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Jogging-Point

Heißer Kampf um TV-Quoten

Linearer Zuschauer als Auslaufmodell

Revolution im Wohnzimmer. Die meisten Senioren lassen sich ihren Tag vom TV-Programm diktieren. Nicht so die Jüngeren. Sie revoltieren lautlos neben den Methusalems – einer aussterbenden Zuschauerkultur. Um Bewegtbilder zu sehen, nutzen sie lieber ihren PC, den Laptop, das Tablet oder sogar das Smartphone. Das TV ist darin inklusive. Die TV-Youngster spielen virtuos auf der Klaviatur aller technischen Möglichkeiten. Sie holen sich die Sendung ihres Interesses, wann immer sie wollen. Und am Rande vermerkt: Ihr Informations- und Unterhaltungsportal ist bereits YouTube. Vielleicht entnehmen sie auch das eine oder andere aus den Mediatheken unterschiedlicher Sender. Nichts Genaues weiß man nicht. Insbesondere die öffentlich-rechtlichen TV-Sender haben bei dieser Generationsteilung ein Problem. Sie kämpfen seit Jahren vergeblich gegen ihr in Stein gemeißeltes Seniorenimage. Ihr über Jahrzehnte gewachsenes Klientel altert vor den Screens und lässt sich weiter und gerne mit gewohnten Programmen berieseln. Dieses Zuschauerverhalten ist von gestern und wird mit zunehmender Geschwindigkeit aussterben.

Zu diesem Szenario passt eine gespenstische Szene aus dem real existierenden TV-Alltag: Eine allein lebende 66-jährige Frau stirbt vor ihrem laufenden Fernseher. Ein halbes Jahr später findet die Polizei in Oberursel die Leiche vor dem immer noch laufenden TV-Gerät. Rückschlüsse auf das Programm verbieten sich aus Pietät – gegenüber der Toten. Manch´ Vielseher aber möchte für dieses traurige Ende einer TV-Mitbürgerin gerne die mangelnde Qualität vieler TV-Sendungen verantwortlich machen.

Der Fernsehquotentag beginnt um drei Uhr morgens

Wir wissen nicht, wie das TV-Verhalten zu Lebzeiten der einsam verstorbenen Fernseherin war. Wie die Sehgewohnheiten aber quer durch die deutsche TV-Republik mit ihren 72 Millionen Zuschauern sind, das wollen Fernsehmacher, Sendeanstalten, Werbetreibende ziemlich genau und ununterbrochen wissen. Wer sitzt in den 38 Millionen Haushalten auf der anderen Seite des Bildschirms? Eine Messlatte dafür ist die oft zitierte Quote, die Währung für das Bewegtbild-Geschäft.

Wir wissen, dass viele Senioren gerne schon beim Frühstücksfernsehen in den TV-Tag hineingleiten. Was aber kaum einer weiß: Der Fernsehquotentag in Deutschland beginnt täglich bereits um drei Uhr morgens. 24 Stunden wird dann jede Sekunde ausgewertet. Beantwortet werden soll die Dauerfrage, wer welchen Sender und welche Sendung wie lange eingeschaltet hatte. Auch der Frühgucker wird mit seiner Einschalte erfasst. Aber nur, wenn er zu den 5.640 Fernsehhaushalten gehört, in denen 10.500 Personen leben. Diese Auswal hat die Arbeitsgmeinschaft Fernsehforschung (agf) mit ihren Gesellschaftern ARD, ProSiebenSat.1 Media AG, Mediengruppe RTL Deutschland und ZDF getroffen.

Messlatte sind Einschaltquoten

Bei dieser elektronisch offenen Tür geht es nicht um heimliche Überwachung. Die Zuschauer in dem Untersuchungs-Panel haben zuvor dieser technischen Kontrolle zugestimmt. In den ausgewählten Haushalten misst die Gesellschaft für Konsumforschung (GfL) für die agf sehr differenziert und durchaus repräsentativ unser aller TV-Sehverhalten. Hier schlummert ein höchst wirksames, aber zumeist unbewusstes Machtinstrument der Zuschauer. Alle Alters- und Bildungsgruppen entscheiden über ihre stille Abstimmung ganz entscheidend mit über das Schicksal einzelner Sendungen. Gesammelt werden die Daten in einem Rechenzentrum in Nürnberg. Daraus werden dann die berühmt-berüchtigten Einschaltquoten errechnet.

Gerade die älteren Mitbürger informieren sich über das Tagesgeschehen gerne und gewohnt über „heute“ und „tagesschau“. Aber auch diese Nachrichtenformate senden nicht nur frei – einem höheren Auftrag verpflichtet. So kann und darf sich die morgentliche Redaktionskonferenz von „heute“ den regelmäßigen Blick auf die Quote des Vortages nicht verkneifen. Die Redaktionsleiterin des „heute-journal“, Anne Reidt: Unser „Stammpublikum sind 3,6 Millionen“ Fernsehzuschauer. Der Wert klettert in besonderen Fällen auch mal Richtung sechs Millionen. Ihre Konkurrenz, die „tagesschau“, liegt nach eigenen Aussagen bei täglich knapp neun Millionen Zuschauern.

Kritik an „tagesschau“ wegen Beinschwenk bei Katja Suding

 

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Stein des Anstoßes: „tagesschau“-Kameraschwenk über die Beine von Katja Suding

Zusätzlich zum Blick auf das empfindliche Quotenleben müssen die Nachrichtenredaktionen zunehmend Kritik wegstecken. So testieren einige Medien dem Flaggschiff „tagesschau“ eine gehörige Schlagseite. Konkret wurden beispielsweise ungenaue Berichterstattung über den für eine kurze Strecke inszenierten Trauerzug der Politprominenz zu „Charlie Hebdo“ in Paris angeprangert. Keine Gnade fand eine Szene, die Putin irreführend allein am Tisch beim G- 20-Gipfel zeigt. Angesichts solcher Szenen wird den Fernsehmachern tendenziöse Kameraführung angekreidet. So hat Kritikern auch die „Beinschau“ beim Dreikönigstreffen der FDP 2015 in Stuttgart nicht gefallen. Die Kamera saugte sich direkt und kurz an den schönen langen Beinen der Hamburger Bürgerschaftsabgeordneten Katja Suding (FDP) fest. Es waren 5,35 Millionen Zuschauer dabei.

ARD aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke gab sich wenige Stunden später auf dem Blog der Sendung kleinlaut: Man müsse „noch härter sieben, was den Weg ins Angebot findet“ und „es ist einer dieser Schwenks, die wir in den 80er- und frühen 90er-Jahren noch gesehen haben und der gerne mal die Vorlage für Altherrensprüche lieferte.“ Kein leichter Job also, die unterschiedlichen Sicht- und Bewertungsweisen in der Fernsehwelt zu befriedigen.

Skeptische Frage von Roger Willemsen

Durch hier und da mal einen Ausrutscher geraten ganz besonders die Öffentlich-Rechtlichen schnell in eine belastende und damit lähmende Defensive. Da könnte Quote durchaus auch mal ein Rettungsanker sein. Dennoch rücken die ARD-Nachrichtenmacher ganz vehement eine mutmaßliche Quotenabhängigkeit in das ihnen passende Licht: „Inhalt und Relevanz sind die erste Priorität.“ Gut gebrüllt haben damit die Fernsehmacher mit dem alles überwölbenden staatlichen Bildungs- und Informationsauftrag. Aber haben sie damit den Kern aktueller Entwicklungen, den neuen Zuschauer, die neuen technischen Kommunikationsmöglichkeiten erfasst?

Skeptisch ist da der Publizist und frühere Fernsehmoderator (ZDF) Roger Willemsen. In einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung hat er die Verbindung Fernsehmacher und Zuschauer auf einen schlichten Nenner gebracht: „Wir schauen Fernsehen, gewiss, aber noch eigentlicher schaut das Fernsehen uns.“ Und „man müsste nur einfach mal die Kameras umdrehen, Redaktionskonferenzen filmen und würde so erfahren, warum man vielleicht die Welt verbessern kann, aber nicht das Fernsehprogramm.“

Jammern über Fernsehen ist langweilig

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TV Stream oder Fernsehen Online: Das Fernsehen ist im Wandel. Jeder TV-Sender hat eine eigene Mediathek, um Fernsehen online anzubieten

Und da sind wir wieder mitten im Alltag unserer so geliebten Fernsehwelt. Alt wie Jung meckern fast jeden Tag kräftig über einzelne Programme. Dennoch sind es täglich wieder zig Millionen, die sich vor der heute immer flacher werdenden Mattscheibe zumeist sehr passiv betanken lassen. Den Dauerkritikern antwortet der Journalist und Buchautor Matthias Kalle in zeit.de: „…das Jammern über das Fernsehen ist noch langweiliger als langweiliges Fernsehen.“ „Viele können mit dem Gerät nicht umgehen. Sie schalten zu den falschen Zeiten zu den falschen Sendern.“ Deutlicher geht es ja wohl nicht mehr.

Eine deutliche Sprache wird bei vielen Sendern besonders dann gesprochen, wenn es um die Finanzen geht. Und genau an diesem Punkt begegnen sich dann fast unversöhnlich Quote und Anspruch. Bekanntlich müssen sich die Privaten ihre Brötchen durch Werbung verdienen. Die Öffentlich-Rechtlichen dürfen monatlich unter dem Slogan „Eine Wohnung – ein Beitrag“ vom Bürger 17,98 Euro abkassieren. Diese Gebühren-Zwangsabgabe hat schon so manchen Bürger auf die Palme gebracht.

Gerade bei jüngeren Konsumenten fördern solche Rahmenbedingungen die Suche nach Sehalternativen. Sie wandern somit noch schneller von verkrusteten TV-Sehgewohnheiten ab. Hier zeigt sich, wie es perspektivisch unklug sein kann, in einer Art staatlich verordneter Bunkermentalität blind am Althergebrachten festzuhalten. Edda Kraft, Geschäftsführerin einer Fernsehproduktionsfirma (früher Unterhaltungschefin bei SAT 1), haut noch kräftiger in diese Kerbe einer gedeckelten Kalamität: „Nur ein Bruchteil des Rundfunkbeitrags wird für die Fernsehproduktionen verwendet. Fernsehen ist mit einem enormen Verwaltungsaufwand verbunden. Die Erstellung von Fernsehen innerhalb der zur Verfügung gestellten Budgets wäre im Moment ohne zahlreiche Praktikanten und freie Mitarbeiter kaum mehr möglich.“ Es wird deutlich, dass sich in den seit Jahrzehnten gepflegten Fernsehgewohnheiten ein riesen Apparat der Öffentlich-Rechtlichen eingenistet hat. Diese Fernsehwelt aus dem letzten Jahrhundert tut sich wegen eigener Verkrustungen sehr schwer, neue Programmansätze zu fahren.

Online-Zuschauer rutschen durch das Netz der Quotenjäger

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Wer die Wahl hat, hat die Qual. Fernsehangebote en mass

Glücklicherweise entscheiden nicht nur ARD und ZDF die TV-Welt von morgen. Bereits heute ist klar: Am Flatscreen-Fenster nach draußen wird nichts so bleiben, wie es mal im Röhrenzeitalter vor der grisseligen Mattscheibe war. Unübersehbar ist, dass der große Fan-Block der überwiegend älteren linearen TV-Zuschauer zu bröckeln beginnt. Denn immerhin sind auf den verschiedensten Wegen Angebote von 2.500 Fernsehsendern in Deutschland empfangbar. Hier öffnet sich die Fernsehwelt wohl eher für junge Menschen. Man kann den TV-Wandel in vielen Häusern und Wohnungen bereits mit Händen greifen.

Das klassische Fernsehen in seinem starren Programm-Korsett läuft immer häufiger im Hintergrund. Gleichzeitig wird gechatted, gespielt. Die Instrumente für diesen „Second Screen“ sind Smartphone, Tablet oder PC. Als Dialogmöglichkeiten bieten sich „Social-TV“ wie Facebook oder Twitter an. Und genau diese Online-Zuschauer in immerhin 29 Millionen Haushalten fallen dummerweise weitestgehend durch das Netz der Quotenmesser. Da sitzen dann mal die Controller im Tal der Ahnungslosen. Ihnen bleibt nach heutigem Stand die Rest-Masse der Zuschauer-Dinos. Diese haben ihre Sehgewohnheiten teilweise noch aus der Schwarz-Weiß-Zeit konserviert.

Wegzapper versetzen Sender in Angststarre

Erste Ansätze, um in der TV-Sparte im Online-Bereich eine bessere Marktkontrolle zu haben, sind bereits zu erkennen. Die Programmmacher können es sich um des (Werbe-)Erfolges willen nicht leisten, die Sehgewohnheiten von Online-TV-Zuschauern nicht zu kennen. Denn bekanntlich fällt so gut wie jeder Sender sofort in eine Angststarre, wenn der TV-User sich gelangweilt abwendet und bei der Konkurrenz einzappt.

Zum ebenfalls relevanten individuellen Sehverhalten gibt es seit langem wissenschaftlich fundierte Erfahrungen. Da wird beispielsweise analysiert, welche Blickrichtungen die Zuschauer bevorzugen? Welche Blickgeschwindigkeit normal ist? So weiß man, dass der Blick immer erst auf Gesichter geht. Und als Transporteur von Bewegtbildern muss man dabei immer im mittleren Bereich der Blickgeschwindigkeit bleiben, sonst wird gnadenlos umgeschaltet. So Informationsmediumeinfach ist das. Welcher über Jahrzehnte erfahrene TV-Konsument wird es nicht bestätigen können, dass sehr schnelle Bildfrequenzen mit zunehmendem Alter zum Wegzappen provozieren.

Klar ist: Der Fernsehzuschauer ist weitestgehend gläsern. Klar ist aber auch: Ohne solche Untersuchungen, ohne Quoten würden die Programme wohl eher selbstherrlich nach Gutsherrenart von Programmgewaltigen gemacht werden. So halten die Verfechter des Massengeschmacks ständig ihre Warnung wie ein Mantra hoch: Ohne Quote würden vermutlich Fernsehmacher Fernsehen für Fernsehmacher machen. Mit Quote besteht aber auch die Gefahr, dass eher wenige Zuschauer ein anspruchsvolles Programm zu sehen bekommen. Das ist ein bis heute nicht gelöstes medienpolitsches Dilemma. Unzufriedenheit in beiden Lagern erleben wir als Folge.

Ältere und das Viel-Seher-Syndrom

Neben den nackten Quoten interessieren aber genauso die Zuschauer-Strukturen. Inwieweit halten noch gewohnte generationsübergreifende Klammern, wie wir sie beispielsweise von Fußballweltmeisterschaften gewohnt sind? Denn kein Sender steht gerne auf dem Pantoffelkino-Siegerpodest für Opas und Omas. Wie alle übrigen Medien, so kämpfen auch die TV-Anstalten um das junge Publikum – mit teilweise mäßigem Erfolg. Inhaber des Spitzenplatzes im Methusalem-Ranking ist das Bayern-TV. Es bindet das älteste Publikum aller deutschen Sender. Im Schnitt kommen die ZuschauerInnen auf 64 Jahre. ARD-Vorsitzender und NDR-Intendant Lutz Marmor bestätigt für die bildungs-ambitionierten Sender: „Die großen Erfolgsgeschichten schreiben bei uns derzeit die dritten Programme.“ Aber auch sie bewegen sich im Alterssegment über 60.

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NDR-Intendant Lutz Marmor: Erfolgsgeschichten schreiben die Dritten Programme

So ist das linerare Fernsehen unter der Hand zum Seniorenmedium mutiert. Und dieser Trend hält weiter an. Legen also die Senioren jetzt im höheren Alter ein neues Sehverhalten an den Tag? Nein! Untersuchungen haben gezeigt, dass sie nichts anderes tun, als ihre früheren Fernsehgewohnheiten verstärkt fortzusetzen. Schnell entsteht bei ihnen das Viel-Seher-Syndrom. Sie nehmen immer weniger am gesellschaftlichen Leben teil. Dieser Anteil an den Fernsehguckern dieses Landes ist älter, einkommensschwach und eher ungebildet; er ist politisch und kulturell desinteressierter. Dazu kommt, dass er emotional unglücklicher, einsamer und unzufriedener ist. Die Folge sind dramatische sozial-kulturelle Abstände zwischen einer Minderheit hoch gebildeter, ihre Lebenserfahrung ausnutzende und sozial integrierte „alterslose Alter“.

Helfried Spitra: „Das Lagerfeuer-Fernsehen ist jetzt schon tot“

Ein weiterer, aber positiver Aspekt ist, dass die Älteren verstärkt dazu neigen, parasoziale Beziehungen zu TV-Protagonisten aufzubauen. Das reduziert in angenehmer Weise Einsamkeitsgefühle. Außerdem strukuriert es den Tages- und Wochenablauf und bietet Entspannung sowie Unterhaltung. Untersuchungen haben darüber hinaus ergeben, dass diese Art der Berieselung die Stimmung tendentiell auch aufzuhellen scheint. Diese Mühelosigkeit aber birgt auch die Gefahr einer Infantilisierung.

Ach ja, da gibt es noch die Spezies eines viel kritisierten Fernsehnutzers: Der Zapper. Er lässt sich vom Moment-Eindruck einer Sendung gefangennehmen – oder eben nicht. Schnell mal durch die Programme gesurft und alles gesehen. Man schiebt diese von insbesondere den Bildungsbeflissenen als Unart titulierte Eigenart überwiegend Männern unter die Fernbedienung. Und das selbst erzeugte teilweise rasante Flackern wird gerne mit dem Lagerfeuer in maskuliner Romantik verglichen. Aber auch hier kündigt sich ein Aussterben dieser Marotte an: Der Platz am flimmernden Lagerfeuer mit Programmdiktat wird immer seltener eingenommen.

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Marc Schröder, Geschäftsführer von RTL interactive: Wert des kuratierten Programms

Und für den Stellvertretenden WDR-Fernsehdirektor und Programmmanager Helfried Spitra ist dieses Lagerfeuer-Fernsehen jetzt schon tot. Dennoch glaubt er, dass nach wie vor eine große Anzahl von „bequemen Nutzern“ bleibt, die sich überraschen oder berieseln lassen wollen. Marc Schröder, Geschäftsführer von RTL interactive, stützt diese Sichtweise: “Wer eine Familie hat und abends nach der Arbeit nach Hause kommt, der schätzt das kuratierte Programm mehr als ein 16-Jähriger.“

Die Toten fördern die Quoten

Diese kuratierten Programme scheinen sich ganz besonders in einem wohl gern gesehenen Genre einzunisten getreu dem Motto: Die Toten fördern die Quoten. Ziemlich gleichförmige und massenweise Krimiserien sind die Folgen dieses starren Blicks auf die Einschaltmasse. Selbst die Kosten sind keine wirkliche Bremse gegen diese Killer- und Verbrechensaufklärer-Welle. Diese Stücke aus der Welt übler Kapitalverbrechen sind vergleichsweise nicht teuer. So kostet der Tatort durchschnittlich nur 1,4 Millionen Euro. Und in der Regel gucken zwölf Millionen zu – wenn es gut läuft, also die Toten stimmen.

Apropos billige Produktionen: Auch die Talkshows sind, so NDR-Intendant Lutz Marmor, „deutlich billiger. Sie sind ein ziemlich günstiges Genre. Reden ist nun mal günstiger, als fiktionale Formate zu produzieren.“ So ist es sicherlich lobenswert, wenn Intendaten und Direktoren mit spitzer Feder rechnen. Aber angesichts der Gesamteinnahmen der Öffentlich-Rechlichen (2014: ca. 7,3 Milliarden Euro) wundert sich der Bewegtbild-Gucker manchmal, was er denn so für sein Geld bekommt. Faz.net stellte denn auch fest: „Dass man am frühen Samstagabend das Fernsehprogramm jenseits der „Sportschau“ kaum wahrnimmt, ist nicht zu bedauern: provinzielle Vorabendserien, markige Magazine und mehrere Ermittler-Dokus konkurrieren traurig um Aufmerksamkeit.“

Intendant Marmor findet „das in Ordnung“ angesichts der angebotenen Vielfalt. Die einfach gestrickten Herz-Schmerz-Hände-hoch-Geschichten erfreuen ganz offensichtlich die zappenden Quoten-Bürger in zumeist passivem TV-Konsum. Die Platzierung von Einzelsendungen ist dabei auch ein Thema: Es kommt auf die Dramaturgie der einzelnen Sendungen an. Hier werkelt aber jeder Sender für sich, was er wie hintereinander bringen kann, was nicht läuft und was die Konkurrenz macht. Wieder einziges Ziel: Der Zuschauer darf nicht bei der nächsten Sendung abspringen.

Nur drei Prozent mit ARD-Angebot glücklich

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Täglicher Medienkonsum via Smartphone/TV bei Multiscreen-Nutzern in Min. ©grafik-statista

Bei so viel Forschung, Beobachtung, Analyse ist es erstaunlich, dass viele Sender den Zuschauer offensichtlich nicht zufrieden stellen. Insbesondere den Öffentlich-Rechtlichen ist trotz Quote irgendwie, aber ganz offensichtlich der zufriedene Zuschauer flöten gegangen. So äußert sich fast die Hälfte der Zuschauer als unzufrieden mit den deutschen Fernsehsendern. Es kommt noch krasser: Nur drei Prozent sind mit dem ARD-Angebot glücklich. Diesen Platz teilt sich der Sender mit Kabel1.

Ressortleiter Tim Schleider stellt in der Stuttgarter Zeitung fest: „Es gibt eine lustvolle Wut auf das ewig schlechte Programm.“ All´ das scheint uns aber nicht vom Vielfernsehen abzuhalten. In der täglichen Nutzung des „Mäusekinos“ zeigt sich folgendes Ranking: Wir Deutschen liegen im Ländervergleich im Mittelfeld mit 234 Minuten täglich. Weltmeister ist Rumänien mit 340 Minuten. Es folgen Serbien (306), Portugal (298) und die USA mit 293 Minuten.

Als Lösung für dauer-frustriere TV-Wutbürger gibt Dr. Gerd Bauer, Direktor der Landesmedienanstalt Saarland, einen fast väterlichen Rat: „Sicherlich haben auch Sie sich schon über aggressive Werbepraktiken im Fernsehen, gewalttätige Szenen im Nachmittagsprogramm oder Beiträge geärgert, die die Grenzen des guten Geschmacks weit überschreiten. Das Bürgerportal „Programmbeschwerde.de“ bietet Ihnen ein Portal, in dem Sie sich über solche Formate beschweren können. Wir helfen Ihnen dabei, dass Ihre Beschwerde nicht einfach verpufft, sondern an der richtigen Stelle ankommt und geprüft wird.“ Na, das ist doch mal ein sauberes Ventil.

„Fernsehmacher haben viel zu lange gepennt“

halstuch

Als die erste Folge von „Das Halstuch“ am  3. Januar 1962 ausgestrahlt wurde, fieberte die Nation vor den noch schwarz-weißen Flimmerkisten insgesamt vierzehn Tage lang, wer wohl der Halstuchmörder gewesen sein könnte

Konkret vernichtend meldet sich zum Thema Programm-Innovation die YouTuberin Marie Heimberg: „Wir brauchen mehr geilen Scheiß und endlich wieder Räume, um zu experimentieren“. Das ist natürlich starker Tobak. Aber es scheint was dran zu sein, denn den Programm-Machern fehlt es offensichtlich an zündenden Ideen für alle Altersstufen. Florian Hager, der Stellvertretende Programmdirektor bei ARTE, gibt sich denn auch selbstkritisch: „Wir Fernsehmacher haben viel zu lange gepennt und geglaubt, dass wir der Platzhirsch sind. Und jetzt kommen YouTuber daher, die unglaubliche Abrufzahlen haben. Wer jetzt aber glaubt, dass man einfach einen YouTuber einkauft und so auch die Zielgruppe bekommt, ist schief gewickelt.“ Auch das wieder eine späte Erkenntnis. Denn der Urknall mit YouTube fand bereits 2005 statt.

Die Zeiten sind längst vorbei, als man sich noch in den 50-er und 60-er Jahren, also in der Gründerzeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, bereitwillig eine bundesdeutsche Nachkriegsidentität vermitteln ließ. Man war gerne Sklave weniger Programme und ihrer Macher. Das waren noch Zeiten, als die legendären Durbridge-Verfilmungen in den späten 60-er Jahren die Straßen leerfegten. Bekannte Serien haben sich Block für Block im mediengesellschaftlichen Bewusstsein tief eingenistet. Erinnert sei an die Lindenstraße. Und Tatort hat sich bis in die Gegenwart unseres TV-Lebens hinübergerettet.

Die Sender justieren die Altergrenzen neu

Immer wieder treffen sich Familien und Kleingruppen vor dem Fernsehschirm zum privat viewing oder bei Großereignissen des Fußballs eben zum public viewing. Genuss im Klein- oder Großrudel gefällt dann selbst dem wie auch immer definierten Bildungsbürger. Dennoch: Pauschal sind auch die Serien unter Quoten-Druck: RTL beispielsweise findet offensichtlich keine neuen zündenden Formate. Und noch eins: Weil gerade die alteingesessenen Fernsehsender ständig Marktanteile verlieren, fragmentieren sich insbesondere die Privaten immer weiter. Sie schicken den Frauensender Sixx oder Sat1 Gold für Frauen zwischen 49 und 64 Jahren ins Rennen. Für Männer zwischen 40 und 49 Jahren dann von ProSieben Maxx. Die Macher betrachten das als auf die Lebenssituationen der Zuschauer zugeschnittene Angebote. Die Nutzer erwarten das wohl inzwischen vermehrt aufgrund ihrer Erfahrungen im Internet.

Auch mit Blick auf werberelevante Ausrichtungen justieren die Sender nach. So hat die Mediengruppe RTL Deutschland die bisherige Zielgruppe 14- bis 49 Jahre auf 14 – 59 Jahre erweitert. Man komme eben an der demografischen Entwicklung nicht vorbei, sagt Julian Weiss, Geschäftsleiter Marketing beim RTL-Vermarkter IP Deutschland. Seine – wohl etwas späte – Erkenntnis: Die 50- bis 59-Jährigen haben „ein ganz anderes Lebensgefühl als vor 25 Jahren“ und sind ein „ordentliches Konsumpotential“.

Der linerare Fernseher ist 57 Jahre alt

Ganz sicher spielen bei einer solchen Quoten-Apartheit zwischen Quantität und Qualität die älteren Zuschauer eine wichtige Rolle. Denn sie sitzen doppelt so viel Zeit vor den Flimmerkisten, die ja schon lange nicht mehr flimmern. Einen Anhalt dafür geben Ergebnisse des US-Marktforschers Nielsen. Auch wenn man den transatlantischen Markt nicht mit dem unseren gleichsetzen kann, werden die Daten sicherlich bei uns ähnlich ausfallen. Danach schauen Frauen 16 Stunden mehr TV im Monat als Männer. Die höchste Aufmerksamkeit gegenüber dem linearen Fernsehen haben die 50- bis 64-Jährigen. Bestätigt wird diese Erfahrung in Deutschland. Das lineare Fernsehen zieht im Schnitt 57-jährige Nutzer an. Die Nonlinearen sind zehn Jahre jünger.

„Die Zukunft des Fernsehens“, erkannte der US-Informatiker Nicholas Negroponte schon 1995 in seinem Bestseller „Being Digital“, „besteht darin, dass wir aufhören, das Fernsehen als Fernsehen zu betrachten.“ Dem Aktiv-Fernsehen gehört die Zukunft. Und der bildungshungrige Bürger kann sich immer smarter zu normalen Bürger-Wach-Zeiten das ansehen, was quotenabhängige Programmacher irgendwo im Nachtprogramm versteckt hatten. Und für den großen querschnittlichen Quotengeschmack bleibt uns dann wohl weiterhin das Dschungel-Camp als Stilmittel des guten alten Dorfklatsches erhalten.

Dieter Buchholtz

 

Und dann ist Ruhe
Aus der Urzeit des Fernsehens
Wenn ich als Kind nicht schlafen konnte, schlich ich mich nachts ins Wohnzimmer, um mir den Sendeschluss anzusehen. Es gab ja so um 23 Uhr rum noch mal die Tagesschau und nach dem Wetter hieß es immer: „Damit ist das Programm der ARD für heute beendet, noch mal einen Blick auf die Uhr, es ist 23:12 Uhr. Nachfolgend noch das Programm für morgen, Dienstag den 25. Februar 1969. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.“ Dann kam die Programmtafel und das alte ARD-Zeichen, was so aussah wie eine Ellipse und unten drunter stand „Sendeschluß“, dann kam das Testbild und dieser hohe Ton. Dann war wirklich Nacht und Ruhe.
Werner Truba über Facebook





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