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Erwachsen geworden

Die Grünen sind 30 Jahre alt. „Geliebte Gegner“  im „Ersten“

Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt gratuliert am 29.03.1983 in Bonn der Grünen-Abgeordneten Petra Kelly zum Einzug ihrer Partei in den Bundestag.

Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt gratuliert am 29.03.1983 in Bonn der Grünen-Abgeordneten Petra Kelly zum Einzug ihrer Partei in den Bundestag.

Sind wirklich schon 30 Jahre vergangen seit jenem 6. März 1983, als im Plenarsaal des Bonner Bundestages erstmals die „Grünen“ einzogen? Ein buntgemischtes Häuflein von Männern und Frauen. Manche (die meisten) in Latzhosen, Schlabberpullover und Turnschuhen, ganz wenige in Anzug und Kleid, etliche mit Kaktusgewächsen auf ihren Parlamentspulten, noch mehr mit Sonnenblumen in der Faust. Fraktionsübergreifend skeptisch bis ablehnend beäugt und kommentiert von der großen Mehrheit der übrigen Abgeordneten, allenfalls amüsiert belächelt vom Rest. Auf jeden Fall aber begleitet von einem riesigen medialen Interesse – riesig natürlich nur für die damalige Zeit. Man war freilich mehr interessiert an Bildern von und Stories über Mütter, die ihre Babies während der Plenardebatten stillten, als an politischen Positionen und Aussagen der parlamentarischen Paradiesvögel.

Einzug der Grünen in den Bundestag: Die Grünen-Politiker Gert Bastian, Petra Kelly, Otto Schily, und Marieluise Beck-Oberdorf am 29. März 1983 auf dem Weg zum Bundestag

Einzug der Grünen in den Bundestag: Die Grünen-Politiker Gert Bastian, Petra Kelly, Otto Schily, und Marieluise Beck-Oberdorf am 29. März 1983 auf dem Weg zum Bundestag

Es gab nicht Viele, die der neuen Partei ein politisches Überleben prophezeiten.  Im Grunde hielt man sie für eine vorübergehende Erscheinung. Wie sollte denn auch aus dieser Chaoscombo aus
Macht errungen, Ideale geopfertTierschützern, Kommunisten, Anarchisten, Pazifisten und Feministinnen je eine vernünftige, handlungsfähige Einheit werden? Selbst Ansätze, bei denen wenigstens eine Art Minimalkonsens herrschte, wurden zumeist überlagert von den gnadenlosen Streitigkeiten um Inhalte und (mehr noch) Personen. Und doch – vielleicht sogar gerade deswegen – übten die „Grünen“ eine erhebliche Faszination aus. Gewiss, vor allem auf junge Menschen, aber keineswegs allein auf  sie. Besonders die Themen Frieden, Abrüstung, Umwelt und in diesem Zusammenhang  Atomausstieg bewegten schon lange die Menschen in Deutschland. Und zwar Generationen und politische Richtungen übergreifend. Es war schließlich der CDU-Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl, der 1975 mit seinem Buch „Ein Planet wird geplündert“ die Umweltpolitik ins Rampenlicht gerückt hatte. Und sind es nicht die Weinbauern am Kaiserstuhl gewesen, die mit ihrem (erfolgreichen) Protest gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl den Startschuss für die „Nein-danke!“-Bewegung abgaben?

Gerhard Schröder und Joschka Fischer mit dem Koalitationsvertrag am 22.10.1998

Gerhard Schröder und Joschka Fischer mit dem Koalitationsvertrag am 22.10.1998.

Die Rebellen von damals sind entweder im bürgerlichen Niemandsland verschwunden oder haben – nach einem erfolgreichen Marsch durch die Institutionen – längst Führungspositionen in der Wirtschaft, aber auch in der Politik errungen. Die „Grünen“ als politische Kraft? Längst akzeptiert; spätestens jedenfalls, seit sie in Baden-Württemberg sogar den Ministerpäsidenten und in Stuttgart wie Freiburg die Oberbürgermeister stellen. Mag, darüber hinaus, die langjährige grüne Gallionsfigur, Joschka Fischer, die eigene Gefolgschaft gespalten haben, eine bemerkenswerte Persönlichkeit war und ist der zum Außenminister gewordene und sich mittlerweile im Milionärs-Milieu wohl fühlende ehemalige Pflastersteinwerfer von Frankfurt allemal.

Finanzminister Oskar Lafontaine, Aussenminister Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder, am 10.11.1998 im Bundestag

Finanzminister Oskar Lafontaine, Außenminister Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder am 10.11.1998 im Bundestag.

Die Macht zu erringen, zumindest an ihr teilzuhaben, hat Ideale gekostet. Keine andere Partei hat so viele geopfert. Frieden, Abrüstung und Gewaltfreiheit hatten die „Grünen“ gepredigt. Ausgerechnet sie mussten indessen die ersten Kriegseinsätze der Bundeswehr (auf dem Balkan) legitimieren. Und auch sie, die absoluten Gegner der Kernenergie, kamen – selbst in Verantwortung – nicht umhin über Reaktorlaufzeiten zu verhandeln. Was haben die Kompromisse gekostet? Was ist übrig geblieben von den Träumen und Visionen auf dem Weg zur Macht? Und wie haben sich die Menschen verändert? Das „Erste“ zeichnete am 25. Febraur in einer gut gemachten Dokumentation („Geliebte Gegner“) nach, wie aus Ideen Politik wird und wie sich dabei Sichtweisen verändern. Ein Film über die Psychologie der Macht, über den Weg von der „Unschuld“ in den politischen Pragmatismus..

ku

Hier die ARD-Doku:


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