familie

Der Klappentext beschreibt das schmale Buch als einen zarten Roman über einen späten Neuanfang und über Glücksmomente. Der Protagonist ist ein ausgelaugter Rentner, der in Langweile versinkt. Zu Hause im Weg, spaziert er ziellos durch die Stadt und schiebt vor sich her, womit er seine Zeit totschlagen könnte. Nichts verbindet ihn wirklich mit anderen Menschen. Dass seine Frau ihrerseits gegen das Altern ankämpft und ihren Traum vom Balletttanzen wiederbelebt, ist ihm unverständlich. Die Beziehung zehrt von fernen Erinnerungen.

Zufällig kommt er ehemaligen Kollegen, die vor ihm in Rente gingen und von ihm beneidet wurden, auf die Schliche. Mit Luftschlössern haben sie ihre Ärmlichkeit und Entschlusslosigkeit schön geredet. Um ein bisschen interessanter zu wirken, hält er daran fest und baut sie durch unbedeutende Lügen in seine eigenen fiktiven Erlebnisse ein, bis er sie selber glaubt. Sogar eine Krankheit scheint ihm Ausweg aus der Krise, da er damit wenigstens Bedauern erregen würde, aber er ist gesund.

Erst nach der Hälfte des Buches kommt ein Wendepunkt, als ihm auf dem Friedhof eine junge Frau das Angebot macht, ihrer Begleitagentur beizutreten. Es werden Opas, Exmänner, Geschwister und Vorgesetzte gesucht. Mit jedem Auftrag bekommt er Informationen, damit er die gewünschte Rolle spielen kann. Die Heiterkeit, die er ausstrahlen soll, muss er vor dem Spiegel trainieren. Der Einblick in fremde Schicksale verändert ihn.

Die vorherrschend belanglosen Alltagsszenen zeugen von einer sehr ausgeprägten Beobachtungsgabe für kleinste Befindlichkeitsstörungen, in denen sich Leser wiedererkennen. Die Autorin erweckt durch Aneinanderreihung bruchstückhafter Sätze und häufig absatzlos eingebauter Dialoge den Eindruck eines Gedankenbreis. Das verstärkt das Ziellose der spannungsarmen Handlung und passt zum Charakter des Protagonisten.

© Helmut Wimmer

Milena Michiko Flašar ist 1980 in St. Pölten geboren. Ihr Roman Ich nannte ihn Krawatte wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreichen Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.

 
 
 
 
 
 
Verlag Klaus Wagenbach
 Milena Michiko Flašar
Herr Katō spielt Familie
Quartbuch. ersch. Februar 2018
176 Seiten. 14 x 22 cm. Gebunden mit Schutzumschlag
20,– €

ISBN 978-3-8031-3292-5

 

 




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