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Den Opa umtopfen

Da liegt er nun, von Kreuzen der Christen umzingelt, der Großvater von Adriana Altaras. Auf einem Friedhof im ehemaligen Jugoslawien. Sie will ihn „umtopfen“, da es hier ja keine Zukunft gibt.  Auf diesem Weg in die eigene Vergangenheit der Schauspielerin und Autorin, gerät man in einen Zustand, der Tränen in die Augen treibt. Eines vor Gerührtheit das andere vor Lachen – und beides oft gleichzeitig.

Titos BrilleAdriana Altaras, 1960 in Zagreb geboren, heute Regisseurin, Schauspielerin und Autorin in Berlin, erzählt von ihrer „strapaziösen Familie“ und geht dabei zurück zu ihren jüdischen Eltern, die als Partisanen für Tito kämpften und im Nachkriegsdeutschland ein neues und vor allem unauffälliges Leben begannen. Eine Überdosis Vergangenheit, die es zu bewältigen gilt.

Ihre Eltern sind seit zehn Jahren tot, doch als Geister spuken sie weiter im Kopf ihrer Tochter umher. „Meine Dibbuks“ nennt sie sie. Eine Reise in die eigene Vergangenheit  soll dieses beenden. Mit dem alten, vom Vater geerbten, Mercedes geht es zunächst nach Gießen, wohin ihre Eltern in den sechziger Jahren gezogen waren. Hier werden sie zunehmend „jüdisch“ und, die Tochter landet in einer Waldorfschule.

Eines der Familiengeheimnisse kommt hier zur Sprache: Der Vater hatte eine, vielleicht mehrere Geliebte.  Das alles  wird in der „Roadmovie“-Doku von Regina Schillings aufgearbeitet. Im Gegensatz zum Bestseller in Buchformfehlt hier eine frühere Ehe des Vaters, daraus eine Tochter und das nicht verifizierte Gerücht eines weiteren Bruders entsteht, der in Zagreb leben soll. Aber das sei der Roadmoviestory geschuldet – als dramaturgischer Fauxpas.

Regina Schillings

Regisseurin Regina Schillings
(c) Uli Grohs

Sie sitzt an einem sonnigen Sommertag in der Synagoge und lauscht ihren Söhnen. Diese üben für ihre Bar Mizwa. Alles in Berlin. Da schließt sich der Kreis. Eine Familiengeschichte, die durch das Auseinanderbrechen Jugoslawiens, Flucht, Neuanfang, Sehnsüchten und Traditionen gezeichnet ist. Dieser Hintergrund würde das Zeug für eine Tragödie liefern. Genau das tut es nicht. Der Humor, mit das Stück wird, ist so zukunftsfreudig, dass es manchmal ins Groteske kippt.

Wer das Buch gelesen hat, der wird seine Freude haben. Die Autorin macht hier die Worte zur Gestalt. Die es nicht kennen, bekommen junge europäische Geschichte auf eine besondere Art kredenzt. Das Prädikat „wertvoll“ wäre nicht angebracht, dazu ist dieses Doku-Roadmovie zu gut gelungen.

Paul Pawlowski/PP

Info:
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Regina Schilling
Cast: Adriana Altaras
Laufzeit:90 min.
FSK:o.A. (ohne Altersbeschränkung) beantragt
Verleih:X Verleih (Warner)

Der Trailer:





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