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Jogging-Point

Missbrauch und Mord

Originaltitel „Calvary“
der neue Film von John Michael McDonagh
ab 23. Oktober 2014 im Kino

John

John Michael McDonagh

Ich werde Sie töten, Vater. Ich töte Sie, weil Sie unschuldig sind. Sonntag in einer Woche. Haben Sie nichts zu sagen?“, fragt der unbekannte Mann im Beichtstuhl, woraufhin Vater Lavelle antwortet: „Im Moment nicht. Bis Sonntag in einer Woche fällt mir sicher was ein.“

So fängt John Michael McDonaghs „Am Sonntag bist du tot“ an, der Nachfolgefilm zu seinem großartigen Film The Guard. In beiden Filmen spielt Brendan Gleeson (59) die Hauptrolle. Aber McDonaghs neuer Film ist deutlich ernsthafter, schwerer in dem Thema, dessen er sich annimmt, schmerzhafter in der Welt, die er zeichnet. John Michael McDonagh, der auch das Drehbuch verfasst hat, thematisiert als einer der ersten irischen Regisseure den in seinen Dimensionen kaum zu fassenden Kindesmissbrauch in den katholischen Einrichtungen des Landes, und er tut dies in einer denkbar grundsätzlichen Weise. Ausgehend von der zerstörerischen Gewalt, die den Schutzbefohlenen angetan wurde, kreist sein Film um die Frage, was Glaube und Ethik in der Moderne noch bedeuten.

Schuld und Sühne

Die Wahl des Opfers wirkt auf den ersten Blick abstrus, auf den zweiten hat der angekündigte Mord eine zwingende Logik: Einen Kirchenmann umzubringen, der Kinder vergewaltigt hat, würde niemanden schockieren, aber der Tod eines unschuldigen Priesters wie Lavelle dagegen schon; dieser Mord träfe keinen individuellen Täter, sondern wäre die Rache an der katholischen Kirche als Ganzer. Der Mann, der ihm nach dem Leben trachtet, wurde als Kind das Opfer eines pädophilen Priesters, der längst tot ist. So beschließt er, dass ein Mann, der vielleicht einzig wirklich gute Mann in der kleinen Gemeinde, für die Sünden anderer sterben soll.

Noch sieben Tage

Vater Lavelle ist an das Beichtgeheimnis gebunden. Er kann der Polizei nicht sagen, dass ihm jemand nach dem Leben trachtet, wohlwissend, wer es ist. Sieben Tage hat er noch, um sein Leben in Ordnung zu bringen, um sich um seine Gemeinde zu kümmern und um sich mit seiner Tochter auszusöhnen. Die Figuren in diesem Film sind alle korrumpiert, vom Leben, von den Umständen, von den Dingen, die sie erdulden mussten. Sie sind nicht wirklich böse, sie gehen jeden Sonntag brav in die Kirche, aber eine der wenigen Freuden dieser Menschen scheint es zu sein, sich von jedem Anstand freizumachen.

Brendan Gleeson, Kelly Reilly

Brendan Gleeson und Kelly Reilly

Das System der organisierten Religion wird in Frage gestellt, die Macht des Glaubens, die Güte des Menschen jedoch nicht. Ein bisschen ist es so, als wäre Vater Lamelle einer der wenigen Gerechten in einem irischen Sumpf, der Sodom und Gomorrha gleichkommt. Zumindest glaubt man es, wenn man zusieht, wie verloren die Seelen in dieser Gemeinde eigentlich sind. Sieben Tage, an deren Ende der Weg zum Strand steht, wo der Mann seine Drohung wahrmachen will. Lavelle könnte weglaufen, er könnte fliehen, er könnte alles hinter sich zurücklassen, und er ist versucht, sich dieser Prüfung zu entziehen, so wie Jesus sich überwinden musste, den Weg nach Golgotha zu beschreiten.

Am Sonntag bist du tot ist ein düsterer, kein leichter Film, der vordergründig davon lebt, dass man als Zuschauer nicht weiß, wer den Priester bedroht hat. Verdächtige gibt es genug, Anhaltspunkte auch, aber so überraschend es am Ende auch sein mag, ist das nicht wirklich die Essenz des Films.

Dem Regisseur und Autor McDonagh geht es darum, eine moralisch bankrotte Welt zu zeichnen, in der Brendon Gleesons Figur wie ein Leuchtfeuer der Hoffnung erscheinen muss. Aber McDonagh macht ihn nicht zum strahlenden Helden, er zeichnet ihn als Menschen, der Fehler gemacht und viel Leid erlebt hat, der aber mit seiner Integrität, seiner Menschlichkeit und seinem Mitgefühl weit über allen steht, ohne dass er sich allen anderen überlegen fühlen würde.

Sonntag totDie Antworten, die „Calvary“ gibt, bleiben ambivalent. Am Ende entsteht aber in zumindest einem Punkt eine verstörende Klarheit. Zwar leuchtet die Vermutung des Priesters, dass viel zu viel über die Sünden und viel zu wenig über Vergebung gesprochen würde, unmittelbar ein. In den letzten Minuten zeigen die Bilder dann aber doch mit aller Wucht, dass das einmal Zerstörte niemals mehr geheilt werden kann. Und das gilt für die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche genauso wie für ihre Opfer.

Man darf in diesem Film auch lachen; es ist sogar notwendig als Kontrast zu der schweren, grimmigen Geschichte. Am Sonntag bist du tot ist sicher kein leichter Film, aber ein lohnender, der in absoluter Stille endet, und damit einen Schlusspunkt setzt, der noch lange nachhallt.

Einer der besten Filme des Jahres 2014!

Ursa Kaumans

Der Trailer dazu:





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