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Wir Angstmeister

Autor Gisbert Kuhn

 „Postfaktisch“ heißt also das Wort des Jahres 2016. Ein künstlich gebastelter Begriff. Nie gehört vorher. Obwohl, im Englischen gibt es den schon etwas länger. Dort heißt er „post truth“. Frei übersetzt: „Wichtiger als die Wahrheit“. Laut dem renommierten Oxford dictionary beschreibt er einen Zustand, in dem objektive Fakten und nachprüfbare Wirklichkeit kaum mehr eine Rolle in der politischen Auseinandersetzung spielen. Und zwar deshalb, weil immer größere Bevölkerungsgruppen darauf beharren, dass ihre „gefühlten“ Realitäten mit den „gelieferten“ Fakten nicht übereinstimmten, weil letztere ja sowieso keine Wahrheiten, sondern lediglich Erfindungen der „Eliten“, beziehungsweise der „Lügenpresse“ seien. Diese Interpretation kann nahtlos für das neue deutsche Modewort „postfaktisch“ übernommen werden.

Trump-Wahl als Bestätigung

Die kürzlich erfolgte Wahl von Donald Trump zum künftigen amerikanischen Präsidenten ist die überzeugendste Bestätigung dieses auch bei uns wie in vielen anderen (eigentlich zivilisierten) Ländern zunehmenden Trends. Der hemdsärmelige Multimilliardär machte sich gar nicht erst die Mühe, etwa mit geschickt geschneiderten Halbwahrheiten und Gerüchten das Denken von Millionen US-Bürgern zu beeinflussen. Nein, er warf geradezu lustvoll um sich mit plumpen Lügen. Das Verrückte – die Leute wussten das, und liefen dem Mann dennoch in Scharen zu. Und hierzulande? Im kommenden Jahr finden in Deutschland Urnengänge zu drei Landtagen und eine Bundestagswahl statt. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass die benannte Unkultur aus den USA mit voller Wucht auch zu uns herüber schwappen wird.  

Was heißt „wird“. Das findet doch längst schon in großem Maße statt. Wer pro Tag auch nur eine einzige Stunde in „facebook“ verbringt, muss innerlich schon ordentlich gefestigt sein, um nicht in Angst und Panik zu verfallen angesichts der auf ihn einprasselnden Schreckensszenarien über den angeblichen immer mehr verarmenden, zunehmend demokratiefeindlichen, von einem dümmlich-habgierig-lügnerisch-elitären Politiker-„Pack“ herbeigeführten Zustand Deutschlands. Das Seltsame dabei ist, dass in allen Umfragen seit vielen Jahren eine stabile Mehrheit im Großen und Ganzen Zufriedenheit vermeldet – aber gleich darauf, im nächsten Satz sozusagen, in lautes Weh und Ach mit Blick auf die Zukunft ausbricht.

„Ich bin so betroffen“

Ja, Deutschland ist nicht nur Fußball-Weltmeister, es ist auch mentaler Angstmeister. Mindestens ebenso wohl fühlt man sich in der Betroffenheits-Rolle. Beispiel? Als im März 2011 ein gewaltiger Tsunami im japanischen Atomkraftwerk Fukushima eine Katastrophe auslöste, schrien im mehr als 9000 Kilometer vom Unglücksort entfernten Deutschland hunderttausende Demonstranten, sie seien „so betroffen“. Dass diese Klage in Wirklichkeit den Japanern und Südostasiaten zugestanden hätte, war im europäischen Epi-Zentrum der Betroffenheitskultur keine einzige Überlegung wert. Immerhin war die Stoßwucht der Angst- und Empörungsaufmärsche groß genug, um die Bundesregierung um Angela Merkel zu einer sofortigen Totalumkehr ihrer erst ein Jahr zuvor beschlossenen Energiepolitik zu veranlassen.

Um nicht missverstanden zu werden – hier sollen menschliche Ängste und Sorgen nicht banalisiert werden. Sie gehören zum Leben wie das tägliche Brot. Es geht vielmehr darum, inwieweit sich der Einzelne oder die Gesellschaft in ein Gefühlschaos und damit zu Handlungen und Reaktionen treiben lassen, die am Ende (im schlimmsten Fall) unkontrollierbar werden. Es ist ja wahr, die Krisen in der Welt sind Furcht erregend. Ganz egal, ob es sich um Massenflucht vor Krieg und Hunger handelt oder um die noch von niemandem wirklich real einzuschätzenden sozialen, wirtschaftlichen und menschlichen Folgen der Digitalisierung und Globalisierung. Natürlich ist auch die Forderung richtig, diese Herausforderungen müssten dringend angegangen und gelöst werden. Aber dann wird – wiederum hauptsächlich in den (un)sozialen Medien – sofort Gift und Galle genau über jene ausgeschüttet, von denen die Lösungen erwartet werden, „die“ Politiker.

Hass und Zivilisation

Es ist eine ebenso banale wie richtige Erkenntnis, dass in einer Demokratie Kritik wie das Salz zur Suppe gehört. Und dass zum Gelingen der „res publica“ unbedingt auch das bürgerliche Engagement unerlässlich ist. Zu diesem Zusammenspiel würden – theoretisch – das Internet und dort besonders die modernen digitalen Dialogmedien wunderbar passen. Aber gesellschaftliches Mitmachen, Anregen, Ablehnen kommt aus der Bereitschaft, sich einzubringen. Gewiss, das geschieht mitunter auch. Aber es verschwindet in den Lawinen von Hass, Gewaltaufrufen und Mobbing, die inzwischen längst nicht mehr nur unter dem schützenden Nebel der Anonymität ausgelöst werden, sondern bei völliger Preisgabe der Identität.

Woher kommen diese Ausbrüche? Fühlt man sich bei uns nicht mehr der Zivilisation zugehörig? Bedeuten simple Anstandsregeln nichts mehr? Erinnern sich zunehmend weniger Menschen daran, dass Kommunikation vor allem im verbalen (und nicht digital-minimierten) Austausch von Meinungen und Fakten erfolgt; und das bedeutet, nicht zuletzt, gegenseitiges Zuhören. Sind das Wissen und die Überzeugung in Vergessenheit geraten, dass Demokratie immer den Ausgleich der nun einmal naturgegeben unterschiedlichen Interessen anstreben und damit zwangsläufig aus Kompromissen bestehen muss? Bewahre uns deshalb der Himmel (oder besser: tun wir es selber!) vor dem angeblich allein selig machenden Instrument der bindenden Volksabstimmungen, in denen wohltönende Verführer mit simplen (aber unerfüllbaren) Heilsversprechen auf Menschenfang gehen würden.

Eine schiefe Ebene

Allerdings – es ist gleichwohl hohe Zeit für ein Innehalten und ein gemeinsames, alle relevanten Gruppen der Gesellschaft umfassendes Nachdenken über den Zustand, in dem sich Staat und Bevölkerung befinden. Es kann ja keinen Zweifel geben, dass wir seit geraumer Zeit schon auf einer immer schiefer werdenden Ebene turnen. Mobbing in den Schulen, Gewalt gegen Lehrer, Angriffe auf Polizisten, Feuerwehr- und andere Rettungsleute, Attacken in U-Bahn-Stationen, Mordanschläge auf Flüchtlings- und Asylantenheime… Ist unsere Gesellschaft krank? Natürlich rächt sich jetzt, dass jahrzehntelang „Werte“ wie Rücksichtnahme, Autorität, Leistung, Anstand, Freundlichkeit, aber auch öffentliche Sicherheit, verlässliche Justiz und, und, und… nicht nur sträflich vernachlässigt, sondern oft genug als überflüssig, weil angeblich gestrig, belächelt und in den gesellschaftlichen Mülleimer geworfen wurden.

Diese Probleme endlich energisch und mutig anzugehen, wäre dringend das Gebot der Stunde. Denn es kann doch im Ernst nicht das Ziel der Menschen hierzulande sein, geradezu verliebt in ihre Ängste als Weltmeister der prophylaktischen Melancholie in der Welt zu gelten. Zumal: Es ist Weihnachtszeit. Auch jenen, die vielleicht nicht unbedingt zu den regelmäßigen Kirchengängern gehören, ist sicher noch aus der Kindheit, aus der Schule oder woher auch immer der zentrale Satz aus dem Weihnachtsevangelium nach Lukas im Gedächtnis. Es ist die Botschaft des Verkündigungsengels an die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem: „Fürchtet Euch nicht!“ Diese Aufforderung könnte ebenso gut heute erfolgen: Fürchtet Euch nicht vor den Scharen der Weltuntergangspropheten – nicht vor denen in Talkshows, auf Pressekonferenzen, auf Kanzeln und auch vor jenen nicht, die in den Medien einfach nur dem alten Journalisten-Wahlspruch folgen, wonach nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten seien. Setzt stattdessen auf eigenes Nachdenken, fordert Fakten ein und überprüft Behauptungen. Vor allem aber misstraut jenen, die nur Gefühle und Emotionen anzusprechen versuchen.

Gisbert Kuhn

p.s.: Wem diese anempfohlenen Mühen allerdings zu anstrengend sein sollten, der kann als Sündenbock für alles Unangenehme auch hier natürlich wieder Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, heranziehen. Hatte sie nicht  am 19. September, nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bedeutungsschwer festgestellt: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten“…?          




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