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Malewitsch-Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn

 Kasimir Malewitsch und die russische Avantgarde

Selbstporträt in zwei Dimensionen

Selbstporträt in zwei Dimensionen.

Gleich im Entree der Bundeskunsthalle wird die Sonderstellung des Russen Kasimir Malewitsch deutlich: In einem Raum sind Anfang und Ende versammelt, in der Mitte hängt wie in einem Schrein das “Selbstbildnis in zwei Dimensionen” (1915), ein geometrisch-konstruktives “suprematistisches” Bild. Allerdings ist Kasimir Malewitsch auf diesem Bild nicht unbedingt zu erkennen.

Der Suprematismus – die gegenstandslose Kunst – ist eines der Stilmittel, das für den russischen Maler (1879-1935), der als eine der prägendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gilt, typisch ist. Malewitschs Suprematismus (Latein: supremus, der Höchste), eine radikale Gegenstandslosigkeit, die auf die Überlegenheit von Farbe und Form setzt, wird in der Ausstellung mit einem Dutzend wunderbarer Gemälde dokumentiert. Wie er sich selbst sechs Jahre früher sah und im Selbstporträt darstellte, erfährt der Betrachter dann im ersten Raum.

Leihgaben aus berühmten Sammlungen

Die nach Angaben von Bundeskunsthallen-Intendant Rein Wolfs größte Malewitsch-Ausstellung seit 20 Jahren zeigt zahlreiche Leihgaben aus den bedeutenden Sammlungen russischer Avantgarde-Kunst von Nikolaj Chardschijew und George Costakis, in denen Malewitsch eine zentrale Rolle einnimmt. Für die Bonner Schau stellte zudem das Staatliche Russische Museum in St. Petersburg erstklassige Malewitsch-Werke zur Verfügung.

Adam + Eva

Adam und Eva
1903,
©Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Stedelijk-Museum in Amsterdam und der Tate Modern in London entstanden. Das Stedelijk-Museum verfügt außerhalb Russlands über die weitaus bedeutendste Sammlung von Werken des Avantgarde-Künstlers. In Amsterdam zog die Ausstellung gut 280.000 Besucher in ihren Bann. Bonn ist die zweite Station, ehe die Schau in die Londoner Tate Modern an die Themse zieht.

Die mehr als 300 Gemälde, Grafiken und Skulpturen haben die Ausstellungsmacher in 13 Werkgruppen zusammengefasst. “Wir glauben, dass diese chronologische Ausrichtung vielleicht eine Art Gerüst ist, das dem Betrachter einfach hilft, sich in diesem unglaublich reichen Universum Malewitsch zurechtzufinden”, sagt die Kuratorin und Ausstellungsleiterin Agnieszka Lulinska. Die Ausstellungsarchitektur schaffe eine offene Struktur und betone die Sichtachsen. Zugleich werde ein klarer Weg vorgezeigt, voller Wendungen, voller überraschender neuer Anfänge und Rückgriffe.

Von der Figuration zur Abstraktion

“Malewitschs künstlerisches Œuvre entwickelte sich im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Figuration”, heißt es im Programmheft. In der Auseinandersetzung mit Impressionismus, Symbolismus und Kubismus erreichte er seine eigenständige suprematistische Ästhetik und Theorie. Trotz aller eigenen Radikalität misstraute er dem Dynamikwahn der Revolutionäre und der Fortschrittsgläubigkeit der Avantgarde. Später wendete er sich wieder figurativen Motiven zu, wobei der suprematistische Einfluss auch in diesen späteren Werken deutlich sichtbar bleibt.

Malewitsch begegnet dem Besucher der farblich und räumlich sehr angenehm arrangierten Ausstellung als Suchender: Bis zur Hinwendung zum Suprematismus 1915 eignete sich Malewitsch die Stile seiner Zeit an; Jugendstil und Symbolismus, die harte Kontur und Farbigkeit Matisses hinterlassen Spuren im Werk.

Mit Cézanne und dessen Facettierung der sichtbaren Welt setzte sich Malewitsch tiefer auseinander – hier führt ein Weg heraus aus der Gegenständlichkeit und mitten in die Debatte mit Kubisten und Futuristen. Die Realität aufzusprengen, wie es die Kubisten um Picasso und Gris taten, und die Simultaneität von Bewegung, Zeit und Geräusch im Bild zu bannen, wie es den Futuristen gelang – all das hat Malewitsch herausgefordert.

Suche nach dem künstlerischen Nullpunkt

Sargträger

Sargträger

In einem eigenen Raum dokumentiert die Schau auch die 1913 inszenierte futuristische Skandaloper “Sieg über die Sonne”, zu der Malewitsch Kostüme und Bühnenbild beisteuerte. “Großmaul”, “Feigling”, “Totengräber” heißen die Protagonisten in ihren zackigen Kosmonauten-Kleidern.

Jahre zuvor hatte Malewitsch noch rumpelige Bauern gemalt. Von der Welt der Bauern bleiben bald nur noch die charakteristischen Farben Rot, Schwarz und Weiß übrig: Das Initialwerk des Suprematismus, “Schwarzes Quadrat”, das Malewitsch in verschiedenen Versionen malte, ist in Bonn nicht vertreten, dafür das “Rote Quadrat” mit dem Zusatztitel “Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen” und etliche Kreuze. Augenfällig und in der Ausstellung sehr gut verdeutlicht ist trotz aller Radikalität in der Abkehr von der Realität die Nähe zur altrussischen Ikone: Abstraktion, Frontalität, reduzierte Farbigkeit – all dies findet man in diesen Bildern, die den künstlerischen Nullpunkt suchen und auf dem Weg dahin das Einmaleins der Kunst streifen.

Information als sportliche Herausforderung

Malewitsch hat sich als Pädagoge etwa im Staatlichen Institut für Künstlerische Kultur in Leningrad bis 1927 Gedanken über die “Entwickelung” der Kunst gemacht, wie große Schautafeln zeigen, und den Studenten Aufgaben wie “Entfernung der Krankheit des Eklektismus” und “die Entwickelung der reinen Empfindungen des Individuums” gestellt.

11 Postkarten

11 Postkarten, Herbst 1914.
©Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Faszinierend und einzigartig bleibt Malewitschs Weg, der sich in den 30er Jahren eben nicht dem Sozialistischen Realismus andiente, sondern zu einem eigenen figurativen Stil fand: eine bizarre Verbindung aus Volkstümlichkeit und Bauernkult, geometrischem Suprematismus und naivem Realismus.

Die sehr sehenswerte Ausstellung erfordert von dem nicht vorgebildeten Besucher einige Konzentration. Sehr empfehlenswert sind der Audio-Guide oder eine Führung, denn das Entziffern der Bildtitel ist wegen der sehr kleinen Schrift recht mühsam, und, da sehr niedrig angebracht, eher eine sportliche Herausforderung.

Ursa Kaumans

Bundeskunsthalle Bonn bis 22. Juni 2014

Di, Mi 10 – 21 Uhr, Do – So 10 – 19 Uhr.

Eintritt: 10 €, Katalog (Kerber) 32 Euro

 

 




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