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Zwei Tage, eine Nacht

Ob er als deutscher Film eine Chance hätte, möchte ich jetzt nicht erörtern. Ab dem 30. Oktober 2014 stellt sich in den deutschen Kinos die Frage:“ Geld oder Solidarität“.

Die Geschichte ist perfide banal. Ein Unternehmer stellt die Belegschaft vor die Frage, ob sie eine Prämie ausgezahlt haben wollen, oder den Arbeitsplatz einer bestimmten Kollegin erhalten. „ZWEI TAGE, EINE NACHT“ ist das neue Werk von Jean-Pierre und Luc Dardenne (DER JUNGE AUF DEM FAHRRAD, L‘ENFANT) mit der Oscar-Gewinnerin Marion Cotillard (DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN, LA VIE EN ROSE) in der Hauptrolle.

Sandra, sich gerade durch eine Depression kämpfend, erwischt der Leistungsdruck direkt und unvermittelt. Die 16 Kollegen in der kleinen Firma stimmen an einem Freitag darüber ab, ob sie 1000 Euro Prämie haben wollen, oder Sandra bleiben kann.  Ein schwarzer Freitag für die Frau! Bis auf zwei stimmen alle für die Prämie. Die Unterlegene fasst ihre Situation in dem Satz zusammen: „Ich bin nichts“.

Zwei Tage und eine Nacht Strassenkampf um Arbeit

sandra bittet um SolidaritätJetzt bleibt ihr nur, die Kollegen umzustimmen. Sandra wird von ihrem Mann darin bekräftigt zu kämpfen. Eines hat sie dem Chef nämlich abgetrotzt: Am Montag (zwei Tage und eine Nacht später) wird nochmal, und zwar geheim, über die Frage „Bonus oder Sandra“ abgestimmt.

Eine Arbeitswelt in der jeder stört, der nicht volle Leistung bringt. Da ist kein Platz für Krankheit oder gar eine Zeit der Rekonvaleszenz. Wer nicht mithalten kann, muß gehen. „Wer sonst?“, ist die Frage, die ein Kollege auf ihrer Umstimmungstour stellt. Sandra bittet sehr leise und zurückhaltend um Überdenken der Entscheidung. Sie drängt nicht, sie hebt keinen moralischen Zeigefinger. Das was sie erlebt, in ihrer schon fast zu schüchternen Art, sind offene Aggression,  feiges Verleugnen und theatralische Entschuldigungen.

Seit drei Jahrzehnten setzen die belgischen Brüder sozialkritische Themen in Filme um. Dieser Streifen, der  die Entsolidarisierung,  die  längst Teil unseres Alltags ist, darstellt, kommt ohne Knalleffekt aus.  Still und überaus präzise wird die Banalität auf die Leinwand gebracht. Anders als  in „La vie en rose“ (2007) oder „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012),  wird hier ein alltägliches Geschehen ohne erdrückendes  Drama „dokumentiert“?

Private Globalisierung als Gegenpol

Sandra blickt fragendWenn man erlebt, wie Sandra in sich zusammenfällt, als sie das Abstimmungsergebnis per Telefon erfährt, der glaubt nicht mehr an sie. Richtig wohltuend ist hingegn die Erkenntnis, dass in ihrer Familie der Beziehungszwist nicht stattfndet. Oft spielen Filmemacher gerne mit der inneren Eskalation der Beziehung. Die Dardennes gehen diesen überdrüssigen Weg nicht. Sie zeigen den Konsumdrang, die Tristesse und das Wanken. Da, wo Aufgeben fast zwangsläufig ist, kommt die Stärke der Dramaturgie und natürlich die der überragenden Marion Cotillard ins Spiel.

Das Handy klingelt bei Sandra sehr häufig in diesen zwei Tagen und der einen Nacht. Zwischen Hiobsbotschaften offenbart sich darin aber auch die Verbundenheit mit Freunden und der Familie. Vernetzung – quasi private Globalisierung – ist eine Quintessenz des Films. Die wirtschaftliche Globalisierung wird in diesem Werk fast nur in einem Nebensatz erwähnt. Mehr ist auch nicht notwendig. Das Netzwerk in unserer direkten Umgebung wird als wirkungsvoll entwickelt. Ob sie den Arbeitsplatz behält? Die belgischen Filmemacher stellen ihre Frage nach sozialem Gefüge unerbittlich.

Filmplakat Zwei Tage und eine Nacht
Deux jours, une nuit, B/F/IT 2014
(Zwei Tage eine Nacht)

Regie, Buch: Jean-Pierre, Luc Dardenne
Kamera: Alain Marcoen
Schnitt: Marie-Hélène Dozo
Mit: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione
Verleih: Alamode, 95 Minuten

Paul Pawlowski/pp
Fotos: Alamode

Kritiken der Kollegen:

FAZ , ZEIT-online, Der Tagespiegel




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