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Jogging-Point

Ein doppeltes Erlebnis

La Cite-01

Früher Schwimm- und Wellnessbad – heute Kulturzentrum

Wer den Weg nach Lüttich nicht scheut, der darf sich auf ein doppeltes Erlebnis freuen – auf eine außergewöhnliche Ausstellung in einem außergewöhnlichen Gebäude. Denn die bis zum 29. März 2015 in der im Herzen der belgischen Maasmetropole liegenden Cité miroir (übersetzt: „Spiegelstadt“) gezeigten 26 Bilder gehören nicht nur zu den Meisterwerken der bedeutendsten Im- und Expressionisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von den Nazis als „entartete Kunst“  verteufelt, sind sie zugleich Teil einer ebenso abenteuerlichen wie einmaligen Geschichte. Und auf eine ziemlich beispiellose Historie kann auch das Kulturzentrum in der Lütticher Altstadt zurückblicken.

Der Titel ist Inhalt

Picasso, La familie

„Hitlers Entartete Kunst – die Pablo Picasso „La famille soler“

Der Titel der Exposition weist bereits auf den Inhalt hin: „Hitlers entartete Kunst – die Versteigerung von Luzern“. Auf einer, von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkten, Auktion hatten die Nationalsozialisten am 30. Juni 1939 in der renommierten Luzerner Galerie Theodor Fischer 108 Bilder und 17 Skulpturen aus den Ateliers von 39 Künstlern unter den Hammer gebracht. Sie waren Teil jener rund 7000 Kunstwerke, die seit der Machtergreifung der NSDAP in den staatlichen Museen des Reichs als entartete Kunst konfisziert und deren Schöpfer als degeneriert oder dekadent verunglimpft worden waren. Das hinderte die staatlichen Diebe freilich keineswegs daran, ihren Raub möglichst Gewinn bringend zu versilbern.
Kein Wunder, zählten doch die angeblich entarteten Künstler national wie jenseits der Grenzen zu den größten der Epoche: Barlach, Beckmann, Hofer, Grosz, Schmidt-Rottluff, Kokoschka, Klee, Corinth, Liebermann, Marc, Matisse, Modigliani, Gauguin, Chagall, um nur einige aus diesem erlauchten Kreis zu nennen. Zu der am 30. Juni 1939 um 14,15 Uhr beginnenden Kunst-Auktion hatten sich im Luzerner Grand Hotel National zwischen 300 und 350 Personen versammelt. Darunter befanden sich auch zwei belgische Delegationen – eine aus der Stadt Lüttich, die andere kaufte im Auftrag des Staates Kunst auf. Am Ende hatten die Lütticher neun, die staatlichen belgischen Emissäre sechs Bilder erworben.

Über die ganze Welt verstreut

Laurencin, Portrait

Marie Laurencin, Portrait

Heute sind die seinerzeit versteigerten Werke über die ganze Welt verstreut und befinden sich in öffentlichen oder privaten Sammlungen. Die Ausstellung in der Lütticher Cité Miroir erinnert nun erstmals in einer geschlossenen Form an jenes Ereignis vor praktisch einem dreiviertel Jahrhundert. Wobei die Verantwortlichen die Ausstellung auf eine geradezu beispielhafte Weise in den zeitlichen Zusammenhang jener Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg stellen. Zu den 26 Exponaten gehören Skulpturen wie Das Wiedersehen oder Die Wartende von Ernst Barlach, Bilder wie Das blaue Haus von Marc Chagall, Der Tod und die Masken des Belgiers James Ensor, die Hexe von Hiva aus dem Atelier Paul Gauguins, Oskar Kokoschkas Hypnotiseur oder auch Max Liebermanns Reiter am Strand.
Natürlich ist der zeitliche Zusammenhang Zufall, aber er ist dennoch zugleich auch in gewisser Weise symbolhaft. Im selben Jahr nämlich, in dem diese ebenso einmalige wie gespenstische Versteigerung „entarteter Kunst“ im Auftrag der Nazis erfolgte, begann die Errichtung jenes Gebäudes, das jetzt die Erinnerungs-Ausstellung beherbergt. Was freilich heute als Spiegelstadt ein architektonisch eindrucksvolles Kulturzentrum darstellt, war seinerzeit ein für die damaligen Verhältnisse geradezu futuristisches Schwimm- und Wellnessbad. Zum Glück wurde es nach seiner Schließung Ende der 80-er Jahre nicht abgerissen, sondern vor Kurzem (unter Einbeziehung vieler originaler Elemente) vollständig renoviert. Ein Besuch der Cité und der Ausstellung Hitlers entartete Kunst – die Luzerner Auktion sei warm empfohlen. Wobei allerdings die Parkplatz-Situation problematisch ist.
Gisbert Kuhn

Info:

La Cité Miroir
Plae Xavier Neujean 22
4000 Lüttich (Liège)
Net: www.citemiroir.be
Email: info@citemiroir.be
Offen: Montag bis Freitag 9 – 18 h
Samstag und Sonntag 10 – 18 h
Eintritt: Voller Preis 12 €





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