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Der Ort, an dem die Reise endet

Rezension von Dr. Aide Rehbaum:  Yvonne Adhiambo Owuor, Der Ort, an dem die Reise endet

Yvonne Adhiambo Owuor

Die Autorin dieses anspruchsvollen Debütromans ist Kenianerin. Der Ort, an dem die Reise endet, ist Wuoth Ogik im Norden Kenias. Die Künstlerin Ajany kehrt aus Brasilien nach Kenia zurück, um gemeinsam mit ihrem Vater ihren geliebten Bruder Odidi zu Grabe zu tragen, der in Nairobi erschossen wurde. Während sie sein Grab schaufeln, taucht ein Ausländer auf, Isaiah Bolton, der seinen Vater sucht.

Der Roman erzählt in ständigen Zeitsprüngen, die auf Kosten des Spannungsbogens gehen, aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten die Geschichte zweier Familien. Die Lebensläufe sind eng mit der Entstehung des Staates Kenia verknüpft. Das Glossar erklärt zu knapp einzelne Vorkommnisse, (beispielsweise bei „Patrice Lumumba“ fehlt die Ermordung) aber vieles bleibt zusammenhanglose Momentaufnahme und so angedeutet, wie es ein Zeitgenosse erleben konnte, der den großen Zusammenhang und die Hintermänner nicht kannte. Vorkenntnisse erleichtern die Lektüre. Idealerweise sollte man sich anschließend ergänzend informieren, sonst bleibt das ganze reduziert auf eine stellenweise bedrohlich bedrückende Anklage.

Der Bogen spannt sich vom Ende des Zweiten Weltkriegs, als das britische Ehepaar Bolton in die damals englische Kolonie kommt, bis zu den blutigen politischen Unruhen in den Jahren 2007/2008. Isaiah Bolton erfährt, dass das Schicksal seines Vaters eng mit Ajanys Familie verknüpft ist. Wir erfahren von der unrühmlichen Vorgeschichte der Eltern, von zerstörtem Idealismus und Hoffnungen, die sich an die Unabhängigkeit des Landes knüpften. Ajany erforscht, warum der Bruder vom aufstrebenden Ingenieur zum rebellischen Kriminellen wurde.

Die sehr poetische Sprache, häufig eine Ansammlung von Gedankensplittern und Schlagworten, ist eine Herausforderung für jeden Leser. Zitate in der Landessprache Swahili erhöhen die Authentizität. Sie zwingt zum Langsam-Lesen, denn jeder Metapher, die die Gefühlsebene erzählt, muss hinterhergespürt werden, um den ganzen Inhalt zu erfassen, ohne den zeitlichen Faden zu verlieren. Der Stil verdeutlicht die Zerrissenheit und Unruhe der Familie, in der jeder Schreckliches zu verschweigen hat. Yvonne Owuor verleiht jedenfalls ihrer Kultur eine eigene Stimme.

Yvonne Adhiambo Owuor, 1968 in Kenia geboren, lebt als Autorin in Nairobi. Ihre Kurzgeschichten erschienen in internationalen Literaturmagazinen. “Der Ort, an dem die Reise endet” ist ihr erster Roman.

 

 

 

DuMont Verlag
Yvonne Adhiambo Owuor
Der Ort, an dem die Reise endet
Roman
512 Seiten, mit farbigem Vorsatz und Lesebändchen, Originalverlag: Alfred A. Knopf, New York 2014, Originaltitel: Dust
Erscheinungstag: 15.03.2016
ISBN 978-3-8321-9820-6




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