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Jogging-Point

Wollen doch nur spielen!

 

Autor Gisbert Kuhn

Komisch eigentlich, wie sich manche Dinge hierzulande geradezu gegenläufig entwickeln. Da quellen, einerseits, jeden Tag die Kanäle und Zeitungsspalten der diversen Medien geradezu über von Meldungen über zunehmende Gewalttaten in der Gesellschaft, wachsende Respektlosigkeit gegenüber den Mitmenschen und spürbar weniger Rücksichtnahme im Verhältnis zu Schwächeren. Und da ist, andererseits, im Sprachgebrauch jene seltsame Tendenz zum Diminutiv, zur Verkleinerung, ja zum Kuscheldeutsch. Da mutiert das in Ehren und gegenseitiger Zuneigung ergraute Ehepaar in der medialen und privaten Beschreibung plötzlich zum „Pärchen“. Und Fußball-Profis, die normalerweise keinen Moment zögern, dem Gegner beim Kampf um den Ball das Schienbein zu polieren, werden mit verniedlichenden Namen bekränzt – Schweini statt Schweinsteiger, Poldi anstelle von Podolski und Lewandwoski wird zu Lewi. Na gut, bei Müller immerhin ist die verbale Streichelmanie noch nicht fündig geworden. Aber das ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.

Sprache ist Inhalt

Ok, das ist (vermutlich? vielleicht?) eine Zeiterscheinung, wie sie immer wieder mal aufkommt. Vor ein paar Jahren lautete in der so genannten Jugendsprache gefühlt jedes zweite Wort „total“. Danach kam „krass“. Mal sehen, wie lange sich „cool“ und „geil“ konkurrenzlos auf dem Markt der Adjektive tummeln können. Möglicherweise fällt eines Tages einem findigen Begriffsentwickler doch mal wieder auf, dass es auch Wörter gibt wie „schön“, „prima“, „außergewöhnlich“, „prächtig“, „traumhaft“  und noch viele mehr, um eine Sache oder einen Zustand positiv zu beschreiben.

Natürlich ist das, bei Lichte betrachtet, Pipifax. Es sind kulturelle Modeerscheinungen, die zwar die Sprache nicht gerade bereichern, aber auch nichts und niemandem schaden. Sollte man daher nicht Achsel zuckend, manchmal vielleicht sogar schmunzelnd, über die Entwicklungen hinweggehen, die sich im Laufe der Zeit in der Schatzkammer der Worte vollziehen? Dieser Meinung kann man, selbstverständlich, sein. Wer so denkt, übersieht allerdings etwas Entscheidendes: Sprache ist mehr als die Summierung von  Wörtern. Sie ist, klar, oberster Kulturträger eines Volkes und das wichtigste Verständigungsmittel zwischen den Menschen. Aber sie ist damit, zuvorderst, auch Inhalt. Und dabei kommt es, oft genug, eben auf scheinbare Kleinigkeiten an.  

„Bereit“ oder „entschlossen“?

Eigentlich müssten die jüngsten Vorfälle im Fußballspiel zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig auch den letzten Verharmloser aufrütteln. Was dort auf den Rängen der Südkurve von einer gut organisierten Minderheit veranstaltet wurde, sprengte (Plakate) nicht nur die Grenzen selbst des schlechtesten Geschmacks, sondern erfüllte (körperliche  Attacken) bei Weitem den Tatbestand der Kriminalität. Trotzdem wurden diese Täter in der Berichterstattung immer noch als „Fans“ bezeichnet. Das mag aus Gedankenlosigkeit heraus geschehen sein, ist damit jedoch trotzdem eine nicht hinnehmbare Verharmlosung der Täter und ihrer Motive. Zudem beinhaltet die Formulierung  – mehr noch – eine veritable Beleidigung der wirklichen Fußballfreunde und Vereinsanhänger.

Nun werden die Schläger, Steine- und Pyros-Werfer gern mit dem Begriff „gewaltbereit“ versehen. Damit soll, sicher, eine gewisse Abgrenzung zu den fried- und freudvollen Fans bschrieben werden.  Doch auch diese ist falsch, weil ebenfalls verharmlosend. Denn der Haufen, der in Dortmund schon außerhalb des Stadions sogar Frauen und Kinder attackierte, der (man mag es kaum glauben) ein paar Tage später mit Bussen und mitgeführten Sprengkörpern, Schlag- und anderen Werkzeugen nach Darmstadt reiste – der war keineswegs bloß „bereit“ zur Gewalt. Die Kerle waren schlicht und einfach „entschlossen“ dazu. Und hätte sie nicht die Polizei gestoppt und aus dem Verkehr gezogen, wäre ihnen egal wer als Opfer willkommen gewesen. Man sieht, die Sprache macht schon den Unterschied.

Ein Problem der Gesellschaft

Der wegen der skandalösen Vorgänge unter Druck geratene Borussen-Präsident Hans Joachim Watzke hat natürlich recht mit seinem Verteidigungs-Argument, die vor allem auf den Fußballplätzen erkennbare allgemeine Verrohung von Sprache und Verhalten sei kein auf die Kicker begrenztes Phänomen, sondern betreffe die gesamte Gesellschaft. Und richtig ist auch der Hinweis auf die zunehmend überforderte Polizei und eine allzu nachsichtige Justiz. Bloß – das ist ja keine neue Erkenntnis. Was sich da zusammen braut, konnte man schließlich schon seit langem beobachten. Wenn man es denn sehen wollte. Inzwischen hat es sich wohl bis zum lang- und sanftmütigsten Toleranzpredigers rumgesprochen, dass die gut organisierten Schlägertrupps ganz sicher nicht nur spielen wollen. Mit welchen Konsequenzen?

Gisbert Kuhn     

 

 
     

 


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