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Der ausgestopfte Barbar

Gergely Péterfy, Der ausgestopfte Barbar

Gergely Péterfy

Der Autor hat an seinem Kulturthriller, der die Zeitphase von ca. 1720-1831 umfasst, zehn Jahre recherchiert. Der Titel bezieht sich auf Angelo Soliman, der zur Zeit der Aufklärung eine berühmte Persönlichkeit war. Als Kind von Portugiesen in Afrika gekauft und von Fürst Lobkowitz als pädagogisches Versuchsobjekt erzogen, bekam er eine hervorragende Ausbildung, war Höfling des Fürsten Liechtenstein und wurde ein Naturwissenschaftler und Universalgelehrter von Format. Sein Leichnam wurde 1796 auf Befehl Kaiser Franz II., für das Naturalienkabinett präpariert und in der Wiener Hofburg als namenloses Exemplar seiner „Rasse“ bis 1848 ausgestellt .

Der Titel ist etwas irreführend, denn der Leser muss sich sehr gedulden, bis das Buch tatsächlich etwas über die Hauptfigur preisgibt. Acht von elf Kapiteln beginnen mit der gleichen Szene: die in ihrer Zeit emanzipiertere und mehr als üblich gebildete Witwe des Geistes- und Kulturwissenschaftlers Ferenc Kazinczy (geb. 1759), Sophie Török, steht, nachdem ihr Mann 1831an der Cholera gestorben ist, im Vorläufer des Naturhistorischen Museums Wien vor dem Präparat des Afrikaners, erinnert sich aber zunächst ausufernd und in Zeitsprüngen an den mit der k.u.k. Monarchie parallellaufenden Niedergang ihrer adligen Familie.

Die Sprache ist kunstvoll dem Stil der dargestellten Zeit und den Arbeiten Kazinczys angepasst. Er war Leitfigur der ungarischen Aufklärung, übersetzte u.a. Goethe, Shakespeare, Molière und antike Autoren. Seine Briefe (sechstausend sind bekannt) und Erinnerungen an seine Gefangenschaft werden ausgewertet und von Peterfy eingewoben. Wir erfahren in zahllosen Rückblenden viel über die Anfänge der Wissenschaften, die Alchemie, die Rolle der Freimaurerei, der Einflüsse der Französischen Revolution auf die Donaumonarchie.

Das Hauptmotiv von Peterfys Roman sind jedoch die Abgründe der menschlichen Natur im Umgang mit dem Fremden und Andersartigen. Wir erleben, wie bei den adligen Spießern und ungebildeten Bauern das Bösartige freigesetzt wird. Das Fremde wird teils roh, teils subtil gequält, verlacht, verachtet, herabgewürdigt und kommt es durch Bildung, Intelligenz, Nachsicht und Toleranz zu Vermögen, dann ist es Zielscheibe von Neid, Lüge und Verleumdung.

Der Afrikaner (als exotisches Studienobjekt und Jahrmarktattraktion) und der ungarische Außenseiter Kazinczy (in Wien als Barbar geschmähter Ungar), der versuchte, in einem von den Türken verwüsteten Land nach westlichen Maßstäben wie ein wahrer Europäer zu leben, finden sich deshalb als Freunde im Geiste und in stolzer Einbildung ihrer eigenen Überlegenheit.

Obwohl die Sprecher innerhalb der Kapitel wechseln, wird die direkte Rede durchgängig nicht gekennzeichnet. Wenn innerhalb der direkten Rede von direkter Rede berichtet wird, wechselt der Satz in kursive Schrift. Keine gute Lösung. Das erfordert Konzentration, um den Faden auch bei Unterbrechungen nicht zu verlieren. Dennoch ist der erschütternde Roman auf jeden Fall die Mühe wert .

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Nischen-Verlag

556 Seiten
ISBN 978-3-9503906-2-9
€ 28.-  




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