- Anzeige -

WM ist geritzt

WM und der Kult des Stichelns

Arschgeweih

Das Tattoo „Arschgeweih“ ist out

Kurz vorweg

Meine Position ist klar: Ich bin gegen Tatoos. Ich halte das für Körperverletzung. Meine  Toleranz aber lässt jedem sein „Arschgeweih“. Ist eben Kult, aber auch alte Kultur…

Mitten in der Fußball-WM oute ich mich als erklärter Tattoo-Gegner. „Wow“, antwortete mir ein junger Mann. „Und jetzt? Was hat das mit der WM zu tun?“ forderte er mich lächelnd heraus. „Von älteren Leuten wie Du bin ich so eine Tattoo-Phobie schon gewohnt.“ Aber heute sei das eben einfach normal! Und sein finaler Tiefschlag in mein angegrautes Seelenkostüm: „Das versteht ihr Alten nicht.“ Als Unterstreichung zog er wie zufällig seinen rechten Hemdsärmel hoch. Mein Blick richtete sich gebannt auf eine farbige Ornamentenansammlung. Ich wechselte das Thema, weil mir meine häufig gesungene Arie gegen das Hautstechen fehl am Platze erschien. Sichtlich erleichtert dankte es mir der junge Mann. Beim Beine-Übereinanderschlagen offenbarte er mir als Zugabe oberhalb seines linken Knöchels eine kleine in seiner Haut verewigte schwarze Meerjungfrau. Diese Packung als mich überraschendes Anti-Klischee-Training hatte gesessen.
Die zweite Packung bekomme ich dann abends beim WM-Rudelgucken in meinem Stamm-Bistro. Deutschland spielt – das verbindet uns alle auf so herrlich generationsübergreifende Art. Was uns aber lautlos trennt – die Tattoos. Mein Blick ist inzwischen geschärft. Ich entdecke diese kunstvollen Ritzereien mal hier auf der Hand eines Mannes, mal dort auf dem Oberarm einer jungen Frau. Von dem traditionellen Arschgeweih einer sich auf einer Bierbank weit nach vorne streckenden Dame ganz zu schweigen („Toooor!“). Leider outet sie sich damit als von gestern. Aber es geht ja hier und heute um Weltfußball – und eben nicht um kleinkarierte Hautbetrachtungen.

Tattoo normal

Boateng

Nationalspieler Jerome Boateng mit Tattoo

Also richte ich meine Augen auf das wirklich Wichtige. Auf gut durchtrainierte Männer, die unser Schwarz-Rot-Gold-Bewusstsein auf dem Kicker-Grün verteidigen. Deutschland gewinnt klar …also alles klar! Ist es aber nicht, denn als nun wirklich nicht kenntnisreicher punktueller Fußball-Gucker habe ich über meine Tischnachbarn in der Halbzeitpause weniger über Abseits & Co gelernt, sondern über die Hautbotschaften von begnadeten Künstlern am Ball.
Ungewollt liefere ich wieder mal einen Anlass für jugendliches Kopfschütteln. Ich kann trotz brillanter Bildtechnik auf dem Riesenschirm nicht ausmachen, was sich da so auf der freiliegenden Haut vieler Spieler abspielt. Eine neben mir sitzende junge Frau im passenden Triko-Outfit und mit eingeritzter Schlange am Hals lacht lauthals, drückt meinen Arm und klärt mich auf: „Mensch, das sind doch supergeile Tattoos, die unsere Jungs da haben!“ „Aha“, ist meine matte Antwort. Und unmittelbar folgend erhalte ich eine Druckbetankung durch die Fans um mich herum. Ob ich denn nicht wüsste, dass der Bayern-Verteidiger Jerome Boateng auf dem Rücken den Stammbaum seiner Familie mit 21 Namen als Tattoo trägt. Es rührt mich in die völlige Sprachlosigkeit hinein, dass der spanische Mittelfeldspieler von Manchester City, David Silva, nach jedem Tor den Schriftzug „Cynthia“ auf seinem linken Handgelenk küsst. Damit ehrt er das Andenken an seine Cousine, die mit drei Jahren an Krebs starb.

Mach mir den Tiger

angelina jolie tattoos 14

Angelina Jolie mit ihren Tattoos

Angesichts solch emotionaler Tiefe schmelzen meine Klischees über die Träger von Tattoos und meine strikte Ablehnung überraschend schnell von der Oberfläche. Ich verdrücke mich etwas beschämt nach dem Spiel in die hinterste Ecke meines Bistros und ziehe eine kleine Geschichte des Tattoos durch mein Smartphone. Ich lerne, dass der 5300 Jahre alte Ötzi schon tätowiert war. Vermutlich als Unterstützung für Akkupunktur. Und dass es große Tattoo-Kulturen beispielsweise in Indochina, Polynesien, Indonesien oder Thailand gab oder noch gibt.
Noch in der Neuzeit ließ sich keine geringere als Angelina Jolie 2004 vom thailändischern Tattoo-Meister Ajam Noo Kamphai einen Tiger auf ihren Rücken stechen – warum auch immer. Meistens geht es beim Tattoo-Kult und ihrer zur Schau gestellten zweiten Haut um Schutz vor bösen Geistern, um magische Kräfte, um Verleihung von Stärke, aber auch um Körperschmuck oder sogar sexuelle Stimulanz. Mir wird deutlich: Die Menschen haben hiermit ihren Alltag bewältigt. Auch wenn heute ein Tattoo vielfach nur als eher inhaltsentleerter Schmuck auf der Leinwand Haut getragen wird, so scheint er doch bis in die Gegenwart vielen Menschen zu helfen, ihr Selbstbwusstsein, ihre Besonderheit herauszustellen. Und eine alte Weisheit lautet, dass die Kraft des Tattoos nur vom Träger kommen kann. Das stimmt mich in meinen Vorurteilen wieder etwas milder.

Zwischen Monroe und Manson

Am folgenden Morgen sind bei mir mitreißende Fußballeuphorie und aufkeimendes Tattoo-Verständnis deutlich abgekühlt. Am meisten beschäftigt mich, wie denn ein Tattoo, in jungen Jahren gestochen, als Bild mit und auf dem Menschen altert. Was ist, wenn nach Jahrzehnten aus einer strahlenden Marylin Monroe ein Zombie namens Marylin Manson wird?
Und wieder lerne ich über Internet dazu. Der wirklich erfahrene Tattoo-Meister bezieht nämlich schon bei der Strichführung mit ein, dass die später schlaffere Haut größere Strichbreiten erzeugt. Die Linienstärke verdoppelt sich innerhalb von sieben Jahren. Das Bild soll ja auch in späteren Jahren noch ansehnlich aussehen. Obwohl man dennoch die Gesetzmäßigkeit nicht umkehren kann, dass jede Blume irgendwann den Kopf hängen lässt. Es bleibt dabei, dass mit zunehmendem Alter die Haut dünner, rissiger und trockener wird. Auch das Bild selbst altert. Die Gegenmittel: Pflege der Haut und des Tattoos. Immer gilt: Sonne ist der Feind der Haut und des Tattoos. Eigentlich schade.

Farbe bekennen

001372ac9cf212bcfead18

Wahre Kunstwerke auf nackter Haut

Tja und an dieser Stelle bekommen die Tattoo-Zweifler wieder weitere Nahrung. So haben die Dermatologen des Royal Blackburn Hospitals in England in einer Studie belegt: Jeder dritte Tätowierte bereut es, dass seine Haut mit bis zu 7000 Stichen pro Minute zur Leinwand wurde. Besonders stark wird die Reue, je früher die Haut mutwillig verletzt worden ist. Vor allem Männer wünschen sich die Körperbilder irgendwann wieder weg. Und noch eins ist bemerkenswert. Jeder zehnte Deutsche über 14 Jahren ist tätowiert. Das hat eine repräsentative Umfrage für „Bild am Sonntag“ herausgefunden. Am häufigsten tätowiert sind danach die 30 bis 39-Jährigen (23 %). Bei Menschen ab 60 tragen nur zwei Prozent Tattoos.
Nun ist mir auch klar, warum es hier einen Generationenkonflikt gibt. Denn als ich jung war, trugen zum Beispiel eher Seeleute solche kunstvollen Hautverletzungen. Für Otto Normalbürger war das ein No Go. Und was Hännschen…na, ja. Also stehe ich als Tattoo-Feind zumindest in meinem Altersrudel nicht ganz alleine da. Und das gibt mir Mut, weitere Nachteile zu sehen. Zum Beispiel die Farben. Sie stammen häufig aus industriellen Restbeständen und können in bestimmten Fällen Krebsverursacher sein. Nun leben wir ja in einem hochziviliserten Land mit einem dichten Netz von Rechtsgütern. Hierzu zählt auch die 2009 erlassene Tätowiermittelverordnung. Hieraus kann jeder Tätowierwillige entnehmen, welche Inhaltsstoffe erlaubt sind. Das tröstet und ängstigt irgendwie zu gleichen Teilen.

Ein milder Gegner

Fazit für mich als Senior und dennoch nach wie vor überzeugter Tätowierungsgegner: Ich habe gelernt, dass hinter dem Tattoo-Kult historisch im Kern ein tieferer Sinn steht. Mir ist über den Fußball sehr deutlich geworden, dass Tattoos bei der jüngeren Generation ein absoluter Megatrend sind. Mir wurde bewusst, wie wichtig offensichtlich vielen Menschen bis in die Mitte in unserer Gesellschaft hinein solche verdeckten und offenen Botschaften sind. Mich tröstet, dass jeder die Chance hat und nutzen sollte, sich vor einem Tattoo-Schritt gründlich zu informieren. Die Möglichkeiten sind reichlich. Und ich habe gelernt, dass auch zunehmend Menschen über 50 solche Schritte tun – insbesondere wohl Frauen.
Und ich empfinde es auch und gerade als Tattoo-Gegner wieder einmal als sehr wohltuend, in einer äußerst toleranten Gesellschaft zu leben. Es ist schön zu sehen, wie unterschiedliche Fan-Gruppen im Rudel jeweils ihre Mannschaften bejubeln, sich aber auch mit den anderen freuen oder mit ihnen leiden – mit oder ohne Tattoos.
Und mir stechen die kleinen und großen Tattoos um mich herum nicht mehr so stark ins Auge!
Dieter Buchholtz

 

tom-leppard

Tom Leppard (80)

Nachgenadelt

Leopard-Rentner
Tom Leppard (80) von der Isle of Skye trägt laut Guiness-Buch der Rekorde den Titel des meisttätowierten Rentners. Er hat 99% seines Körpers mit einem Leopardenfell-Muster tätowieren lassen.
Rekord-Rentnerin
Die meisttätowierte Rentnerin der Welt ist die Britin Isobel Varley. Sie hatte erst mit 50 Jahren begonnen sich zu tätowieren. 93 % ihrer Haut sind mit Tattoos bedeckt.

 

Leser-Kommentar

Nicht mein Ding

Du sprichst mir aus der Seele mit Deiner kritischen Betrachtung dieser Körperbilder. Und es ist wirklich auffällig, wie viele Fußballer bei der WM diesen „Hautschmuck“ tragen. Vor vier Jahren war das bei weitem noch nicht so.

Na klar, es ist wohl eine Frage des Alters, ob man das schön findet oder nicht. Und alles ist irgendwie Geschmackssache. Aber mein Ding ist das gar nicht. Und wenn man bedenkt, dass diese Fußballer auch Vorbildcharakter haben, nicht nur , was das Sportliche betrifft, sondern eben auch in jeder anderen Hinsicht, na, au weia! Von der gesundheitlichen Seite des Tätowierens mal ganz zu schweigen.
Ich freue mich, daß Du dieses seltsame Phänomen thematisiert hast und Dich auch nicht davon abbringen lässt, Tattoos blöd zu finden. In mir findest Du eine glühende Mitstreiterin!!!
Katrin, Berlin




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden