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Sein letztes Rennen

Mimoun

Sieger auf der Marathonstrecke 1956 in Australien, Alain Mimoun

Der Blick von Paul Averhoff ist traurig. Unendlich leidvoll. Es ist der Blick eines Menschen, der die Welt nicht mehr versteht. Oder besser – der soeben begriffen hat, dass die Welt ihn nicht mehr versteht. Paul Averhoff war mal richtig wer. Er war Spitzensportler, Langstreckenläufer, hat zu seiner Zeit so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Aber „seine Zeit“ liegt eben schon lang zurück, mehr als ein halbes Jahrhundert. Und damit auch der Olympiasieg im Marathon-Lauf 1956 in Melbourne. Wer erinnert sich dessen heute noch, bei wem bringen Fotos des Helden von damals noch irgendetwas zum Klingen?

In Wirklichkeit hieß der Sieger auf der Marathonstrecke 1956 in Australien Alain Mimoun und war Franzose; Sechster war im Übrigen der Tscheche Emil Zatopek, der noch vier Jahre zuvor in Helsinki über 5000, 10 000 und 42 500 Meter triumphiert hatte. Das sei nur deshalb erwähnt, weil auch diese Namen in unseren Tagen nur noch ein schwaches Echo wecken. So gesehen, ist Paul Averhoff darum eigentlich auch gar keine fiktive Person, sondern spiegelt durchaus Gegenwart und reale Gesellschaft wider.

Die Rolle des Lebens

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Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) und seine Ehefrau Margot (Tatja Seibt)

Was hier abläuft, ist ein Film. Aber das ist nicht alles. „Es ist die Rolle meines Lebens“, sagt der Mann, mit dessen Namen, Gesicht, Sprache viele (wenn nicht gar die meisten) Klamauk und mehr oder weniger gelungene Blödelei in Verbindung bringen – Didi Hallervorden. Hier, in der Gestalt des alten, vergessenen Helden der Aschenbahn hat der mittlerweile 77-Jährige den „Didi“ abgestreift und ist endgültig zum Dieter geworden. Die Geschichte ist einfach erzählt. Eigentlich geht es den Averhoffs recht gut. Häuschen mit Garten und reich tragenden Obstbäumen. Als sich jedoch herausstellt, dass Paul seine immer wieder plötzlich stürzende Frau Margot (eindrucksvoll dargestellt von Tatja Seibt) nicht mehr allein versorgen kann und auch die als Stewardess um die Welt jettende Tochter Birgit (Heike Makatsch) nicht helfen kann (oder will), bleibt dem alten Ehepaar nur der Umzug in ein Berliner Altenheim.

Was nun folgt, ist für den Kinobesucher keine Überraschung. Oft genug ist schon geschrieben, gezeigt, dokumentiert worden, wie unter dem Diktat von Personalknappheit, Stress und Überarbeitung, aber auch als Folge von mangelndem Einfühlungsvermögen und der Notwendigkeit, die straffe Ordnung im Haus zu wahren, Heiminsassen ihrer Persönlichkeit beraubt und zu mehr oder weniger funktionierenden Puppen gemacht werden. Auch Paul und Margot Averhoffs neues „Zuhause“ ist so ein Ort. Schon als Gebäude in der Architektur der 70-er Jahre innen wie außen mit dem Charme einer Teerstraße ausgestattet, ist es ein Menschen-Endlager irgendwo zwischen Kita und Gefängnis. Ruhigstellende Beschäftigung: Basteln von Kastanienmännchen und Singen von Kirchen- und jahreszeitlichen Liedern wie im Kindergarten.

Die Revolte

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Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) und Tochter Birgit (Heike Makatsch)

Das ist nicht Pauls Vorstellung vom „Altern in Würde“- wenn er sich denn überhaupt je eine Vorstellung davon gemacht haben sollte. Er revoltiert gegen das kindliche Getue der Betreuerin, Frau Müller (überzeugend gespielt von Katharina Lorenz, aber in der Rolle zu schräg und weltfremd angelegt), genauso wie gegen das gleich geschaltete, angepasst artige Verhalten der anderen Heimbewohner. Averhoff besinnt sich seiner Erfolgsanfänge; er beschließt, noch einmal den Berlin-Marathon zu laufen. Wie er seine Frau (und einstige Trainerin) Margot überzeugt, die lethargischen Mit-Insassen mitreißt, am Ende eigentlich das ganze Altersheim mental umkrempelt, dabei den Tod seiner Frau bewältigt und schließlich tatsächlich den Marathonlauf durchsteht – das sollte man sich unbedingt ansehen.

Hallervorden-05Dieser Lauf, die körperliche Anstrengung, die damit verbundene Überwindung der altersbedingten Einschränkungen – das war nicht gestellt, nicht schauspielerisch nachgezeichnet. Hallervorden hat tatsächlich über Monate dafür trainiert, nach eigenen Angaben rund neun Kilogramm Körpergewicht verloren. Das wirklich Beeindruckende sind freilich die Szenen, in denen nichts geschieht. In denen Hallervorden sich als ein Virtuose des Blicks zeigt, seine Darstellung nur Pantomime, Schreckens- und Angstverkörperung beinhaltet. Keine Frage, der Streifen hat Längen. Das Geschehen mit der und um die Tochter Birgit wirkt mitunter wie gewollt beigefügt. Auch der Schluss würde wahrscheinlich eine tiefere Wirkung hinterlassen, wäre es – ohne das etwas süßliche happy end – einfach bei der eindrucksvollen Großaufnahme des Mimen nach dem großen Rennen geblieben.

Aber das sind formale Kritikpunkte. Alles in allem ist unter der Regie von Kilian Riedhof ein deutscher Film mit gelungener Balance zwischen Tragik und Komik entstanden, bei dem es nicht überraschend käme, wenn ihm der eine oder andere Preis zuerkannt würde. Und Dieter Hallervorden hat Recht behalten – es war (bisher) die Rolle seines Lebens.

Gisbert Kuhn

 

 

Sein letztes Rennen

D 2013, Regie und Ko-Autor Kilian Riedhof. Drehbuch Marc Blöbaum. Kamera Judith Kaufmann.

Darsteller: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Frederick Lau, Katrin Sass, Katharina Lorenz.

Universum. 114 Minuten.




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