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All inclusive

© Aide Rehbaum

Wenn ein Kind im Dorf fiebert, werden die Ahnen befragt, statt ein Malariamedikament zu verabreichen.

 „Du interessierst dich wirklich für Hexen?“ Annikas nigerianischer Gastgeber Egbe wippte schmunzelnd auf seinem Stuhl. “Na, da kann ich dir etwas zeigen. Starke Nerven hast du ja. Sonntags sind die Verhandlungen vor diesem Gericht. Reserviert für Hexen. Du kannst sehen, es geht alles mit rechten Dingen zu. Bist du interessiert?“

Was für eine Frage! So ein Angebot konnte sie nicht ausschlagen, auch wenn es ihren Urlaub durcheinanderbrachte. Dabei hatte Egbe mehr höflichkeitshalber gefragt, womit sie sich gerade zuhause in Europa beschäftige. Sie untersuche, hatte sie geantwortet, warum Jahrhunderte zuvor religiöse Wahnvorstellungen mit der Hinrichtung tausender Menschen endeten.

Am Rande der Großstadt Benin City stiegen sie zwischen Wohnblocks aus dem Auto, schlängelten sich durch Fahrzeugkolonnen und wichen beladenen Marktfrauen aus, die in ihre Handys schnatterten, um zu einer unverputzten Lehmhütte mit Wellblechdach zu gelangen. Egbe arrangierte ihre Teilnahme durch die Zahlung von mindestens einem Bündel Geldscheine. Schmiermittel in die Hand des Chiefs. Nun teilte sich die Menschenmenge vor ihnen in einer Mischung aus Bewunderung und Hab acht!, als wäre die Queen zu einer Schiffstaufe eingetroffen.

„Welcome, Missis“, begrüßte sie der Chief, von dessen nackter Brust Schweißtropfen perlten und in seinem weißen, gestärkten Wickeltuch versickerten. Sein feistes Gesicht spiegelte Stolz und gewichtige Pflichterfüllung. Vielleicht war Annika das erste Bleichgesicht, das sich während seiner Amtszeit hierher bemühte.

Auf den wahren Grund wäre sie nicht im Traum gekommen.

Hexerei, Voodoo, Witchcraft, Juju, Zauber, traditionelle Heiler, Sangoma – die bösen und die guten Mächte sind in Afrika allgegenwärtig.

Ein Schritt aus der gleißenden Helle in die schummrige Kate genügte und die Dunkelheit sog sie ein. Der Chief steuerte die Nachtblinde am Ellbogen zu den Bänken, wo Frauen bereitwillig für sie zusammenrückten. Ihre Pupillen hatten sich kaum angepasst, da schreckte sie zusammen, doch die bedrohlich vor ihr aufragende Gestalt war nur eine grob zurechtgehauene Statue, behängt mit Ketten aus Kaurischnecken. Dahinter saß das Tribunal aus rot gekleideten Frauen und Männern.

Was lag denn da? Auf dem Boden häuften sich undefinierbare Gerätschaften aus Eisen, die schreckliche Assoziationen weckten. Daumenschrauben? Die würden doch nicht…, Nein, sicher hatte sie Egbe missverstanden und er hatte von einem Historienspektakel gesprochen. Anders konnte es doch nicht sein.

Auf ein Zeichen führte eine Frau drei Kinder herein und das Publikum stöhnte im Chor. Ihr schriller Bericht wurde vom Chief ins Englische übersetzt

„Ich bin die Tante dieser Kinder. Sie sind fünf, sieben und neun Jahre alt und verhexen jeden in der Familie. Vor einem halben Jahr haben sie meine Schwester umgebracht und meine Mutter hat sie aufgenommen. Seit vier Wochen ist die selber sterbenskrank, der Medizinmann ist am Ende mit seiner Kunst. Der jüngste hat mir gestanden, was die gemacht haben. Schieben Sie dem einen Riegel vor! Sonst bin ich die nächste.“

Die drei standen eingeschüchtert mit gesenkten Köpfen in absoluter Stille.

„Stimmt das?“ Der Richter fragte den mittleren Jungen.

Nach eindringlicher Mahnung stotterte der Angesprochene: „Mein Bruder…er hatt‘ Fleisch. Ganz viel. Aber er hat nichts abgegeben. Alles hat er alleine aufgegessen.“

Fleisch war knapp und wurde Kindern bröckchenweise zugeteilt, das wusste Annika. Davon mussten sie geträumt haben.

Der Vorsitzende bohrte: „Woher hattest du das?“

„Ein großer Junge ist nachts zu mir gekommen. Mehrmals. Und hat mich zu einer Versammlung mitgenommen. Da gab es Fleisch, so viel man wollte.“

„Unglaublich. Einfach so? Oder musstest du dafür etwas tun?“

Voodo-Puppen gehören zum Hexenkult in Afrika

Jetzt blieb der Europäerin die Spucke weg. Sie fühlte sich um dreihundert Jahre zurückversetzt. Der Richter nahm doch tatsächlich die Fantasien für bare Münze! Das war kein Theater. Schauder liefen ihr über den Rücken. Haargenau die gleichen Aussagen kannte sie aus den alten Prozessakten. Unmündige Kinder hatten ohne Not denunziert und die daraufhin gejagten Menschen gestanden unter Folter alles.

Jetzt nuschelte der Junge so, dass der Richter ihm sein Ohr fast vor den Mund hielt: „Sie wollten das Blut meiner Mutter. Ich…habe bei ihr gesaugt. Dann ist sie gestorben.“

„Hast du es den Hexen gebracht wie verlangt?“ Die Stimme des Alten krächzte.

„Nein, ich habe es weggeschüttet. Ich hatte Angst.“ Der Junge schniefte. „Die anderen waren wütend auf mich. Nur weil ich versprochen habe, ihnen das Blut der Großmutter zu bringen, haben sie mir noch eine Chance gegeben.“

Annika spürte, dass die Empörung im Auditorium gärte, aber aus was für einem abwegigen Grund! Jeder mit gesundem Menschenverstand hätte über die ganze Lügengeschichte lachen müssen. Stattdessen erregte man sich über die Forderung. Keiner fragte, warum die Kinder solchen Blödsinn erzählten? Plapperten sie etwa nach, was alle fürchteten?

„Wie müssen wir uns das vorstellen? Hast du deine Mutter gebissen oder etwa geschnitten?“

„Zuerst habe ich sie in ein Tier verwandelt. In eine Ziege.“

„Iiiiih“, die Tante warf kreischend die Arme in die Luft.

Ja, waren die alle miteinander verrückt? Für jede Krankheit suchten sie in dieser Gesellschaft einen Schuldigen. Wahrscheinlich hatte die Familie für den Leichenschmaus eine Ziege gekauft und der Junge hatte sie für die Wiedergeburt seiner Mutter gehalten. Dann hatte der Lauser entweder in der Küche stibitzt und seinem Bruder einen Bären aufgebunden, oder das war ein Fall für den Psychiater!

Ohne ein Zucken um die Mundwinkel wandte sich der Inquisitor an das mittlere Kind: „Und du hast da auch mitgemacht?“

„Ja, er hat es mir beigebracht. Mein kleiner Bruder wollte mitmachen, aber der ist noch zu klein. Weil wir ihn daheimgelassen haben, hat er der Tante alles gepetzt.“

„Das kann doch nicht … Unterbinden… Um Himmels Willen. Zumutung!“ Rufe des Tribunals und der Zuhörer schwirrten durcheinander: „Könnte denn die Oma gerettet werden?“

„Vielleicht.“

Nun steckte das Gericht murmelnd die Köpfe zur Beratung zusammen, das allgemeine Zeichen zur Pause. Annika drängelte sich mit Egbe nach draußen. Um sie herum schnatterten die Zuhörer in ihre Mobiltelefone. Aggressiv, entsetzt, rachsüchtig.

Egbe brummte zwischen zwei Zigarettenzügen: „Wenn in Südafrika das Urteil zu mild ist, ruft der Mob zu Lynchmorden auf.“ Trotz der Schwüle bekam Annika Gänsehaut.

Der ohrenbetäubende Krach einer landenden Passagiermaschine kappte ihre Unterhaltung. Erst als der Krach verebbte, trat der Chief zu den beiden. Vertraulich beugte er sich zu der Weißen: „Das Problem ist, afrikanische Hexen schaden der Gesellschaft. Ihr seid viel geschickter. Ihr solltet unseren beibringen, wie man so was Tolles macht.“ Er zeigte ernsthaft dem Flugzeug hinterher. „Das ist der beste Beweis, wie gut Ihr seid. Ohne Zauberei hättet Ihr sowas nicht erfunden!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und ging zur Urteilsverkündung hinein.

Egbe starrte Annika an und kicherte. „Der hält dich für eine Hexenkollegin. Deshalb hat er dir den roten Teppich ausgerollt.“ Annika fand das alles andere als witzig.

Der Urteilsspruch lautete: Die Tante solle eine Ziege, eine Flasche Schnaps und Kolanüsse opfern und die Kinder schwören, nie wieder solchen Hokuspokus zu veranstalten.

Auf Annikas Bemerkung, damit werde doch die Tante bestraft, zuckte Egbe die Achseln: „Die Kinder besitzen nichts. Das ist wie eine Lebensversicherung. Würde sie nicht zahlen und die Kinder verstoßen, wären die dem Untergang geweiht, denn unser Staat kümmert sich um niemanden.“

Gott sei Dank, dachte Annika. die Grausamkeiten der Europäer werden wenigstens nicht eins zu eins kopiert. Halbwegs erleichtert ergriff sie die Flucht.




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