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Äthiopischer Brokat

Dr. Aide Rehbaum

Auf der Homepage der Autorin ist zu erfahren, dass sie Auftragsbiografien schreibt. Da der Klappentext ausdrücklich erwähnt, es handele sich um eine wahre Geschichte, ist davon auszugehen, dass Aide Rehbaum in diesem Zusammenhang auf ihren Stoff gestoßen ist.

Die Geschichte beginnt im Bonn der Nachkriegszeit. Durch einen Wahnsinnszufall gelangt die Schneidergesellin Elise als eines der ersten Aupairmädchen nach England. Ihre Träume sind: Modedesignerin zu werden und –ungeachtet leidvoller Erfahrungen- eine große Familie zu haben. Nach Ablauf ihres Vertrages bleibt sie in England und schlägt sich als Hilfskrankenschwester durch, um in Abendkursen ihre Ausbildung zu machen. Sie verliebt sich ausgerechnet in den äthiopischen Architekturstudenten Melese und durch die Heirat kann sie ihr Studium endlich ungehindert absolvieren.

Nach seinem Abschluss 1966 geht das Paar nach Äthiopien. Melese könnte der erste Architekt seines Landes werden, stattdessen findet er keinen Anschluss mehr an seine Kultur, ist arbeitsunfähig, depressiv, anspruchsvoll und arrogant. Sie gründet einen erfolgreichen Modesalon. Zur Clique der Reichen und Schönen zu gehören, Partys und Smalltalk sind zwar lange reizvoll, öden Elise aber irgendwann an, denn vor der Armut kann sie die Augen nicht verschließen.

Die Klischees über Äthiopien wie Hungerkatastrophen und Lepra werden in diesem Roman konkretisiert, kein Stoff für schwache Nerven. Die Protagonistin ist ein Workaholic, durch Arbeit entflieht sie ihren eigenen Dämonen, denn auch die große Familie bleibt Illusion. Wo sie Handlungsbedarf sieht, greift sie ein ohne Rücksicht auf sich selbst. Sie bricht zusammen, nachdem ihr Stiefvater droht, ihr jede Unterstützung zu entziehen, sollte sie es wagen, mit schwarzen Kindern, (die sie inzwischen adoptiert hat) nach Deutschland zurückkehren.

Keine Aufgabe ist ihr zu schäbig oder zu gefährlich. Jahrelang versucht sie sogar der kaiserlichen Familie, die seit der Revolution 1974 inhaftiert ist, zu helfen. Ihr Pass wird eingezogen. Erst 1994 gelingt ihr selbst die Flucht. Der Epilog rührt an, denn es gibt eine Alternative zur Altersdepression, auch diese letzte Herausforderung hat Elise angenommen.

Vergleichsweise wenige andere Berichte über Äthiopien sind greifbar. Man denke an die Erinnerungen von Missionarinnen, europäischen Angestellten des Kaiserhauses, Karl-Heinz Böhm und Prinz Asfa-Wossen Asserates Biografie des letzten Kaisers von Afrika. In dem Zusammenhang ist der Roman eine lesenswerte Ergänzung über ein Auswandererschicksal.

Sepp Spiegl

Verlag DeBehr

Preis12.95

ISBN9783957530868





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