- Anzeige -

Wieder entdeckt: Heimat

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Haben Sie sich, verehrte rantlos-Leserschaft, auch schon verwundert die Augen gerieben oder Ihren Ohren nicht getraut? Da ist doch tatsächlich, und das sogar noch scheinbar unvermittelt, ein Begriff im deutschen Sprachgebrauch wieder aufgetaucht, der nicht nur seit Jahrzehnten von den rührigen, selbst ernannten  Wächtern der “Politischen Korrektheit” mit Acht und Bann belegt war, sondern eigentlich bereits aus dem heimischen Vokabular verschwunden zu sein schien: Heimat. Ausgerechnet Heimat! War das nicht der erklärte Lieblingsfeind der „Achtundsechziger“ und ihrer Jünger im heimischen Wortschatz – ja, im Grunde der gesamten, im aufgeklärten Weltbürgertum versammelten, Linken? Heimat, so rümpfte man dort angeekelt die Nase, das roch unangenehm süßlich nach „Förster vom Silberwald“ und „Sennerin von St. Kathrein“, erinnerte kitschig an Gartenzwerge. Viel schlimmer noch:  Heimat, das verband man geradezu zwangsläufig mit der Vorstellung von reaktionären Vertriebenenverbänden und deren vorgeblich insgeheim nie aufgegebenen Zielen der Rückgewinnung des nach dem Krieg Verlorenen.

Die AfD im Nacken

Und nun plötzlich feiert der Begriff mit einem Mal wieder fröhliche Auferstehung;  ist zwar noch nicht ganz in aller Munde, aber doch immerhin angekommen bei nicht völlig unwichtigen Multiplikatoren. Vor allem, weil diese nicht (wie naheliegend zu vermuten gewesen wäre) im konservativen, sondern im linken Lager zu verorten sind.  Beispielhaft erwähnt seien hier der Bundespräsident (und Sozialdemokrat) Frank-Walter Steinmeier und die Grünen-Spitzenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt. Am 3. Oktober, bei der Feier des Tages der Deutschen Einheit in Mainz, hatte Steinmeier u. a. gesagt: „Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, ist nicht von gestern. Im Gegenteil: Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat“.  Und von Göring-Eckardt stammt diese bemerkenswerte Aussage aus dem Wahlkampf: „Es ist unsere Heimat. Und in Sachen Heimatliebe lassen wir uns von niemanden übertreffen“.

Nun wäre es ja erfreulich, wenn die Erkenntnisse und die damit einhergehende Renaissance des Heimat-Begriffs Resultate von – sagen wir – Selbsterforschung wären. Also von einer Überprüfung vielleicht früherer und nun als falsch erkannter Denkweisen. Ganz so ist es freilich nicht. Denn sowohl der Bundespräsident als auch die thüringische Grüne ließen durchblicken, dass ihre Äußerungen zum Thema Heimat nicht zuletzt der Sorge entsprangen, man werde dieses gefühlsmäßig besetzte Thema sonst der rechts-konservativen „Alternative für Deutschland“ (AfD) überlassen. Tatsächlich hatte deren Bundestags-Spitzenkandidatin Alice Weidel – vor dem Hintergrund  der Flüchtlings-Problematik anscheinend nicht ohne Erfolg – vor der Stimmabgabe an die Wähler appelliert: „Holen Sie sich Ihr Land zurück! Deutschland zuerst – weil wir auch in Zukunft dieses Land unsere Heimat nennen wollen!“

Ein schwieriger Begriff

„Unsere Heimat?“ Was ist das eigentlich? Das Vaterland? Dort, wo die Muttersprache daheim ist? Lässt sich der Begriff geografisch eingrenzen? Das Wort gibt es in keiner anderen Sprache. Die Angelsachsen versuchen es zu übersetzen mit „homeland“ oder „native country“. Doch das trifft den Kern genauso wenig wie das französische „patrie“. Gustav Heinemann, einer der Vorgänger Frank-Walter Steinmeiers als Bundespräsident, hatte nach seinem Amtsantritt am 1. Juli 1969 gesagt: „Es gibt viele schwierige Vaterländer. Eines der schwierigsten ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland“. Wohlgemerkt: Vaterland. Nicht Heimat. Kein Wunder, vielleicht, in einem Land, das – die längste Zeit politisch und geografisch zerrissen – seit mehr als 200 Jahren mit diesem Begriff ringt und hadert. Schon der Dichter Joseph von Eichendorff trauerte vor nahezu zwei Jahrhunderten melancholisch um seine „untergehende Heimat“. Und Ernst-Moritz Arndt fragte „Was ist des Deutschen Vaterland?“  Sollen nun alle Literaturfreunde ihre Eichendorff- und Arndt-Gedichte fortschmeißen? Weil die „Grüne Jugend“ – schulmeisterlich und daher natürlich auch keinen Widerspruch duldend – belehrt, dass „Heimat“ ein „Begriff der Gegenaufklärung und Irrationalität“ und daher nicht zufällig „in der Romantik entstanden und im Nationalsozialismus gebraucht“ worden sei?

Es mag schon sein, dass die Wiederentdeckung dieses irgendwie Wärme, Geborgen- und vielleicht auch Sicherheit ausstrahlenden Begriffs tatsächlich etwas zu tun hat mit der erregten innenpolitischen Debatte im Zusammenhang mit dem Massenzustrom von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen seit etlichen Jahren. Aber ursächlich ist das nicht. Denn erstaunlicherweise sprangen schon zur Jahrtausendwende nicht wenige ausgerechnet jener (sich ansonsten ja eher gern linksliberal-fortschrittlich gerierenden) Medien auf das „Heimat“-Thema. Der „Stern“ gehörte genauso dazu wie die „Zeit“. Nun haben Zeitungen und Zeitschriften natürlich immer auch etwas mit wirtschaftlichem Erfolg – Klartext: Verkauf – zu tun.  Und siehe da, nicht nur wurden gegen Ende des 20. Jahrhunderts immer mehr Umfragen dazu gemacht – diese wiesen, vor allem, eine große Bindung der Deutschen zum Begriff „Heimat“ aus. Nämlich nahezu 60 Prozent. Kein Wunder daher, dass die einstigen Spötter eingeschwenkt sind und „Heimat“ in den Redaktionen wieder salonfähig wurde.

„Heimat“ ist nicht unbedingt schwarz-rot-gold

Indessen, wirklich interessant ist nicht diese Zahl. Wie wäre sonst der Erfolg zu erklären, den der Regisseur Edgar Reitz bereits 1984 mit seiner TV-Trilogie “Heimat“  um das fiktive Hunsrück-Dorf Schabbach erzielte? Was allerdings verblüfft, sind die Auswertungen der Befragungen. Deutschland als geografische Größe (als Lebensraum also) spielt bei den Erhebungen von Infratest weder 1999 noch zehn Jahre später bei der von Emnid für die Bundesbürger eine besondere Rolle. Gerade einmal elf Prozent antworteten mit „Deutschland“ auf die Frage nach Heimat. Trotzdem weiß die überwiegende Mehrzahl im Lande, was sie als Heimat sucht. So stimmten 92 Prozent der Befragten der Definition zu: „Menschen, die ich liebe beziehungsweise mag, zum Beispiel Familie, Freunde, Verwandtschaft“. Auf ähnliche Werte kamen „mein Zuhause“ und „Gefühle und Empfindungen zum Beispiel Wohlfühlen, Geborgenheit, Sicherheit, Zufriedenheit“. Heimat, mit anderen Worten, trägt nicht unbedingt die Farben schwarz-rot-gold.

Ganz so einfach, allerdings, können es sich die Medienmacher und Meinungsbefrager wohl doch nicht machen. Denn diese simplen Betrachtungsweisen lassen schlichtweg die Tatsache außer Acht, dass mit „Heimat“ (um genau zu sein: dem Verlust derselben) ungezählte Schicksale, Tragödien und Verzweiflung verbunden sind. Der Dichter Theodor Fontane äußerte einst: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen“. Und, nicht inhaltlich, sondern nur sprachlich ein wenig verändert, stammt von dem Flüchtling und KZ-Überlebenden Jean Amery der Satz: „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“. Mithin ist Heimat tatsächlich nicht zwangsläufig dort, wo man gerade lebt und sich wohl fühlt. Sondern sie ist zugleich ein Gefühl – eines, das nur schwer zu beschreiben ist. Man weiß das von den Erzählungen vieler Emigranten. Von Menschen also, die (durchaus im Sinne des Wortes) entwurzelt wurden. Denen sich die Ferne verklärte und die Sehnsucht danach unerträglich wurde. Er sei, schrieb etwa der Emigrant und Schriftsteller Stefan Zweig, „erschöpft durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns“. Und resigniert, „nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet“. Kurz darauf nahm er sich mit seiner Frau 1942 in Brasilien das Leben.

Was lehrt uns das?

All diese Überlegungen und Geschichten sind ja ganz schön und gut. Aber besitzen sie auch irgendeinen Nutzwert? Natürlich tun sie das. Und sei es nur die Einsicht, dass es für uns Deutsche endlich an der Zeit ist, ein vernünftiges und unverstelltes Verhältnis zu uns selbst und unserem Land herzustellen. Kein von Pathos ummanteltes, aber auch kein von Misstrauen – ja, sogar Hass – verzerrtes. So wie ein Schiff ohne Anker ziellos treibt, ist ein Mensch ohne Verwurzelung nur Treibgut. Und dies in einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht, in der sich bislang fest gefügt geglaubte Bindungen auflösen, in der Globalisierung und Digitalisierung zum einen als neue Heilsversprechen gepriesen, andererseits für Viele zu Schreckgespenstern werden.  Kein Wunder daher: Es heimatet sehr.     

Kommentare an: gisbert.kuhn@rantlos.de




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden