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Katastrophe und Mythos – Erlebnis „Titanic“

Abreise_Titanic

Auf ihrem Weg von Belfast nach Southampton machte der Werftfotograf Robert Welch ein letztes Foto von der Titanic. © Malte Fiebing‐Petersen, Deutscher Titanic‐ Verein,

14. April 1912, 23,41 Uhr – das Unfassbare, sich außerhalb jeglicher Vorstellungskraft Bewegende, geschieht: Die „Titanic“, die riesige Maschine, das technische Wunderwerk, die angeblich unsinkbare Königin der Meere, geht auf ihrer Jungfernfahrt nach der Kollision mit einem Eisberg unter. Rund 1 500 Passagiere und Crew-Mitglieder finden dabei den Tod, nur 700 werden gerettet. Innerhalb von zwei Stunden ist die Illusion einer von menschlichem Geist entworfenen und von Menschenhand geschaffenen, geradezu überirdischen Vollkommenheit geplatzt. Und damit auch der Glaube an den endgültigen Sieg menschlichen Wissens und Willens über die Kräfte der Natur.

Die Fantasie angeregt

Seit der Katastrophe rund 400 Seemeilen südöstlich von Neufundland sind mittlerweile 103 Jahre vergangen. Doch das Geschehen von damals hat immer die Fantasie der Menschen angeregt – und tut das bis heute, wie die Reaktionen der Kino-Besucher nach dem „Titanic-Film von James Cameron mit Leonardo di Caprio und Kate Winslet beweisen. Der Streifen von 1994 ist der vorerst letzte in einer langen Reihe von Werken, in denen versucht wurde, die dramatischen Vorgänge auf Zelluloid zu bannen. Manch Einer wird vielleicht aus den frühen 50-er Jahren noch Barbara Stanwyck in schwarz-weiß auf dem Promenadendeck des Ozeanriesen vor Augen haben.
Wenn die Rede auf die „Titanic“ kommt, fällt in aller Regel rasch der Begriff „Mythos“. Doch was ist darunter zu verstehen? Warum ranken sich, unverändert, so viele tatsächliche oder auch nur vermeintliche Geheimnisse rund um den Untergang ausgerechnet dieses Schiffes? Schließlich gab es doch auch nach der „Titanic“-Katastrophe schlimme Unglücke auf See mit sogar noch mehr Toten als hier und dazu weitere tragische Folgen von Zusammenstößen mit Eisbergen. Trotzdem wurde genau dieser Luxusliner in der Folge seiner fatalen Kollision zum vielleicht berühmtesten Schiff nach der biblischen Arche Noah.

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Das Historischen Museum der Pfalz in Speyer

Eine einzigartige Ausstellung

Fragen wie diesen geht eine einzigartige Ausstellung („Titanic“ – echte Funde, wahre Schicksale“) nach, die noch bis zum 28. Juni 2015 vom Historischen Museum der Pfalz in Speyer präsentiert wird – zum ersten Mal in Deutschland, nach den voran gegangenen Stationen Paris, Amsterdam und Brüssel. Das in unmittelbarer Nachbarschaft zum gewaltigen romanischen Dom gelegene Museum demonstriert mit dieser Schau erneut seinen Ehrgeiz, zu den ersten Häusern zu zählen, wenn es um die Darstellung herausgehobener geschichtlicher Vorgänge geht. Ein anderes Beispiel dafür war 2006 die umfassende Aufbereitung des Lebens und Wirkens des „Canossa-Kaisers“ Heinrich IV.
Die jetzige „Titanic“-Ausstellung ist erneut sehr aufwändig. Nach Darstellung des Museum-Direktors Eckart Köhne („Wir kratzen an der Grenze zur Siebenstelligkeit“) bewegt man sich finanziell am Limit. Aber die materielle und ideelle Anstrengung lohnt sich offensichtlich. Bereits nach der ersten Woche riss der Besucherstrom die 10 000-er-Marke! Was also ist es, das die Menschen so fasziniert an den rund 250 originalen Fundstücken, geborgen zwischen 1987 und 2010 aus 3800 Metern Tiefe mit bemannten und unbemannten Tauchbooten? Ist es der schier unvorstellbare Luxus und der Reichtum der Erste-Klasse-Passagiere, den die großflächigen Fotos und 1:1-Nachbauten von Suiten, Speise-, Raucher- und Leseräumen auf den Betrachter ausüben?

Schwimmendes Abbild der Gesellschaft

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Die Kabinen der Ersten Klasse waren luxuriös ausgestattet. Die beiden teuersten Suiten verfügten sogar über zwei Schlafzimmer, zwei Ankleidezimmer, einen Salon, ein Bad mit WC sowie ein privates Sonnendeck. ©: Premier Exhibitions, Inc.; Foto: Peter Haag‐ Kirchner

Es ist wohl das Gesamtbild, das bleibenden Eindruck hiterlässt. Gerade weil ja praktisch jeder Besucher das Schicksal der „Titanic“ als weltgeschichtliches Ereignis kennt, empfindet er es als besonders prickelnd, quasi selbst zu einem Passagier des sagenhaften Luxusliners zu werden, durch einen Gang an den First-Class-Kabinen vorbei in das französische Café zu schlendern – gefahrlos, aber dennoch immer mit dem Bewusstsein, am Ende des Bummels an dem Punkt anzukommen, an dem ein veritabler Eisbrocken, sowie Schrifttafeln mit warnenden Funksprüchen von anderen Schiffen und Zeitangaben die bevorstehende Katastrophe ankündigen. Aber dazwischen entstehen faszinierende Impressionen vom Leben an Bord und von der technischen wie wohnlichen Ausstattung des Schiffes.
Der Streifzug durch die „Titanic“-Ausstellung ist zugleich ein Anschauungs- und Geschichtsunterricht über die politischen, sozialen, technischen Umstände und Realitäten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wer will, mag in der Schiffs-Katastrophe sogar ein Fanal für die wenige Jahre später hereinbrechende Weltkatastrophe des 1. Weltkriegs sehen – begeisternde, am Ende aber todbringende technische Errungenschaften, haarsträubende Klassenunterschiede zwischen „oben“ und „unten“, arm und reich, Verschwendung und Not, zwischen menschlichem Größenwahn und Scheitern. Kurz: Die „Titanic“ war ein schwimmendes Abbild der seinerzeitigen Gesellschaft.

Bewegende Schicksale

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Isidor Straus, US‐amerikanischer Geschäftsmann und Politiker, war mit seiner Frau Ida bei der Jungfernfahrt der Titanic an Bord. Straus stammte gebürtig aus Otterberg bei Kaiserslautern, seine Frau aus Worms. © Premier Exhibitions, Inc.

Dies wird nicht zuletzt sichtbar in zwei original nachgebauten Räumen – einer 1.-Klasse-Kabine und einer Mehrbetten-Kajüte der Dritten Klasse. Für die Atlantik-Überquerung „First Class“ mussten (auf heutige Währung umgerechnet) rund 80 000 Euro bezahlt werden. In den unteren Decks sowie im Bug und im Heck, hatten vor allem jene gebucht, die drüben in Amerika auf ein neues, besseres Leben hofften. Dafür nahmen sie auch das Rumpeln, Stampfen und Dröhnen der Maschinen in Kauf. Und doch war es dann gerade der Untergang des als unsinkbar geltenden Ozeanriesen mit den mehr als 1 500 Todesopfern, der am Ende die Klassen- und Wohlstands-Unterschiede aufhob. Deswegen liegt auch, abgesehen von den geborgenen und aufgearbeiteten Exponaten, ein wesentlicher Fokus der Ausstellung auf den Geschichten der Passagiere und der Crew-Mitglieder.
Oder, um es genauer zu sagen, das Pfalz-Museum hat erhebliche Mühen aufgewandt, die Schicksale deutscher Passagiere nachzuzeichnen. Nicht zuletzt solcher, die ihre Wurzeln im Südwesten Deutschlands hatten. Und es sind sehr bewegende Biografien darunter. Dazu gehört die besondere Vita des deutsch-jüdischen Auswanderer-Ehepaars Isidor und Ida Straus. 1845 waren sie (er aus Otterberg bei Kaiserslautern, sie aus Worms) gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern in die Neue Welt emigriert, hatten es dort durch Fleiß und Glück zu einem großen Vermögen gebracht, besaßen u. a. in New York das berühmte Kaufhaus Macy´s und befanden sich auf dem Rückweg von einer Europareise. Ihr Schicksal diente – obwohl mit 67 bzw. 63 Jahren deutlich älter – im Kinofilm von 1994 als Vorbild für Kate Winslet und Leonardo di Caprio. Denn das jüdische Paar aus der Pfalz wollte sich nicht trennen und ging gemeinsam in den Tod. Isidors Leichnam wurde geborgen; zur Gedenkfeier einige Tage später in New York kamen 40 000 Menschen.

Ein halbseidener Bursche

Gratinformen

Die Gratinformen haben den Sturz in die Tiefe fast unbeschadet überstanden. Sie lagen über 80 Jahre so auf dem Meeresgrund, als ob sie gerade von einem Küchengehilfen zum Trocknen im Regal aufgestellt worden wären. © Premier Exhibitions, Inc.

Aber es waren – wie könnte es auch anders sein? – natürlich auch halbseidene Gestalten unter den Passagieren der „Titanic“-Jungfernfahrt. Eine der schillerndsten Figuren war wohl der Kölner Alfred Nourney, der unter dem Pseudonym Baron von Drachstedt reiste und erst kurz vor dem Auslaufen ein Upgrade zur Ersten Klasse erstand. Er suchte (ausweislich einer Draht-Nachricht an seine Mutter) den Kontakt zu den reichen Mitreisenden und – vermutlich als professioneller Glückspieler – den Gewinn beim Kartenspiel. Damit bildete er gleichsam das Gegenbild zu dem bayerischen Benediktinerpater Joseph Peruschitz in der Zweiten Klasse. Dessen Ziel war Minnesota, wo er den Aufbau einer Klosterschule begleiten sollte. Peruschitz war bis zuletzt auf dem Schiff seelsorgerisch tätig.
Und dann sind da unter Glas in Vitrinen die persönlichen Fundstücke. Eine vornehme silberne Handtasche, eine Goldrandbrille, eine Krawatten-Nadel, Schuhe, ein Notizblock, Schmuckstücke, Gläser, Geschirr… Gegenstände aus dem Küchenbereich, aber auch solche, die vielleicht beim letzten Captains-Diner getragen worden waren. 73 Jahre hatte der havarierte Luxusliner auf dem Meeresboden gelegen, bevor man ihn 1985 entdeckte – der Bug rund 600 Meter vom Heck entfernt. Das Wrack, so haben die Untersuchungen ergeben, wird von eisenfressenden Bakterien zersetzt. In 40 bis 90 Jahren wird es vollständig in sich zusammen fallen…
Gisbert Kuhn

Info

Ort: Historisches Museum der Pfalz, Speyer
Titel: Titanic – Die Ausstellung. Echte Funde, wahre Schicksale
Laufzeit bis 28. Juni 2015
Öffnungszeiten täglich 10 – 18 h
Eintrittspreise: Mo – Fr. Sa./So./feiertags
Erwachsene 14,50 € 16,50 €
Familien 39,– € 45,– €
Schüler/Studenten 6,50 € 8,50 €
Öffentliche Führungen jeden Sonntag um 14 Uhr, zzgl 4,– €
Tel.: 06232 620222
Fax: 620223
info@museum.speyer.de


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