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Die Hammerschläge der Reformation

Der lange Nachhall des Thesenanschlags

Mit hochkarätigen Ausstellungen zelebriert die protestantische Welt ihr 500. Reformationsjubiläum.

„German Angst“? Tief verankert in der deutschen Volksseele wird sie in ihren zuweilen überaus heftigen Ausschlägen sogar zum Gegenstand des Gespötts bei den europäischen Nachbarn. Auch in einem Superwahljahr wie diesem greift sie um sich. Nicht zuletzt dann, wenn kritische Stimmen einen Abbau des Sozialstaats befürchten. Darf man auch weiterhin auf ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit hoffen, um das befürchtete Abgleiten in die Altersarmut zu verhindern?

Im ausgehenden Mittelalter wurde die soziale Frage überlagert von einer weitaus schwerwiegenderen Befürchtung. Denn in weiten Teilen der Bevölkerung stand damals an vorderster Stelle nicht die soziale Gerechtigkeit, sondern Gottes Gerechtigkeit. Wie sollte man im Jüngsten Gericht bestehen, wenn ein zürnender Gott alle Sünden anrechnete, die sich im Laufe eines langen Erdenlebens auf dem privaten Schuldkonto angesammelt hatten?

Reformatorische Erkenntnis

Martin Luther

Auch Martin Luther tat sich schwer mit diesem Problem. Beim Studium der Paulusbriefe im Neuen Testament fand er heraus, dass Gottes Gerechtigkeit nicht mit menschlicher Verdammnis einher gehen musste. Vielmehr, so erkannte er, entsprach es Gottes Wesen, alle Menschen gerecht zu machen, die an seine befreiende Erlösungstat in Jesus Christus glaubten. Damit war die zentrale reformatorische Erkenntnis aus der Taufe gehoben, und vorbei war es mit den bisherigen Gewissensqualen, dem Fegefeuer und dem Ablasshandel.

 Doch wer konnte in den politischen und religiösen Wirren jener Zeit schon ahnen, dass Luthers hammerharter „Anschlag“ in Wittenberg auch gleich die ganze Kirche ins Wanken bringen würde? Denn überall im Land setzte der Nachhall ein unglaubliches reformatorisches Potential frei, das mit seinen neuen Einsichten die bisherige Glaubenswelt gleichsam auf den Kopf stellte.

Reformatorisches Kernland

Wen wollte es da verwundern, wenn die Kernlande der Reformation in diesem Jahr besonders nachdrücklich in den Jubelgesang der „Wittenbergischen Nachtigall“ einstimmen. Die Länder Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen tun dies in einem kaum zu überbietenden Kultur- und Ausstellungsprogramm. In neuem Glanz erstrahlen die Geburts- und Sterbestätte in Eisleben sowie das Lutherhaus in Eisenach, in dem der junge Luther einst als Vollwaise Zuflucht fand.

Zudem besinnt sich die Stadt Erfurt auf stilvolle Weise ihrer Luthertradition. Denn begann nicht hier seine theologische Karriere, als ihn ein unter Todesangst abgelegtes Gelübde in das ehrwürdige Augustinerkloster führte? Hier schuf er in seinem kleinen Studierzimmer im Ringen um die theologische Wahrheit die persönlichen Voraussetzungen für seinen späteren erfolgreichen Werdegang als Reformator.

Teuflische Attacken

Die Wartburg oberhalb von Eisenach

Auch die Wartburg oberhalb von Eisenach erweist sich als ein Eckpunkt in seiner frühen Biografie. Sie diente ihm als Zufluchtsstätte nach dem Wormser Reichstag, auf dem er sich unter Überwindung aller Ängste dem kaiserlichen Befehl widersetzt hatte, alle seine Schriften zu widerrufen. Selbstbewusst setzte er hier auf der Wartburg noch eins drauf, indem er in nur zwölf Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. Eine Meisterleistung und ein Durchbruch zugleich.

Mit einer höchst anschaulichen Ausstellung zum Thema „Luther und die Deutschen“ darf sich der Reformator heute an seinem markanten Wirkungsort der Anerkennung des Landes Thüringen sicher sein. Natürlich gehört nach Ansicht von Projektleiter Dr. Marc Höchner auch Luthers Arbeitszimmer dazu, an dessen Rückwand in kurzem Zeittakt die Projektion eines auffälligen Tintenflecksein auffälliger Tintenfleck erkennbar wird. Echt oder unecht, das ist hier die Frage. Oder genauer: Wieviel hundertfach ist er in den vergangenen 500 Jahren wohl erneuert worden, damit ihn auch die heutigen Generationen noch bestaunen können? Sicher ist nur, dass der Teufel mit seinen Attacken den erfolgreichen Abschluss der Bibelübersetzung nicht hat verhindern können.

 Weg zur inneren Freiheit

Über den Löwenanteil jedoch an Reformations-Exponaten verfügt das Land Sachsen-Anhalt, war doch Wittenberg für mehrere Jahrzehnte das Zentrum der Reformation. Hier imponiert vor allem das großartig renovierte Lutherhaus, ein ehemaliges Augustinerkloster, in dem der Reformator mit seiner Frau Katharina von Bora seine zweite Lebenshälfte forschend und lehrend verbrachte.

In weiteren Bereichen des Lutherhauses sind unter dem Ausstellungstitel „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“ Exponate aus den unterschiedlichsten Bereichen der Reformationsgeschichte zusammen getragen. Ein wichtiger Teilbereich ist dem Schrecken des Todes gewidmet, der mit seiner ständigen Drohung nur wenig Lebensfreude aufkommen ließ. Umso erstaunlicher, so Dr. Stefan Rhein als Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen Anhalt, wie erfolgreich Luther mit seinem religiösen Perfektionismus auch seine Glaubensangst überwand.

Widerspruch und Respekt

Das Lutherdenkmal in Wittenberg

Dass Luther nicht nur Zustimmung sondern zuweilen auch Widerspruch erfährt, dokumentiert der zweite Ausstellungsschwerpunkt unter dem Titel „95 Menschen“. Porträtiert werden, so erklärt Kurator Benjamin Hasselhorn, zahlreiche Persönlichkeiten, die alle auf unterschiedliche Weise in Kontakt standen zur Botschaft der Reformation. Ihr Spektrum reicht von Karl May, der Winnetou zum Christen machte, über Fjodor Dostojewski bis hin zu Sophie Scholl.

Der berechtigte Widerspruch zu Luther und seiner Lehre entzündet sich heute vor allem an seiner Einstellung zum Judentum, dem er – nach anfänglichen Sympathie-Bekundungen – später in kaum verständlicher Schärfe seine Toleranz verweigerte. Und natürlich entzündet er sich an Luthers Haltung gegenüber den aufrührerischen Bauern, die er mit markigen Worten der fürstlichen Übermacht preisgab. Was allerdings nach 500 Jahren Thesenanschlag zurück bleibt, ist der Respekt vor dem Mut des Reformators, der in Glaubensfragen selbst den höchsten kirchlichen und politischen Instanzen die Stirn bot.

Dr. Bernd Kregel   ( Unterstützung der Recherche durch Thüringer Tourismus GmbH und Sachsen-Anhalt Tourismus)

Informationen “Luther”:

Anreise

Routenvorschlag: Eisenach, www.eisenach.info; Erfurt: www.erfurt-tourismus.de; Lutherstadt Eisleben: www.lutherstaedte-eisleben-mansfeld.de; Lutherstadt Wittenberg: www.lutherstadt-wittenberg.de

Reisezeit

Bis 05.11.2017, dem Ende der drei nationalen Hammer-Sonderausstellungen; spätestens bis Mitte 2018, dem Abschluss des Reformations-Jubiläumsjahres, www.luther-erleben.de

Ausstellungen

Die volle Wucht der Reformation, www.3xHammer.de; Der Luther-Effek, Martin-Gropius-Bau, Berlin, 12.04.-05.11.2017; Luther und die Deutschen, Wartburg, 04.05.-05.11.2017; Luther! 95 Schätze – 95 Menschen, Lutherhaus Wittenberg, 13.05. – 05.11.2017

Unterkunft

Eisenach: Romantik Hotel auf der Wartburg, www.wartburghotel.de; Erfurt: Hotel am Kaisersaal, www.bachmann-hotels.de; Lutherstadt Eisleben: Hotel Graf von Mansfeld, www.hotel-eisleben.de;

Lutherstadt Wittenberg: Luther-Hotel, www.Kuther-Hotel-Wittenberg.de

Auskunft

Sachsen-Anhalt: Tel. 0391-56899-80, www.sachsen-anhalt-tourismus.de; Thüringen: Tel. 0361-3742-219, www.thueringen-entdecken.de; www.lutherland-thueringen.de

 

 




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